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Schauspiel

Die kalt flackernden Reflexe der Rache

Rundum geglückt: Die „Medea“ von Euripides in der Inszenierung von Constanze Kreusch hatte Premiere am Theater Regensburg.
Von Florian Sendtner

Medea (Susanne Berckhemer) ist in Constanze Kreuschs Inszenierung eine menschliche Rächerin, die man nicht als bloßes Monster von sich wegschieben kann. Hinten Ulrike Requadt, die den Chor verkörpert. Foto: Jochen Quast
Medea (Susanne Berckhemer) ist in Constanze Kreuschs Inszenierung eine menschliche Rächerin, die man nicht als bloßes Monster von sich wegschieben kann. Hinten Ulrike Requadt, die den Chor verkörpert. Foto: Jochen Quast

Regensburg.Eine Frau bringt ihre eigenen Kinder um. Was passiert? Lokalreporter schwärmen aus und fangen Passantenstimmen ein, die sich gegenseitig in Abscheu und Entsetzen überbieten: Wie kann eine Frau nur zu sowas fähig sein? Die Höchststrafe ist für so eine noch zu wenig! Man suhlt sich im wohligen Grusel und dankt Gott, dass man nicht so ist wie jene.

Die, die sich da nicht mehr einkriegen vor Selbstgerechtigkeit, waren noch nie in der „Medea“ von Euripides, obwohl dazu in den letzten 2400 Jahren immer wieder Gelegenheit war. Oder sie waren nicht in einer derart maßgenau austarierten, handwerklich und schauspielerisch meisterhaften Inszenierung wie der von Constanze Kreusch, die am Samstag im Theater am Bismarckplatz Premiere hatte. Eine „Medea“, die mit minimalen Mitteln ein Maximum an Furcht und Mitleid auslöst, die einen in weniger als zwei Stunden durch einen Schauder hindurchjagt, der einem durch Mark und Bein geht, und die einen am Ende mit der grausigen Erkenntnis nach Hause schickt: Jeder, aber auch wirklich jeder Mensch, ist dazu in der Lage, Verbrechen zu begehen, die eigentlich jede Vorstellungskraft übersteigen.

Schwarz gähnt die Bühne

Die schwarz gähnende Bühne von Monika Frenz ist eine einzige große Pfütze. Das Wasser steht nur ein, zwei Zentimeter hoch, aber es ist flächendeckend, niemand kommt ihm aus, alle Beteiligten bewegen sich auf diesem tückischen Wasserfilm. Er taucht das ganze Theater in das kalt flackernde Licht der unentrinnbaren Rache, das Wasser reflektiert an den Proszeniumslogen, an den Kulissen, sogar noch ganz oben am Plafond, und natürlich in den Gesichtern der Schauspieler, wenn sie wieder mal der Länge nach hingestreckt im Wasser liegen.

Am meisten Medea (eine bewundernswerte Leistung: Susanne Berckhemer): gleich zu Beginn wird sie von Kreon, dem König von Korinth, zu Boden gezwungen. Iason und Medea waren mit ihren beiden Kindern auf der Flucht und haben in Korinth Zuflucht gefunden. Doch dann trennt sich Iason von Medea, um die Tochter von Kreon zu heiraten. Nicht dass er an Medea nichts mehr fände, aber der gesellschaftliche Aufstieg durch die Heirat mit der Königstochter ist ihm wichtiger. Kreon fürchtet die Rache Medeas und verbannt sie. Medea bittet um einen Tag Aufschub, um ihre Angelegenheiten zu regeln. Kreon gesteht ihr den einen Tag widerwillig zu. Der reicht Medea, um ihre vernichtende Rache ins Werk zu setzen.

Kreon, ein Machtmonster

Niemand kann sie daran hindern, auch nicht Kreon (Oliver Jaksch), der im schwarzen, ungelogen dreireihigen Frack auf schwarzen Plateauschuhen übers Wasser schreitet (die phantastischen Kostüme stammen ebenfalls von Monika Frenz): die Herrschaft im Bratenrock, ein Machtmonster, doch für Medeas Überlistungskünste ein leichtes Spiel. Iason selbst (Gunnar Blume) geht ihr bereitwillig auf den Leim, als sie ihm vorgaukelt, sie akzeptiere seine Hochzeit mit der Königstochter von Korinth. Blume führt es gnadenlos vor, dieses grenzenlose von sich selbst Eingenommensein, das nicht einmal dann misstrauisch wird, als Medea Geschenke für Iasons neue Braut ankündigt. Geschenke, die mit einer Art Kontakt- und Nervengift kontaminiert sind, die nicht nur die Empfängerin, sondern auch Kreon auf der Stelle töten.

Doch das reicht Medea noch nicht. Sie will Iason vernichten, auf die grausamste Art: indem sie die gemeinsamen Kinder ermordet. Der Chor, gebündelt in einer Person (Ulrike Requadt), fleht: „Ginge das Unrecht doch nicht weiter! Hielte es doch an dieser Stelle an!“ Aber alle Beschwörungen sind vergeblich, auch ihren eigenen Anfechtungen hält Medea tapfer stand: „Werd’ jetzt nicht schwach! Morgen darfst du weinen!“ Ihr blau-metallen-schimmerndes Streifenkleid umhüllt sie wie ein Panzer – und verleiht ihr dennoch mondäne Eleganz. Eine kaltblütige und doch menschliche Rächerin, die man in keiner Sekunde als bloßes Monster von sich wegschieben kann.

Am Ende steht die Katharsis

Die sparsam eingesetzte Musik ist umso wirkungsvoller: Als Medea ihren Mordplan beschließt, erfüllt Punkmusik das altehrwürdige Theater. Nach dem letzten Streitgespräch zwischen Iason und Medea tritt ein Kinderchor auf. Sechs Knaben und Mädchen knien in güldnen Mäntelchen am Boden, lassen Papierschiffchen im Wasser fahren und singen dazu ein hohes, beklemmendes Lied in Moll (Cantemus-Chor).

Eine sorgfältig verdichtete Inszenierung, die einen, ob man will oder nicht, mitnimmt und durch die Hölle der Blutrache hindurchschleift. Aber nach knapp zwei Stunden hat man es überstanden, und auf einmal spürt man, was man so oft theoretisch gehört hat, was laut Aristoteles im besten Fall das Ziel der Tragödie ist: die Katharsis, die Reinigung. Wenn man auf dem Heimweg am Bühneneingang des Theaters vorbeikommt, läuft es aus einem Schlauch in den Gulli, das reinigende kalte Wasser der Theaterrache.

Medea von Euripides

  • Euripides ist neben

    Aischylos und Sophokles einer der drei großen griechischen Tragödiendichter und der Aufklärer unter ihnen. Er wurde um 480 vor Christus auf der vor Athen gelegenen Insel Salamis geboren und starb 406. Von seinen Tragödien sind 18 erhalten. Die bekanntesten sind „Medea“, „Orest“ und „Elektra“. Euripides war Zeitgenosse und Freund von Sokrates.

  • Die Geschichte von Medea,

    die Iason bei seiner Jagd nach dem Goldenen Vlies beisteht und sich nach dessen Verrat grausam an ihm rächt, wurde von Euripides dadurch verschärft, dass sie auch ihre Kinder ermordet. In ihrer grenzenlosen Kränkung nimmt sie es in Kauf, mit ihrer Rache an Iason auch sich selbst ins Herz zu treffen. Zahlreiche Dramatiker haben die „Medea“ weiterbearbeitet. Pier Paolo Pasolini drehte 1969 einen Film mit Maria Callas als Medea. (mfo)

Lesen Sie dazu auch, was Regisseurin Constanze Kreusch über ihre „Medea“-Inszenierung sagt.

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