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Bühne

Ein Tanzabend über den Verlust der Liebe

Mit der Uraufführung von „Gefährliche Liebschaften“ verabschiedet sich Chef-Choreograph Yuki Mori vom Theater Regensburg.
Von Michaela Schabel

Alessio Burani und Simone Elliott in „Gefährliche Liebschaften“ am Theater Regensburg; Foto: Bettina Stöss
Alessio Burani und Simone Elliott in „Gefährliche Liebschaften“ am Theater Regensburg; Foto: Bettina Stöss

Regensburg.Die Augen blitzen, begehren, Körper nähern sich magnetisch angezogen, Hände berühren zärtlich, Arme stoßen wehrhaft ab. Mit unglaublicher Subtilität und Leidenschaft beschenkt Yuki Mori zum Abschied seiner Regensburger Zeit das Publikum mit einem Tanzabend nach Laclos Briefroman „Gefährliche Liebschaften“, unterlegt mit barocker Musik, rasant und leidenschaftlich gespielt vom Philharmonischen Orchester Regensburg unter Leitung von Tom Woods, kombiniert mit Filmmusik.

„Gefährliche Liebschaften“ (1782) war wegen seiner erotischen Abenteuer ein Skandal-Beststeller. Laclos schilderte die tiefsten Seelengeheimnisse seiner Figuren und entwickelte eine raffinierte Intrige als Spiegelbild der dekadenten Rokokogesellschaft, die hinter der galanten Fassade ihre Machtkämpfe und privaten Rivalitäten im Bett auslebte. Die Marquise sinnt auf Rache, weil ihr Geliebter Danceny die junge Klosterschülerin Cécile heiraten will. Als Wette getarnt, verspricht sie dem Frauenliebling Valmont eine Nacht mit ihr, wenn er Cécile entjungfert. Valmont übertrumpft die Wette, indem er noch die tugendsame Madame de Tourvel verführen will.

Die intrigante Marquise (Louisa Poletti) dominiert selbst den großen Frauenverführer Valmont (Alessio Burani). Foto: Bettina Stöss
Die intrigante Marquise (Louisa Poletti) dominiert selbst den großen Frauenverführer Valmont (Alessio Burani). Foto: Bettina Stöss

„Waste Your Love“ ist die Botschaft, in Leuchtschrift getitelt. Wie in einem Gemälde lösen sich die Tänzer. Yuki Mori fokussiert auf die psychologische Ebene der Romaninterpretation. Die Drehbühne schafft für die Geschichte einen stilisierten Arkadengang, der durch simultan getanzte erotische Szenen und voyeuristische Blickachsen die Raffinesse der Verführungen unterstreicht. Geraffte Vorhänge, vor allem die stilisierten Kostüme mit der Marquise in Gelb, das zuweilen Gold schimmert (Bühne: Michael Lindner, Kostüme: Maria Preschel), vermitteln einen Hauch Rokokoatmosphäre und farbsymbolische Intensität.

Die Marquise hat alle im Griff

Die Marquise gewinnt mit Louisa Poletti eine hinreißende Ausstrahlung zwischen absolut beherrschender Dominanz und lodernder Leidenschaft. Mit ihren Bewegungen, ihren Blicken hat sie alles im Griff, auch Valmont. Simone Elliott in zarten Rosé-Tönen tanzt Cecile in allen Facetten einer Unschuld, in der erst die Leidenschaft erwacht. Sie wehrt sich strampelnd wie ein Kind gegen die Berührungen Valmonts. In surrealen Traumbildern beginnt sie – im Quintett der nachtschwarzen Geister als Metapher für die Hofgesellschaft – ihre Sinnlichkeit zu erleben. Jauchzend und wild wie ein Kind kann sie die Verführung schließlich kaum erwarten. Von verzweifelter Expression ist ihr Tanz, als Cécile ihre Mutterschaft entdeckt.

Harumi Takeuchi in „Gefährliche Liebschaften“ am Theater Regensburg Foto: Bettina Stöss
Harumi Takeuchi in „Gefährliche Liebschaften“ am Theater Regensburg Foto: Bettina Stöss

Ähnlich, doch mit ganz anderer Körpersprache choreographiert Yuki Mori die Verführung von Madame de Tourvel. Im türkisen, sittsamen Kleid wehrt sie mit Contenance Valmonts Verführungskünste ab, doch treffen sich ihre Blicke und Berührungen in magischer Intensität. In einem expressiven Pas de deux löst sich ihre Starre in weiblicher Hingabe auf.

Die Ära Yuki Mori

  • Yuki Mori:

    Seit 1999 ist er Choreograph in Regensburg. Er baute ein Ensemble mit einem ganz besonderen Stil auf, der stark vom deutschen Ausdruckstanz geprägt ist. Als Leiter der Sparte Tanz kreierte er eine Reihe unvergesslicher Choreographien.

  • Nachfolger:

    Yuki Mori kehrt aus privaten Gründen nach Japan zurück, Sein Nachfolger wird der Österreicher Georg Reischl.

Imposant beherrscht Alessio Burani als Valmont im lila Samtfrack die Klaviaturen der Verführung. In immer neuen Bewegungsvarianten, mit begehrlichen Blicken zieht er die Frauen an sich, dreht sich ruckartig weg, einer anderen zu, umschmeichelt subtil, wehrt grob ab. Er ist durch und durch ein Abenteurer, dem keine Frau widerstehen kann, mutig bis zum Tod.

Tanztheater

Close und Malkovich als Inspiration

„Gefähr-liche Liebschaften“ ist Yuki Moris letzte Inszenierung in Regensburg.

In perfekter Ästhetik, voller Esprit und in berührenden Bewegungsmustern verwandelt Yuki Mori das galante Intrigenspiel des Rokoko in eine existenzielle Suche nach Liebe, die auf der Strecke bleibt. Am Schluss sind alle Opfer, Valmont ist tot, die Marquise als Intrigantin entlarvt und ausgegrenzt. „Waste Your Love“ leuchtet noch einmal auf. Nur das System bleibt. Im gelben Kleid der Marquise übernimmt nun Cécile die Rolle der Intrigantin.

Dass Lucas Roque Machado wegen einer Verletzung bei der Generalprobe die Rolle des Danceny nicht tanzen konnte, fällt durch das geschickte Umarrangieren von Yuki Mori gar nicht auf, auch wenn die imposante Fechtszene des Duells zwischen Valmont und Danceny fehlt. Ein Grund mehr, sich „Gefährliche Liebschaften“ noch einmal anzusehen.

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