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Theater

Das Käthchen entpuppt sich als Katharina

Julia Prechsls Regensburger Kleist-Inszenierung erhielt bei der Premiere viel Applaus. Vor allem für das überraschende Ende.
Von Susanne Wiedamann

Inga Behring spielt das Käthchen von Heilbronn. Foto: Jochen Quast
Inga Behring spielt das Käthchen von Heilbronn. Foto: Jochen Quast

Regensburg.Die Bühne wird beherrscht von einer Art gigantischer Blüte, der jede Farbigkeit abgeht. Je nachdem, wie die geometrisch geformten Blütenblätter stehen, wird daraus ein fast geschlossener Raum der Geborgenheit, ein Ort der Geheimnisse, eine Ebene, die alles offen legt, oder eine Trutzburg, durch die die Nebel wabern. Bühnenbildnerin Birgit Leitzinger hat im Regensburger Velodrom eine Ausstattung geschaffen, die für jede Facette des Kleist‘schen Kosmos geeignet scheint: die Märchenspielerei ebenso wie seine Suche nach Wahrheit und Erkenntnis, für das Ränkespiel um Macht und Besitz mancher Figuren ebenso wie für die große Romanze.

In dieser kargen und klaren Konstruktion dürfen sich das Käthchen von Heilbronn (Inga Behring) und Graf Friedrich Wetter vom Strahl (Jonas Hackmann) begegnen wie Zauberwesen, die das Schicksal zusammenführen wird, komme, was da wolle. Olivia Rosendorfer hat sie in fantasievolle Kostüme gesteckt, die ein wenig an die Figuren der Illustratorinnen Mila Marquis oder Silke Leffler erinnern: Käthchens trapezförmiges Kleidchen aus Flatterbändern, ihre Füße in klobigen Schuhen, der Graf wie ein Bub in zu kurz geratener Hose, der Kaiser (Susanne Berckhemer) mit üppig geschmücktem federigem Oberteil über den in Shorts steckenden schmalen Beinchen.

Geteilte Aufmerksamkeit

Käthchen (Inga Behring) und der Graf Friedrich Wetter vom Strahl (Jonas Hackmann) sind schicksalshaft verwoben. Foto: Jochen Quast
Käthchen (Inga Behring) und der Graf Friedrich Wetter vom Strahl (Jonas Hackmann) sind schicksalshaft verwoben. Foto: Jochen Quast

In dieser kalten Atmosphäre und diesen märchenhaften Outfits laufen die einen redselig über und bleibt wortkarg und nüchtern das Käthchen. Da passt viel nicht zusammen. Doch das passt zu Kleist. Dennoch ist vieles den Zuschauern nicht erklärlich. Beispielsweise schon zu Beginn warum Käthchens Vater Theobald (Gerhard Hermann) die Vehmerichter erst durch „Hallo“-Rufe ins Dunkel auf sich aufmerksam machen muss, wodurch sich ein Zuschauer zu „Servus“-Antworten bemüßigt fühlt. „Hört mir irgendjemand zu?“, fragt Theobald und erntet das Gelächter des Premierenpublikums.

Regisseurin Julia Prechsl hat (Dramaturgie Saskia Zinsser-Krys) kräftig Text gestrichen und das Personal enorm verknappt. Dadurch lässt sich „Das Käthchen von Heilbronn“ in etwas mehr als zwei Stunden erzählen. Kurzweilig ist es dennoch nicht. In manchen Szenen schwindet die Aufmerksamkeit. Selbst Julia Prechsls Spiel mit den Geschlechterrollen und Kleists Frauenbild bleibt merkwürdig unspektakulär. Susanne Berckhemer gibt völlig unaufdringlich einen wunderschönen Kaiser. Für Irritationen oder Reflexionen sorgen diese weiblichen (Um-)Besetzungen nicht.

Regisseurin Julia Prechsl

  • Ausbildung:

    Julia Prechsl wurde 1992 in Landshut geboren. Sie studierte Theater- und Medienwissenschaften an der FAU Erlangen-Nürnberg sowie von 2013 bis ‚17 Regie für Schauspiel und Musiktheater an der Theaterakademie August Everding.

  • Arbeit:

    2016 kam ihre Masterabschlussinszenierung „Die Widerspenstige“ nach Shakespeare im Akademietheater München auf die Bühne. Seither arbeitet sie freischaffend, u. a. für die Staatstheater Nürnberg, Saarbrücken und Darmstadt.

Schöne Bilder

Die Geschichte wird in schönen Bildern (Licht: Martin Stevens) erzählt, gelegentlich untermalt von sphärischem Computerrauschen (Musik: Fiete Wachholtz) oder unverständlichem Dialoggezwitscher aus dem Off. Das Ensemble spielt gut – von Jonas Hackmanns engagierter Darstellung des jungen Grafen über Guido Wachter als Burggraf und Rheingraf, Franziska Sörensen als Rosalie bis zu Thomas Weber als Gottschalk, der auch noch gut Gitarre spielt. Doch nur weniges rührt einen wirklich an.

Die Folgen zweier Träume

Käthchen hat davon geträumt, die Frau des Grafen Wetter vom Strahl zu werden. Also stalkt sie ihn. Der wiederum hat geträumt, des Kaisers Tochter zu ehelichen. Das kann nur Kunigunde von Thurneck (toll gespielt von Denia Nironen) sein. Ihr kommt seine Werbung aus materiellen Gründen voll zu pass.

Kunigunde (Denia Nironen) und Rosalie (Franziska Sörensen) wollen das Käthchen aus dem Weg räumen. Foto: Jochen Quast.
Kunigunde (Denia Nironen) und Rosalie (Franziska Sörensen) wollen das Käthchen aus dem Weg räumen. Foto: Jochen Quast.

Die standesgemäß unzureichende Konkurrentin Käthe schickt sie gnadenlos ins Feuer, um ein Bild bzw. wichtige Papiere zu retten. Sie hofft, dass Käthchen das Abenteuer nicht überlebt. Doch Käthchen besteht die Feuerprobe. Kunigundes Giftmordanschlag auf Käthchen platzt. Nun riecht auch der wankelmütige Ritter vom Strahl den Braten. Als herauskommt, dass Käthchen des Kaisers uneheliche Tochter ist, steht dem Happy End nichts im Weg. Oder?

Der große Monolog zum Schluss

Bei Kleist wird Käthchen zum Schluss einfach ohnmächtig, bei Julia Prechsl dagegen als starke Frau (wort-)mächtig. „Das ist nicht meine Geschichte!“ sagt Katharina bestimmt und setzt zu einer langen emanzipatorischen Rede an. Ein großer Auftritt von Inga Behring! Fast wie aus einem anderen Film. Das Publikum ist plötzlich ganz wach und dabei. In dieser Intensität hätte man sich das ganze Stück gewünscht. Das Publikum jubelt und tobt und spendet zwei Vorhänge lang viel Applaus.

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