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Kunst

Stefan Göler zeigt uns das Unsichtbare

Der Regensburger Künstler ist ein Philosoph, der sich an Problemen aller Art festbeißt. Bei ihm wird alles Bild: das Schauen und das Denken.
Von Helmut Hein, MZ

  • „Unsichtbare Sehenswürdigkeiten“: Stefan Göler vor dem Titelbild seiner Ausstellung in Distelhausen Foto: Sperb
  • Eine große Schau bis in die kleinsten Details und Einzelheiten: Stefan Göler in der Galerie Carola Insinger. Foto: Donauer

Distelhausen. Stefan Göler liest viel. Er steht am Vernissagen-Sonntagnachmittag mitten in den schönen Räumen der Galerie Carola Insinger in Distelhausen und sagt: „Ich bin wie ein Schwamm. Ich sauge alles auf.“ Auch der auf den ersten Blick merkwürdige Titel seiner aktuellen Ausstellung, „Unsichtbare Sehenswürdigkeiten“, verdankt sich einer Lektüre, wenn er sich recht erinnert: Franz Kafka war mit seinem besten Freund Max Brod in München. Sie wollten etwas von der Stadt sehen. Aber das Wetter war schlecht und Kafka versank, draußen war es längst dunkel, in den Polstern seines Taxis. Wahrnehmen ließ sich so gut wie nichts. Die Vorstellungskraft musste an die Stelle des unmöglichen sinnlichen Eindrucks treten: „Unsichtbare Sehenswürdigkeiten“ nannte Kafka das, was er bei diesem, man könnte schon sagen kafkaesken, München-Sightseeing mitbekommen hat.

Göler, der Schwamm, der alles aufsaugt, ist nicht nur ein passionierter Wissenschaftler und Weltraumkundiger, sondern auch ein mutiger Reisender bis hinab an den immer noch kalten Südpol und ein Philosoph, der sich an Problemen aller Art festbeißt. Weil gerade die Zeit der Geständnisse angebrochen ist, zeigt er sein – nun ja – Lieblingsbild: ein äußerst zerbrechliches Eierschalenarrangement. An der Innenseite der Schalen sind kleinste Zettelchen mit Worten und Begriffen angebracht. Für Göler ist das eine Art Metapher. Es geht um die Situation oder vielleicht besser „condition“ des Menschen, vor allem seines Denkens und Fühlens. Das Denken und Fühlen braucht einen Raum. Das ist der Schädel. Die Eierschalen stehen für den Schädel und zeigen, wie zerbrechlich er im Grunde ist. Eine falsche Bewegung und alles ist vorbei!

Eine große Schau

Man zögert ein wenig, das Ganze ein Bild zu nennen, weil es sich doch, unübersehbar, um ein in den Raum, die dritte Dimension ausgreifendes Objekt, ja vielleicht sogar um eine Installation handelt. Göler bestreitet das nicht. Aber alles, was er tut, ist Zeichnen, auf diese oder jene Art und manchmal eben voluminös. Horace Walpole, der Erfinder des Schauerromans im 18. Jahrhundert, sagt: Erkennt man die Welt, wie sie ist, ist sie eine Komödie, fühlt man, wie sie ist, eine Tragödie.

Diese „Unsichtbaren Sehenswürdigkeiten“ sind Stefan Gölers schönste und konsequenteste Ausstellung seit langem. Man könnte meinen, wenn man nur flüchtig schaut, es handele sich da um Fundstücke, „objets trouvés“. Aber der Künstler besteht darauf, dass er alles, fast alles, selbst hergestellt hat, auch das, was zunächst wie Kram vom Trödel wirkt. Es ist eine große, überwältigende Schau, die aber aus lauter kleinen und kleinsten Einzelheiten, Fragmenten, Resten besteht. Göler bastelt, mit feinen Fingern, aber der Kopf behält das Kommando. Er will, sagt er, mit allem, was er tut, mit der Welt kommunizieren und sie, den Stand der Dinge, auch kommentieren. Es ist also fast schon politische Kunst, freilich nur in dem Sinn, dass es die Dinge – und unsere Sicht der Dinge – zurechtrückt.

Wie entsteht Bedeutung?

Göler, der Polarforscher und der Weltraumfahrer: Man sieht die Antarktis, aber eine Art Krake, sehr diffus, legt sich über den eisigen Kontinent. Gleich daneben erfährt man, wie die Erde im Weltall positioniert ist, um welche Distanzen – und also Einsamkeiten – es sich handelt. Mittlerer Abstand Erde-Mond 384 000 Kilometer. Das ist viel, aber zugleich, in kosmischen Dimensionen gerechnet, wenig, fast nichts, eine gute Lichtsekunde gerade mal.

Göler, der Philosoph, überlegt zum Beispiel, was Bedeutung ist und wie sie entsteht. Man sieht unten den Signifikanten, also das Wort „Wort“, die einzelnen Buchstaben ausgeschnitten aus kleinsten Papierschnipseln. Und darüber, fast schon jenseitig, „Sinn“. Aber wie kommt das eine zum anderen?

Göler ist Künstler. Er nimmt die Resultate der Wissenschaft und der Philosophie, die ja immer nur vorläufig sein können, als Material und treibt sein ästhetisches Spiel mit ihnen. Nicht frivol, sondern witzig und ernsthaft. Und er setzt eine Idee der allerfrühesten Aufklärung, fast noch der Renaissance um: alles verstehen, indem man es nachbaut. Basteln als Medium der Einsicht. Alles, was uns momentan beschäftigt, das Lautsprecherische der Politik und die intimste Überwachung, wird bei ihm Bild. Schauen und Denken. In dieser Reihenfolge.

Gummi-Fetischistin wirkt mit

Und es gibt den Alltag, seine Erfahrungen und Interventionen. Warum, lautet eine Rätselfrage, die sich an diesem Nachmittag stellt, sieht eine Art Bild- oder Objektmontage hier an der Wand so ganz anders aus als auf der Einladungskarte? Weil die Gölers eine neurotische Katze aufgenommen haben, die nichts so gern, nein: fanatisch frisst wie Gummi aller Art. Mit ihrer Eigenart wird diese Katze zu einer Art Ko-Autorin mancher Installation. Wie ja auch der Künstler nur wirklich produktiv werden kann, wenn es etwas in ihm gibt, was von dem abweicht, was Routine, üblich, Norm ist. Das schöne Neue war zunächst immer eine Störung.

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