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Lesung

Einen aufzwicken, fürs Gemüt!

Brigitte Karner und Peter Simonischek machen aus Arthur Schnitzlers Brieferzählung „Die kleine Komödie“ ganz großes Theater.
Von Peter Geiger

Im Rahmen der Reihe „Große Namen – große Texte“ lasen Brigitte Karner und Peter Simonischek am Sonntagabend im Theater am Bismarckplatz Arthur Schnitzlers „Die kleine Komödie“. Foto: Albert MOSER
Im Rahmen der Reihe „Große Namen – große Texte“ lasen Brigitte Karner und Peter Simonischek am Sonntagabend im Theater am Bismarckplatz Arthur Schnitzlers „Die kleine Komödie“. Foto: Albert MOSER

Regensburg.Will der Wiener sagen, dass ihm langweilig ist, so wählt er keineswegs das ihm viel zu lang erscheinende Wort „langweilig“. Nein, ist er ennuyiert, dann spricht er blasiert und knapp davon, ihm sei „fad“. Das Wort gibt’s aber nicht nur als Adjektiv, sondern auch als Verb. Den beiden von der Liebe enttäuschten Schnitzler-Figuren Alfred und Josefine ist nämlich mehr als fad. In ihrer tiefen Desillusionierung, was das Liebesglück betrifft, fadisieren sie sich ganz irrsinnig.

Weshalb sie sich – so berichten sie‘s ihren jeweiligen Briefpartnern, dem Theodor und der Helene – jeweils eine „kleine Komödie“ für den nunmehr anstehenden Partnertausch haben einfallen lassen. Er, der Alfred, ansonsten arriviert, geadelt und bestens betucht, wagt den Rollenwechsel. Und schlüpft in ein samtenes Sakko, setzt sich einen zerknitterten Hut auf und wird zum armen Dichter. So gesellschaftlich downgegradet begegnet er der Pepi, im wirklichen Leben eine Schauspielerin, die ihrerseits, um der Fadheit der eigenen Existenz zu entfliehen, die Maskerade gewählt hat. Und die mitten in Wien, auf der Währinger Straße, dem Alfred als vermeintliche Kunststickerin entgegen tritt.

Hauch von Tinder und Parship

Das ist das Setting, das Arthur Schnitzler für seine 1895 in einer Zeitschrift veröffentlichte (und dann erst posthum in einem Erzählband erschienene) Brieferzählung gewählt hat. Zwei Menschen, die die Anonymität der zur Eineinhalbmillionenstadt angeschwollenen Metropole an der Donau nutzen – und sich begegnen, versteckt hinter fremden Identitäten. Um so den ins Stottern geratenen Motor der eigenen Libido wieder zum Rattern und zum Knattern zu bringen.

Das Schauspielerehepaar Brigitte Karner und Peter Simonischek hat sich dieses in Archiven und mehrbändigen Gesamtausgaben vor sich hinschlummernden Schnitzler-Texts angenommen – und haucht ihm mit seinen bravourösen Lesestimmen jene Art von Leben ein, die ganz nah dran ist an unseren zeitgenössischen Tinder-Verwicklungen und Parship-Verwirrungen. Auf der Bühne freilich herrscht Distanz – zwischen den Lesetischchen der beiden Briefeschreiber ist zwei, drei Meter Platz. Denn so sehr sich der Alfred und die Pepi nach ihrem Kennenlernen auf offener Straße auch körperlich annähern – am Ende, wenn die Masken fallen und eine Reise nach Dieppe ansteht, da ist dann doch alles wie immer. Bevor diese Amour fou aber, deren Flamme sich von ländlichen Begegnungen, Waldeinsamkeit, Wirtshausbesuchen und Kutschfahrten nährt, am Ende doch wieder erlischt, soll noch ein Hohelied angestimmt werden, auf diesen grandiosen Text, der schon alles in sich verwahrt, was auch den späteren Schnitzler ausmachen wird.

Literatur als Seelenerkundung

  • Analyse:

    Auch als Erzähler war Arthur Schnitzler (1862-1931) immer Arzt und Dramatiker: Wie Sigmund Freud legte er die Gesellschaft der untergehenden Habsburgermonarchie auf die Couch und analysierte sie.

  • Identität:

    In „Die kleine Komödie“ lässt er Alfred und Josefine, zwei vom ewigen Liebesreigen Enttäuschte, ein kurzes neues Glück finden, weil sie ihre wahre Identität verheimlichen.

Hervorzuheben sind der Reigencharakter sowie der sparsame Einsatz des Wiener Dialekts – grandios, wenn Pepi ebenso sehn- wie liebessüchtig ausruft: „Heut‘ zwick‘ ich mir einen auf! Aber einen fürs Gemüt!“ Dann: Die Engführung der städtischen Geografie mit der Seelenlandschaft, wie beim Leutnant Gustl. Oder die Liebe zur Maskerade, wie in der Traumnovelle. Und überhaupt: Dieser kalte, fast wissenschaftliche Blick auf diese beiden insektenhaft nervös im Lichtkegel zuckenden Liebeswesen.

Die Romantik gerät abhanden

Die nur den Augenblick zu feiern wissen, weshalb ihnen auf die Dauer wirklich jede Romantik abhanden gerät. Eine Perspektive, die sich der schriftstellernde Arzt und Freud-Freund Schnitzler vielleicht abgeschaut hat von Gustave Flaubert. Der ließ seine Emma Bovary das höchste Glück ebenfalls finden, in der Blackbox einer Kutsche. Und natürlich sind da diese beiden Extra-Könner: Brigitte Karner, die mit sehr viel Esprit, Energie und auch Erotik in der Stimme überzeugt, und Peter Simonischek, der nicht nur ihr Ehemann ist, sondern vor allem ein Weltstar. Alles andere als ein fader Abend!

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