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Das Junge Theater träumt von Toleranz

Packend, engagiert und klug: Die neue Regensburger Produktion stellt Lessings Ringparabel aus „Nathan“ auf den Prüfstand.
Von Ulrich Kelber, MZ

  • „I’m afraid of what you do in the name of your god“: Ludwig Hohl, Marcel Klein und Stephan Hirschpointner (von links) im Jungen Theater Regensburg. Am Freitag hatte das Stück Uraufführung. Foto: Jochen Quast
  • Drei Söhne, drei Ringe: Die neue Produktion basiert auf der Ringparabel aus Lessings „Nathan“. Foto: Jochen Quast

Regensburg.Da hat das Theater einen Glücksgriff getan. Mit Maria-Elena Hackbarth als Leiterin der Jugendsparte kann die schöne neue Spielstätte im ehrwürdigen Präsidialpalais auch mit beachtlicher künstlerischer Qualität auftrumpfen. Wie engagiert, klug und selbstbewusst die junge Regisseurin Theater macht, zeigt sich an ihrer jüngsten Inszenierung, die am Wochenende eine mit großem Beifall bedachte Premiere erlebte.

Eine Uraufführung: Es ist ein ganz eigenes Stück, das die Regisseurin zusammen mit den drei Darstellern und dem Dramaturgen Daniel Thierjung entwickelt hat. Eine Songzeile hat den Titel gegeben: „I’am afraid of what you do in the name of your god“, aber eigentlich geht es um ein ganz altes „dramatisches Gedicht“, das fast auf den Tag genau vor 233 Jahren erstmals auf der Bühne zu sehen war, am 14. April 1783. Erst zwei Jahre nach dem Tod des Autors Gotthold Ephraim Lessing wurde damals „Nathan der Weise“ mit der berühmten Ringparabel, einem Schlüsseltext der Aufklärung, inszeniert. Maria-Elena Hackbarth stellt die Ringparabel nun auf den Prüfstand: Was ist aus Lessings Hoffnung von „Sanftmut, herzlicher Verträglichkeit und Wohltun“ geworden, was aus dem Wunsch nach einem friedlichen Nebeneinander der Religionen? Wie ist es heute um Toleranz und Humanität bestellt? Das könnte auch ein Deutschlehrer seinen Schülern als Aufgabe abfordern.

Ludwig Hohl, Marcel Klein und Stephan Hirschpointner (von links) in „I’m afraid of what you do in the name of your god“
Ludwig Hohl, Marcel Klein und Stephan Hirschpointner (von links) in „I’m afraid of what you do in the name of your god“ Foto: Jochen Quast

Aber im Jungen Theater bleibt es nicht bei einer trockenen, vielleicht gar langweiligen Unterrichtsstunde. Was auf der Bühne geschieht, ist durchwegs spannend, auch mal erschreckend, das hat alles Potential, nicht nur junge Zuschauer – gedacht ist das Stück für die Altersgruppe ab 13 Jahren – in den Bann zu ziehen. Es ist faszinierend, was die Regisseurin und die drei Darsteller Stephan Hirschpointner, Ludwig Hohl und Marcel Klein aus einer scheinbar simplen Textcollage herauszuholen wissen.

Junges Theater Regensburg nimmt sich Ringparabel v

Hinter Büchern um Wahrheit ringen

Schlicht aber effektvoll ist bereits das Bühnenbild. Britta Langanke, die wie die Regisseurin etliche Jahre am Theater Baden-Baden engagiert war, hat einen ringartigen Wall aus Büchern aufgebaut. Diese dicken Wälzer dienen dann im Verlauf des Stückes auch mal als Wurfgeschosse oder werden zu Barrikaden aufgetürmt. Ein Glück, dass keine dieser Schwarten auch nur irgendwie an einen Koran erinnert, denkt man unbewusst und übervorsichtig, denn natürlich hat man die gewalttätigen Exzesse religiöser Fanatiker nach einer angeblichen Schändung „heiliger Bücher“ im Gedächtnis.

Das sagt Regisseurin Maria-Elena Hackbarth über das Stück:

Mit der Friedlichkeit ist es also nicht weit her. Lessing, der selbst religiöse Intoleranz zu spüren bekommen hatte, war ja skeptisch geblieben und ließ sagen, dass der echte Ring mit der Kraft, die Menschen „angenehm“ zu machen, „vermutlich ging verloren“. Wie gefährdet der Frieden ist, demonstriert die wohl stärkste Szene der Aufführung: eine Hasspredigt, montiert aus den unterschiedlichsten Zitaten.

„I’m afraid...“ ist auch bei den Bayerischen Theatertagen zu sehen: Hier mehr

Islamistische Propaganda-Phrasen vermengen sich mit rechtsradikalen Sprüchen des Oslo-Attentäters Breivik. Populistische Parolen von AfD und Pegida finden sich in diesem Konglomerat genauso wie martialische Aussagen von Politikern wie George W. Bush oder Benjamin Netanjahu. Es sind verstörende, aber auch entlarvende Sätze, die Marcel Klein mit einer fast gespenstisch wirkenden Demagogie vorträgt, die zugleich aber seine kritische Distanz erkennen lässt.

Das Junge Theater Regensburg trifft den Nerv

Seinen Bühnenpartnern Stephan Hirschpointner und Ludwig Hohl ist ebenfalls anzumerken, dass sie bei diesem Stück, an dem sie ja als Co-Autoren beteiligt waren, besonders intensiv bei der Sache sind. Ausgefeilt sind die Dialoge in Szene gesetzt, keine Geste überflüssig oder gar aufgesetzt. Vielschichtig sind ihre Rollen angelegt. Mal ist der Furor der Eiferer angesagt, aber auch die viel schwierigere Aufgabe gelingt ihnen bestens, nämlich der Nachdenklichkeit, den Fragen und dem Zweifel packend Ausdruck zu verleihen.

Das Wort „Mensch“ verbindet alle

Manchmal darf es in dem Stück sogar ein bisschen platt und banal zugehen – beispielsweise mit einer imitierten Fernseh-Show „Deutschland sucht die Superreligion“. Aber schnell folgen wieder starke Bilder: Das verbindende Wort „Mensch“ steht auf den T-Shirts der Darsteller, wenn sie die Hülle mit den Etiketten „Judentum“, „Christentum“ und „Islam“ abgelegt haben. Die Wege für ein Miteinander endlich (oder wieder) zu öffnen, ist der Appell des Stückes.

Ob diese Botschaft auch ankommt, werden die nächsten Aufführungen zeigen, denn nach jeder Vorstellung ist eine Diskussion mit den Darstellern und der Theaterpädagogin Claudia Erl angesagt. Man darf gespannt sein, was die jungen Zuschauer sagen werden.

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