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Chillen mit den Rheintöchtern

„Rheingold“ in Bayreuth wird zum ganz großen Triumph – aber offenbar ohne Festspiel-Chefin und den musikalischen Direktor.
Von Claudia Böckel, MZ

Szene aus „Rheingold“, mit Mirella Hagen (Woglinde), Anna Lapkovskaja (Floßhilde), Alert Dohmen (Alberich) und Julia Rutigliano (Wellgrunde)
Szene aus „Rheingold“, mit Mirella Hagen (Woglinde), Anna Lapkovskaja (Floßhilde), Alert Dohmen (Alberich) und Julia Rutigliano (Wellgrunde) Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath/dpa.

Bayreuth.Allem Anschein nach blieben die Parkplätze von Katharina Wagner und von Christian Thielemann beim Rheingold, dem Auftakt zu Wagners „Ring des Nibelungen“, leer. Wüten die Stürme auf dem Grünen Hügel real und hinter den Kulissen so sehr, dass sich Festspielleiterin und musikalischer Direktor so einen ganz großen Triumph in ihrem Haus entgehen lassen? Begeisterter Applaus, Bravos ohne Ende, an einer Hand abzählbare Buhrufe, Trampeln und rhythmisches Klatschen des ganzen Publikums. Das kommt nicht so oft vor in Bayreuth.

Der Beifall galt einer ausnahmslos brillanten Sängerriege, unglaublichen Gänsehaut-Momenten wie zum Beispiel der Auftritt von Erda (Nadine Weissmann), einem glänzenden Orchester und einem phänomenalen Kirill Petrenko. Nicht zu Unrecht nimmt er demnächst den Welt-Super-Posten des Dirigenten bei den Berlinern ein. Und wenn der Schein nicht trügt, dann gibt es auch für Frank Castorfs Inszenierung sehr viel mehr Verständnis als die letzen beiden Jahre. Gekicher und Gelächter über so manchen Gag war zu hören.

Ganz nah dran dank Live-Video

Szene aus „Rheingold“ in Bayreuth
Szene aus „Rheingold“ in Bayreuth Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath/dpa

Was sehr angenehm ist: man kann den Operngucker in der Tasche lassen, man braucht ihn nicht, weil Castorf und Deinert/Crulls Videoprojektionen alles en gros zeigen. Auf einer Art Autokino-Leinwand schweben die Detailbilder über der Texaco-Tankstelle und dem Golden Motel an der Route 66. Sie leisten quasi eine kubistische Mehransichtigkeit. Live-Videos, gefilmt aus ganz anderer Perspektive als der Bühnen-Totalen, zeigen auch Sachen, die sonst untergingen, erotische Tändeleien, Bösartigkeiten, verdrehte Augen und vieles mehr. Castorfs Bilder sind schlüssig aus verschiedenen Perspektiven, ein hochartifizielles Spiel auf mehreren Ebenen, in Facetten zerlegt, ein großes Ganzes ergebend.

Aleksandas Denic baute diese wunderbar heruntergekommene Tankstelle, drehte und wendete sie, stellte mal den Pool mit dem Goldschatz der Nibelungen, mal das Zimmer von Wotan und seinen Gespielinnen in den Mittelpunkt. Fafner (Andreas Hörl) und Fasolt (Wilhelm Schwinghammer), die für Wotan Walhall bauen, das neue schuld- und trugbelastete Eigenheim der Götter, sind folgerichtig auch keine Riesen, sondern Bauarbeiter im Blaumann, die mit ihren Baseballschlägern nicht nur sich selbst, sondern auch die Tankstelle kurz und klein schlagen.

Wunderwerke an akustischen Traumbildern

Szene aus „Rheingold“, mit: John Daszak (Loge), Wolfgang Koch (Wotan) und Albert Dohmen (Alberich)
Szene aus „Rheingold“, mit: John Daszak (Loge), Wolfgang Koch (Wotan) und Albert Dohmen (Alberich) Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath/dpa

Das Göttervölkchen Wotan (Wolfgang Koch mit überragender Stimmgewalt), Fricka (Claudia Mahnke), Freia (Alison Oakes), Erda siedelt bisher in den luftigen Höhen des Motels, der für Wissen und Logik zuständige Loge (fantastisch Bayreuth-Neuling John Daszak) spielt ständig mit dem Feuer(zeug). Die Rheintöchter (Mirella Hagen, Julia Rutigliano und Anna Lapkovskaja) haben ihre Sphäre unten, chillen und grillen am Pool, necken und quälen Zwerg Alberich (Albert Dohmen), der seine zu heiße Grillwurst (!) unter der Dusche abkühlen muss. Donner und Froh als Django und Michael Douglas sorgen für Naturgewalten, Regieassistent Patric Seibert gibt den stummen, aber omnipräsenten Tankwart.

Wunderwerke an akustischen Traumbildern waren die Verwandlungsmusiken zwischen den Szenen, die ganz ohne Darsteller auskommen, ihren Zauber allein aus den Orchesterfarben nehmen.

Festspiele in Bayreuth

  • „Walküre“ in Bayreuth

    Die Festspiele gehen am Dienstag mit Richard Wagners „Walküre“ weiter. Im zweiten Teil des vierteiligen Werks „Der Ring des Nibelungen“ wird Anja Kampe als Sieglinde zu sehen sein. Die Sopranistin war ursprünglich auch für die Eröffnungspremiere „Tristan und Isolde“ vorgesehen. Die Rolle der Isolde wurde aber kurzfristig und ohne Angabe von Gründen umbesetzt. Johan Botha singt in der Walküre - wie gehabt - den Siegmund. Hunding wird gesungen von Kwangchul Youn.

  • Umstrittene Inszenierung

    Zum dritten Mal präsentieren die Festspiele die umstrittene „Ring“-Inszenierung von Frank Castorf. Sein farbenfroher und respektloser Umgang mit der Tetralogie hatte in den vergangenen beiden Jahren heftige Emotionen unter den Zuschauern entfacht. Der in den vergangenen Jahren gefeierte Kirill Petrenko wird das Festspielorchester dirigieren. Der künftige Chef der Berliner Philharmoniker gibt die musikalische Leitung der „Ring“-Produktion allerdings nach dieser Saison ab, Marek Janowski übernimmt. Im „Ring des Nibelungen“ folgen dann noch „Siegfried“ und die „Götterdämmerung“. Die Bayreuther Festspiele enden am 28. August.

Bayreuth: Die Spiele sind eröffnet

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