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Bühne

Als Kind in der Kanzlervilla

Matthias Brandt und Jens Thomas inszenieren in Regensburg „Raumpatrouille“: schmerzhaft intensiv, oft zum Schreien komisch.
Von Marianne Sperb

Fabelhafter Schaupieler, fabelhafter Schriftsteller: Matthias Brandt bei der Inszenierung von „Raumpatrouille“ im Theater Regensburg Foto: Altrofoto.de
Fabelhafter Schaupieler, fabelhafter Schriftsteller: Matthias Brandt bei der Inszenierung von „Raumpatrouille“ im Theater Regensburg Foto: Altrofoto.de

Regensburg.Jens Thomas sitzt auf der Bühne des Theaters am Bismarckplatz, legt den Kopf in den Nacken und jault in maximaler Lautstärke los, wie ein Welpe, dem gerade versehentlich auf die Pfote getreten wird, mit einer Stimme, die schrill in die Gehörgänge sticht. Der Pianist und Sänger bearbeitet die Klaviersaiten und Stimmbänder nach allen Regeln der Kunst. Er haut in die Tasten, lässt die Töne rauschen und perlen, beugt sich ins Innere des Instruments und zupft an den Saiten. Er wispert, grunzt, summt, schnorchelt, flüstert, schreit, singt und produziert eine Klangorgie, der man fasziniert und fassungslos zuhört.

Matthias Brandt und Jens Thomas am Mittwochabend im Theater am Bismarckplatz: Mit „LIFE – Raumpatrouille & Memory Boy“ boten sie die schmerzhaft intensive Inszenierung einer Kindheit in der Kanzlervilla. Foto: altrofoto.de
Matthias Brandt und Jens Thomas am Mittwochabend im Theater am Bismarckplatz: Mit „LIFE – Raumpatrouille & Memory Boy“ boten sie die schmerzhaft intensive Inszenierung einer Kindheit in der Kanzlervilla. Foto: altrofoto.de

Matthias Brandt auf dem Stuhl daneben – einen Ellbogen auf dem Klavier abgelegt, ein Bein locker über das andere geschlagen – erzählt dazu Geschichten aus seiner Kindheit als Kanzlersohn: mit seiner schönen Samtstimme, sehr frei, unterstrichen mit runden Gesten. Am Anfang wirkt sein Vortrag noch etwa gehetzt, das Publikum muss sich ein wenig einhören, aber dann entwickelt der Abend einen Sog. Matthias Brandt und Jens Thomas sind blendend eingespielt aufeinander. Man merkt: Da sitzen zwei Freunde, die sich blind folgen. Gemeinsam schicken sie die Zuhörer auf die Gefühlsachterbahn.

Manche Dinge heilen nicht

Für ein Kind geht es immer um das große Ganze, um alles oder nichts. Ein Satz kann es in den Abgrund stürzen, ein Blick zum Helden machen und die Erfahrung, dass es Dinge gibt, die nicht mehr heilen können, in die Verzweiflung treiben. Für eine Zeitlang jedenfalls. Wir erinnern uns als Erwachsene kaum noch an die unerklärlichen, gefährlich scheinenden Vorkommnisse, die uns als Kinder plagen. Bei Matthias Brandt ist das anders. Er hat in seinem Kopf sehr genau aufgezeichnet, wie es war, als Junge im Alter zwischen sieben und zwölf in der Bonner Kanzler-Villa aufzuwachsen. Diesen Erinnerungsschatz hat der Schauspieler ´in seinem ersten Buch ausgebreitet.

Matthias Brandt mag’s nicht zu gemütlich: hier geht es zum Interview

„Raumpatrouille“, 2016 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, führt in die 1970er Jahre. An den Jinglers Jeans klingelten Glöckchen, zum Abendessen gab es Champignon-Streichkäse-Schnittchen und zum Trinken Trip-Top. Der Nordmende-Fernseher war in einer Eichenholzschrankwand verstaut, der Klodeckel mit orangem Frottee bezogen und ein Bonanza-Fahrrad für einen Jungen das Höchste der Gefühle.

Sehnsucht nach Normalität

Das Buch wurde ein Bestseller. Anrührend, präzise und klug leuchtet Matthias Brandt die Gefühlswelt eines fantasievollen, manchmal einsamen Jungen aus. Zeitgleich erschien bei Roof Music das Album „Memory Boy“ von Jens Thomas, mit dem Soundtrack zu den Stories. Mal entwickelte sich die Musik aus einer Geschichte, manchmal war es umgekehrt. Auf der Bühne entsteht daraus eine schmerzhaft intensive Inszenierung.

Grandios inszeniertes Gruseln: Matthias Brandt und Jens Thomas mit „Psycho“ in Regensburg.

Lesung

Grandios inszeniertes Gruseln

Matthias Brandt und Jens Thomas bringen im Regensburger Theater „Psycho“ auf die Bühne: 90 Minuten Horror vom Feinsten.

Mit „Psycho“ und „Die Vögel“ sorgten Matthias Brandt und Jens Thomas für grandioses Gruseln. Am Mittwochabend sind sie zum dritten Mal zu Gast am Theater Regensburg. Aus „Raumpatrouille“ haben sie die eher melancholischen Episoden gewählt. „Nirgendwo sonst“ beschreibt eine Übernachtung bei Holger, die den Kanzlersohn seine Sehnsucht nach der Normalität eines Durchschnittslebens fühlen lässt. „Blau gelb und weiß“ zeigt uns den jungen Zauberkünstler, der eine unvergessliche Vorstellung geben will und dabei sein Zimmer in Brand steckt. „Kein Laut“ ruft eine verschämte Schulfreundschaft mit einem Außenseiter wach, die dem Gruppendruck widerstehen muss. „Was ist“ lässt uns durch einen Türspalt auf die Beziehung zu einem Vater blinzeln, der sich meistens um die Bundesrepublik kümmern muss, aber an einem Abend die Zeit findet, seinem Sohn vorzulesen.

Grosse Namen – grosse Texte

  • Robert Seethaler:

    Der Schriftsteller liest am 30. November aus seinem Roman „Das Feld“. Die Veranstaltung ist ausverkauft. Info: karten@theaterregensburg.de, (09 41) 507 24 24

  • Ulrich Tukur:

    Der Schauspieler gestaltet mit Pianist Sebastian Knauer am 12. Januar (19.30 Uhr) im Theater am Bismarckplatz einen Abend über „Moby Dick“.

Die Geschichten sind zum Schreien komisch und oft todtraurig. Bevor einen die Melancholie packen kann, greifen Matthias Brandt und Jens Thomas ein: Zum Ende jeder Story singen sie ein tröstliches Lied.

Hier geht es zur Kultur.

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