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Premiere

Ein bisschen Frieden für Nahost

Diplomatie als kurzweiliges Drama: „Oslo“ blickt zurück auf einen kurzen, hoffnungsvollen Moment in der Weltgeschichte.
Von Claudia Bockholt

Das norwegische Paar, das den Friedensprozess in Gang gesetzt hat, gespielt von Gero Nievelstein und Katharina Solzbacher Foto: Jochen Quast
Das norwegische Paar, das den Friedensprozess in Gang gesetzt hat, gespielt von Gero Nievelstein und Katharina Solzbacher Foto: Jochen Quast

Regensburg.Fast drei Stunden Theater ohne dramatisches Sterben, ohne Blut, ohne erotische Liebe. Für „Oslo“, die erste Schauspielpremiere der Saison, braucht man das Sitzfleisch eines Diplomaten. Das Regieteam um Schauspieldirektor Klaus Kusenberg und das erneut glänzende Ensemble gestalten den politischen Stoff um die neunmonatigen Geheimverhandlungen zum Nahost-Friedensprozess allerdings kurzweilig. Und Leidenschaft und Verzweiflung hat auch dieses der rauen Wirklichkeit entlehnte Drama zu bieten.

Selbst der Autor von „Oslo“, J.T. Rogers, dachte lange, die Amerikaner hätten den Boden bereitet für ein Bild, das am 13. September 1993 um die Welt ging: Der lächelnde US-Präsident Bill Clinton breitet weit die Arme aus für Israels Ministerpräsident Jitzchak Rabin und Palästinenserführer Jassir Arafat, die sich im Garten des Weißen Hauses die Hand reichen. „Es sind genug Blut und Tränen geflossen. Genug davon“, sagte damals Rabin. Wenig später sollten die beiden gemeinsam mit Außenminister Schimon Peres dafür den Friedensnobelpreis erhalten.

Ewige Gewalt und Gegengewalt

Den Prozess angestoßen hatte aber ein norwegisches Paar. Der Sozialwissenschaftler Terje Rod-Larsen (Gero Nievelstein) und seine Frau Mona Juul, Beamtin im Außenministerium (Katharina Solzbacher). Ein Besuch in Gaza, das Erleben der Angst und Gewalt auf beiden Seiten, hatte sie motiviert, ihre Kontakte spielen zu lassen. Sie sorgten dafür, dass sich Vertreter Israels und der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO immer wieder trafen, stritten, um Kompromisse rangen.

Das gefeierte Ergebnis ist bekannt. Bekannt ist aber auch, was danach geschah: Rabin wurde ermordet, Hardliner Benjamin Netanjahuh wurde Regierungschef. Es gab wieder Attentate, Racheaktionen. 2000 war der Friedensprozess endgültig gescheitert. Warum also sollte man sich dieses Stück Vergangenheit anschauen?

Auch Frieden schaffen schmerzt

Eine Antwort: Weil es aufzeigt, warum der Friedensprozess so mühsam und schmerzhaft ist. „Ihr verlangt Tag für Tag unsere Ausrottung!“ tobt der israelische Unterhändler Uri Savir (Guido Wachter). „Ihr seid eine grausame Nation, deren Armee unsere Kinder aus Spaß erschießt“, brüllt PLO-Finanzminister Ahmed Kurei (Gerhard Hermann) zurück. Beide Seiten beteuern: Sie wollen Frieden, mehr als alles andere. Doch da sind Verletzungen: „Unsere Völker leben in der Vergangenheit, beide fixiert auf ihre Verluste“, sagt Savir. Eine Analyse, die wohl für die meisten Konflikte auf diesem Planeten gilt.

Fast drei Stunden Theater bietet die deutschsprachige Erstaufführung von „Oslo“: Foto: Jochen Quast
Fast drei Stunden Theater bietet die deutschsprachige Erstaufführung von „Oslo“: Foto: Jochen Quast

Noch eine Antwort: Weil das Stück Witz hat. Das meint nicht nur die jiddischen Witze, die Unterhändler Jair Hirschfeld, ein fleischgewordenes Professoren-Klischee (wunderbar verstrubbelt: Michael Haake), erzählt. Schnelle, sprühende Dialoge sind eine Spezialität amerikanischer (Serien-) Autoren. Auch Dramatiker J.T. Rogers hat sie drauf. PLO-Mann Hassan Asfur (Thomas Weber) sagt zum Israeli: „Sie sind mein erster Jude“. Hirschfeld antwortet: „Ich hoffe, ich war nicht zu zäh“. Die ernsten Männer werden weich beim Verzehr von Nachtisch mit Himbeeren und Schlagzeilen. Das Wort „Waffel-Diplomatie“ wurde in Oslo geprägt.

Oslo – Mission für den Frieden

  • Erfolge:

    „Oslo“ wurde im Juni 2016 in New York uraufgeführt. Wegen des großen Erfolgs wurde es einige Monate später am Broadway gezeigt und dort ebenfalls gefeiert. Das Stück gewann 2017 auch den Tony Award, den wichtigsten Theaterpreis der USA, als bestes Stück.

  • Erstaufführung: Das Theater Regensburg zeigt „Oslo“ als erste Bühne im deutschsprachigen Raum. Übersetzt wurde das Stück vom 1981 in Kanada geborenen deutschen Dramatiker John Birke. „Oslo – Mission für den Frieden“ wird in Regensburg noch bis Ende Januar gespielt.

Donnernden Applaus gab es am Ende dieser deutschsprachigen Erstaufführung für die durchweg überzeugende Leistung des Regensburger Ensembles. 14 Schauspieler in 21 Rollen. Ein schlichtes, der Neutralität Norwegens angemessenes Bühnenbild. Sparsam eingesetzte Musik und Videos, die das blutige Chaos an den Grenzzäunen in die holzvertäfelte Diplomatenwelt holen. Die Inszenierung vertraut ganz auf das Wort – und gewinnt.

Am Ende fragt „Oslo“ seine Akteure, ob sich die Mühe gelohnt hat. Es ist die Frage an uns alle, wie zynisch wir angesichts von endlosem Krieg und blutigen Gräueln geworden sind. Oder ist der Funke Hoffnung auf eine bessere Welt im Menschen unauslöschlich? Das wäre eine gute Botschaft.

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