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Theater

Denn jede Medaille hat zwei Seiten

Schöpfer und Geschöpfter geraten sich bei „Frankenstein“ nicht nur in die Haare, sondern diskutieren Menschheitsfragen neu.
von Peter Geiger

Jonas Hackmann als Viktor Frankenstein (stehend) und Phillip Quest als das Wesen duellieren sich in der Einsamkeit. Foto: Marion Bührle
Jonas Hackmann als Viktor Frankenstein (stehend) und Phillip Quest als das Wesen duellieren sich in der Einsamkeit. Foto: Marion Bührle

Regensburg.Um gleich mal eingangs die Gretchenfrage dieses „Frankenstein“-Premierenabends zu beantworten: Ja, Jonas Hackmann war’s, der den Part des verrückten, sämtliche moralischen Standards hinter sich lassenden Professors zugelost bekam. So, dass Phillip Quest dementsprechend in den blutbefleckten Catsuit und damit in den Konterpart, nämlich die Rolle des nackten namenlosen Wesens (das Frankenstein erschaffen hat) zu schlüpfen hatte.

Und, um auch das gleich vorweg abzuhaken: Ja, diese getroffene Auswahl erwies sich nicht nur als Glücksfall, sondern auch als glücklicher Fingerzeig des Schicksals. Denn beide, Hackmann wie Quest, meisterten dieses Experiment der Blitzzuweisung während der Ouvertüre nicht nur kaltschnäuzig und souverän. Nein, beide interpretierten ihre Rolle auch so, dass man sich in Reihen des Publikums die Alternative gar nicht mehr ausmalt. Weil das Maß der Zufriedenheit ohnehin überläuft.

Bühnengott würfelt

Dieses Auswahlverfahren ist dramaturgisch eingebettet in eine Nobelpreisverleihung – dass dabei alles mit rechten Dingen zuging, dafür legt Dramaturgin Saskia Zinsser-Krys aufsichtsbeamtinnengleich ihre Schwurhand ins Feuer. Immerhin, so erzählt sie sichtbar um zentnerschwere Herzenslasten erleichtert nach der Premiere, sei noch am Abend vorher bei der Generalprobe die andere Konstellation dran gewesen.

Was also nicht nur gültigen Theater-Usancen gänzlich widerspricht, denn üblicherweise wird ja mit dem Personal geprobt, das schließlich auch performt. Sondern auch jeder Art von Verschwörungstheorie den Wind aus den Segeln nimmt. Hier wirft der Bühnengott in Gestalt des schwedischen Königs (wandelbar wie ein Schweizer Taschenmesser, dieser Michael Haake) die Würfel in Form einer Münze. Von wegen: Gemauschel hinter der Bühne.

So also geht’s zur nicht weniger als die Menschheitsgeschichte umfassenden Sache. Die Geburt des „Wesens“ vollzieht sich ungeheuer bildstark in einem Labor, in dem tote, puppenhafte Materie ans klinische Kreuz genagelt, sich in menschliches, vom Lebensimpuls erfülltes Fleisch verwandelt.

Es schließt sich das an, was man Kulturationsprozess nennt und der von Philipp Quest meisterhaft interpretiert wird, in dieser zunächst äffisch-tierhaften choreographischen Annäherung (bei der ihn Morgann Runacre-Temple offenkundig grandios unterstützt hat), die sukzessive hinübergleitet, ins aufrecht und aufrichtig Menschliche. Um es kurz zu machen: Das Wesen wandelt sich zum Menschen, weil es erstens vom Baum der Erkenntnis isst und zweitens wie im Bildungsroman (Gerhard Hermann brilliert dabei als blinder Aufklärer) sämtliche Erziehungsinstanzen erfolgreich durchläuft.

Losgelöst vom Romankorpus

  • Stoff:

    „Frankenstein“ gehört – wie „Dracula“ oder „Moby Dick“– zu jenen Protagonisten der Weltliteratur, deren Ruhm den ihrer Urheber weit überstrahlt und die tief eingeschlossen sind im Bewusstsein der Popkultur. So lösten sich die Figuren von den Fesseln, die ihnen 1818 der Romankorpus von Mary Shelley anlegte.

  • Regie:

    Regisseur Sam Brown vertraut auf jene modernisierte „Frankenstein“-Variante, die Nick Dear 2011 fürs Royal National Theatre in London schrieb. Dabei verlagert der britische Gegenwartsdramatiker die Handlung aus der Vergangenheit des frühen 19. in die Zukunft des mittleren 21. Jahrhunderts.

Sie sind eins

Nach der Pause stehen einander zwei gleichwertige Gegner beim Duell in den Alpen gegenüber. Die Einsam- und Eisigkeit der Bergregion (was für ein passepartouthaftes Bühnenbild von Simon Lima Holdsworth), sie steht für jene Gipfel der Erkenntnis, die Frankenstein zum faustischen Monster entfremden – und im Gegenzug sein Geschöpf, das „Wesen“, zum wahrhaften Menschen formten, bereit, zu brandschatzen und zu morden. Sie sind eins! Und verkörpern die beiden Seiten ein und derselben Medaille. Die geprägt ist von gesellschaftlichen Erwartungen auf der einen, und dem unstillbaren Drang nach Erkenntnis auf der anderen Seite.

Mit welcher Kraft und Energie Jonas Hackmann in seiner bewundernswürdigen Interpretation zu Werke ging, kann man zum Schluss begutachten, während der Applaus kein Ende nehmen will: Sein Hemd ist pitschnass wie das Schweißtuch des Gekreuzigten. Das Premierenpublikum freilich hat nunmehr die Chance, an einem weiteren Abend unter veränderten Vorzeichen diesem weitgespannten und brillant inszenierten Erzählformat zu folgen.

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