MyMz

Musiktheater

Ein musikalisch geistreicher Opernabend

Schauspieler und Musiker bewiesen bei der Premiere von Mozarts „Don Giovanni“ am Theater Regensburg ihre Spiellust.
Von Claudia Böckel

Anna Pisareva als Donna Anna bezauberte Don Giovanni und das Publikum gleichermaßen. Foto: Martin Sigmund
Anna Pisareva als Donna Anna bezauberte Don Giovanni und das Publikum gleichermaßen. Foto: Martin Sigmund

Regensburg.An einem Haus in Wien hängt eine Tafel mit der Aufschrift: Don Juan Institut. In den Köpfen der Flaneure mag beim Lesen so manches Pop-up entstehen, Visionen dessen, was sich dahinter verbergen könnte. Dabei geht es da ganz wissenschaftlich zu, erforscht wird im weitesten Sinne „Il dissoluto punito“, Lorenzo da Pontes und Wolfgang Amadeus Mozarts Don Giovanni eben, über den der Gründer des Instituts eine 16-bändige Dissertation veröffentlicht hat. Nicht ganz so wissenschaftlich ging es auf der Bühne des Theaters Regensburg zu, sondern ganz ordentlich zur Sache.

Gleich bei der Ouvertüre versammelte sich die gesamte Personnage. Mozart und Donna Anna kratzen auf ihren Geigen herum. Ohne Perücke wird aus Mozart dann gleich Don Giovanni, der mit Donna Anna statt der Geigenspielchen jetzt Peitschen- und Raus-Rein-Spielchen spielt: sie tändeln miteinander, verschwinden durch die Lamellentüren am hinteren Bühnenrand, raus und rein in schnellem Wechsel. Anna Pisareva als Donna Anna bezaubert Don Giovanni und ihren Verlobten Don Ottavio (Angelo Pollak, Tenor und Cello), aber auch das Publikum. Sie singt und spielt so intensiv und so gut, dass sie selbst den Titelhelden der Oper beim Schlussapplaus aussticht.

Die Bühne (Bühne und Kostüme: Toto) ist ein weißer Guckkasten, gegliedert in drei Ebenen. Davor, quasi außerhalb von Don Giovannis Zimmer, befinden sich Don Giovanni und sein Diener Leporello (Jongmin Yoon als Diener, Spielkamerad und kongenialer Gesangspartner), wenn sie Pläne schmieden, Masetto (Mario Klein) verprügelt wird, sie ihre Rollen als Herr und Diener tauschen. Auch Don Giovannis Canzonetta zum Violin-Pizzicato findet außen vor statt, traumhaft gesungen von Matthias Störmer, der in seiner Rolle als junger Wilder aufgeht und alle anderen ansteckt mit seiner Spiellust. Auf der Bühne, das ist meist im Zimmer Don Giovannis, wo die Begegnungen mit den Frauen stattfinden, im ständigen Kommen und Gehen.

Zerlina (Martina Fender im Kammerkätzchengewand, mit klar geführter, geschmeidiger Stimme) kriegt er rum mit der Aussicht auf gesellschaftlichen Aufstieg, mit einem gigantischen Rosenstrauß und mit den Seligkeiten des musikalisch wunderbar entschlackt musizierten Duettino „Reich mir die Hand, mein Leben“. Kaum hat er sich seiner Hose entledigt und ist der Raum in Rotlicht getaucht – da kommt Donna Elvira, seine stärkste Gegenspielerin, die Frau, die ihn trotzdem liebt, und warnt vor Don Giovanni. Theodora Varga ist eine überzeugende Donna Elvira, die mit ihrer schweren Stimme die ganze Affektflut ihrer Rolle transportieren kann, sich in „dolce maestà“, in zarter Würde, bewegt, oft aufs beste unterstützt von den Klarinetten. Überhaupt sprühte es an diesem Abend nur so aus dem Orchestergraben. Unter Leitung von Jonas Alber erlebte man einen musikalisch geistreichen Opernabend. Der Dirigent verstand es, den Sängern sowohl in den Arien als auch in den Ensembles immer ein gutes Fundament zu geben, aber auch eigene Orchester- und Chorfarben zu entwickeln.

Im Zentrum von Matthias Reichwalds Regiekonzept stand die Idee des „Viva la libertà“ – Es lebe die Freiheit. Don Giovanni singt diese Zeile beim Maskenball im ersten Finale, als hinter der Bühne die Bühnenmusik, drei verschiedene Tänze, den verschiedenen Ständen zugeordnet, gleichzeitig spielt. Hier werden Freiheiten musikalischer Art genommen, die das Geschehen spiegeln. Mozart und Don Giovanni überschreiten Grenzen, sie sind Anarchisten mit unglaublichem Freiheitsdrang. Daher die Überblendung zwischen den beiden, zwischen dem Komtur (Adam Kruzel) und Leopold Mozart.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht