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Oper

Alle sind Marionetten des Schicksals

Matthias Reichwald inszeniert Webers „Freischütz“ am Regensburger Stadttheater: mit einer Domina im Zentrum.
Von Gerhard Dietel

Szene aus dem Freischütz am Regensburger Stadttheater Foto: Juliane Zitzlsperger
Szene aus dem Freischütz am Regensburger Stadttheater Foto: Juliane Zitzlsperger

Regensburg.„Wo Charakter ist, da wird mit Sicherheit Schicksal nicht sein und im Zusammenhang des Schicksals Charakter nicht angetroffen werden.“ Diese These Walter Benjamins wandten der Musikologe Carl Dahlhaus und der Literaturwissenschaftler Norbert Miller auf Carl Maria von Webers „Freischütz“ an: „Im ‚Freischütz‘ werden die Personen hin- und hergeworfen von einem Geschick, das aus Bösem und Gutem gewoben ist, in das sie aber jedenfalls verstrickt sind, ohne selbst eingreifen oder auch nur widerstehen zu können.“

Gezielt wird dieser Text im Programmheft zur Neuinszenierung des „Freischütz“ am Regensburger Stadttheater zitiert. Denn wenn man zu Ende der Premiere nachdenkt, ob hinter der Flut der Sinneseindrücke und manchmal kontingenten Bebilderungen eine tragende Inszenierungsidee geherrscht habe, wird man genau in dieser Richtung fündig. Es ist freilich kein blindes Schicksal, das Regisseur Matthias Reichwald auf der Bühne am Bismarckplatz walten lässt, sondern ein personifiziertes. Samiel, den „schwarzen Jäger“ Carl Maria Webers und seines Librettisten Friedrich Kind, macht er zur Zentralfigur des Abends.

Leichenfelder säumen den Boden

Zur schillernden Gestalt wird er verfremdet, wenn Andine Pfrepper ihn spricht und verkörpert: Wandlungsfähig mal als schwarz beflügelter Todesengel, mal als Domina, mal in Militär-Uniform. Zusammen mit den hinzuerfundenen „drei Geistern der Apokalypse“ wird sie zur Leiterin des Spiels, in deren Händen die Personen der Handlung, oft bildlich verdoppelt, nur an Schnüren gezogene Marionetten sind.

Eine weitere Bildebene benutzen Reichwald und der für Bühne und Kostüme verantwortliche Alexandre Corazzola, wenn sie das Jägertum ins Zwielicht setzen und ins Soldatische hinüberspielen lassen. Dass Weber und Kind ihren „Freischütz“ in verwüsteter Landschaft zu Ende des Dreißigjährigen Krieges spielen lassen, greifen die beiden auf. Einen damaligen Kriegsbericht sowie Grimmelshausens „Komm Trost der Nacht“ montieren sie dem Operntext ein. Leichenfelder von Gefallenen säumen den Boden, wenn der Vorhang aufgeht, und bei den im Hintergrund auf einem Falten werfenden Vorhang unscharf zu erblickenden Videoprojektionen erscheinen Szenen aus der Aufräumzeit nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs.

EIne Szene aus dem Freischütz, mit Seymur Karimov, Deniz Yilmaz und Andine Pfrepper Foto: Juliane Zitzlsperger
EIne Szene aus dem Freischütz, mit Seymur Karimov, Deniz Yilmaz und Andine Pfrepper Foto: Juliane Zitzlsperger

Wo die Inszenierung, ohne direkt zum Regie-Theater zu werden, Webers Oper hierdurch aus ihrer Entstehungszeit ins Jetzt zu holen sucht, bleibt Webers Musik unangetastet. Gesungen wird auf gutem bis hohem Niveau. Einen finsteren, den teuflischen Mächten verfallenen Kaspar zeichnet Seymur Karimov, während Deniz Yilmaz in der Rolle des um sein berufliches und eheliches Glück bangenden Max fast eine Spur zu strahlend heldisch klingt. Besonders viel Beifall erhält am Schluss die leicht beschwingt singende Sara-Maria Saalmann, die als munteres Ännchen als einzige der allgemeinen Schicksals-Verstrickung enthoben scheint. Erdiger und fülliger wirkt im Vergleich zu ihr der Sopran Theodora Vargas, die als Agathe im Schlussbild anscheinend eine kleine Schwächephase überwinden muss.

Am Ende ist das Pulver verschossen

Rollendeckend sind die weiteren Partien besetzt: mit Adam Kruzel als Fürst Ottokar, Jongmin Yoon als Kuno, Philipp Meraner als Bauer Kilian und Selcuk Hakan Tirasoglu als Eremit. Der kraftvoll auftretende Chor (einstudiert von Alistair Lilley) gehört zu den weiteren Aktivposten der Aufführung sowie das glänzende Form entwickelnde Philharmonische Orchester. Unter der Leitung von GMD Chin-Chao Lin bleibt es Webers Partitur nichts schuldig, lässt volkstümlich deutsche Töne ebenso überzeugend erklingen wie dunkle Schauerromantik.

Oper

Ein romantisch-schauderhaftes Drama

Carl Maria von Webers Freischütz feiert am Samstag Premiere am Theater Regensburg.

Zum beeindruckendsten Bild des Abends, nicht zuletzt durch die Beleuchtungseffekte von Martin Stevens, wird die gerdezu surrealistisch wirkende Wolfsschlucht-Szene. Danach ist, um in Jägersprache zu bleiben, das Inszenierungs-Pulver ein wenig verschossen. Dass das „herrliche Jagdwetter“ das in Webers Original beim Probeschießen herrscht, zum Starkregen mutiert und sich die Jagdgesellschaft als Regenschirm-Ballett über die Bühne bewegt, ist nur ein netter Gag, ebenso wie der ins leicht Lächerliche gezogene Chor der Brautjungfern in Gretchen-Frisuren. An der Frage, wie man den zum Happy-End tendierenden Schluss überzeugend inszenieren soll, bei dem ein Eremit als Deus ex machina erscheint und Max vor der Verbannung rettet, dürfte heute jedwede Regie zu knabbern haben. Ist Andine Pfrepper alias Samiel auch hier die leitende Figur? So scheint es angedeutet, wenn sie plötzlich wie der Eremit Kutte trägt. Die Verlegenheit des Regie-Teams wird eingestanden, wenn sie am Ende mit Worten Bert Brechts „den Vorhang zu“ sieht, „und alle Fragen offen.“

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