MyMz

Oper

Elizabetta feiert rasante Uraufführung

Gabriel Prokofiev, der Enkel Sergej Prokofievs, komponierte für das Theater Regensburg. Es geht um Selbstoptimierung.
Von Claudia Böckel

Sucht nach einem Jungbrunnen: Filmstar Elizabetta Boyrath (Vera Semieniuk), hier mit ihrem Liebhaber, einem Arzt (Adam Kruzel). Foto: Jochen Quast
Sucht nach einem Jungbrunnen: Filmstar Elizabetta Boyrath (Vera Semieniuk), hier mit ihrem Liebhaber, einem Arzt (Adam Kruzel). Foto: Jochen Quast

Regensburg.Vielleicht ist die ganze Operninszenierung von „Elizabetta“ eigentlich ein Film. Marcus Lobbes hat eine Filmtreppe gebaut, die in eine klinisch weiß gestaltete Guckkastenbühne führt. Davor gibt es ein wenig Platz, um Live-Acts zu filmen und per Video auf die große Rückwand des fiktiven Fernsehstudios zu projizieren. Auf der Bühne: eine Art Gesundheitskathedrale. Es geht um Health, Purity und Wellness, um eine Konferenz zum Thema regenerative Schönheit und Jugend.

Die Vorsitzende, unser Filmstar Elizabetta Boyrath, erweckt ihre weiß gekleideten Jünger, steckt selbst in einem atemberaubenden durchsichtigen Latexkleid mit schwarzen Ornamenten. Cut. Afrika, Ärzte ohne Grenzen: eine junge Frau spricht vom Kampf gegen Ebola. Cut. Werbepause: Affirmationen wie „ich bin stark, ich bin schön, ich bin genug“. Es folgt ein Fernsehinterview: Elizabetta erzählt dem Journalisten von ihrer glücklichen Kindheit, auch von dunklen Geheimnissen in ihrem Leben. In schneller Abfolge geht es so weiter, in die Sauna, zum Arzt/Liebhaber und in dessen Fetisch-Raum als blutrote Videoprojektion, schließlich bis Transsylvanien.

Sie saugt Blut aus einem Kind

Ähnlich kurzatmig wirkt auch oft die Musik, die der britische Komponist Gabriel Prokofiev, Enkel Sergej Prokofievs, komponierte. Aus den vielen kurzen klanglichen Versatzstücken entwickelt sich nur selten ein Duett, eine Arie. Erst zum Ende des ersten Aktes baut sich als Chaconne sehr dramatisch die große Arie Elizabettas auf, als sie mit einer Spritze in das Flüchtlingskind sticht, dessen Blut aufzieht und sich zuführt, als Jungbrunnen. Zuvor hatte sie auf Anraten ihres Arztes auf Hundeblut gesetzt und einen Langhaarzwergdackel ausgesaugt. Dabei konnte es aber nicht bleiben. Die Wirkung des Blutes lässt schnell nach und bringt schreckliche Runzeln aufs Gesicht zurück.

Fasziniert von der „Blutgräfin“

Der Plot der Oper thematisiert nicht nur den Jugend- und Selbstoptimierungswahn unserer Zeit, sondern auch die Ausbeutung der Dritten Welt. Verwoben ist das alles mit Horror- und Dracula-Elementen bis hin zu Filmzitaten aus Vampirfilmen wie den eingeblendeten Landkarten. Die historische Figur der „Blutgräfin“ Elisabeth Báthory hat den Komponisten schon lange fasziniert. Mit dem Librettisten David Pountney zusammen gestaltete er nun als Auftragsarbeit des Theaters Regensburg deren Geschichte, in unsere Zeit übertragen: Elizabetta ist Filmstar, ein moderner Vampir, der auf Kosten anderer lebt, der zuletzt sogar die ursprünglich zur Adoption freigegebene Tochter, die in Afrika Gutes tut, vernichtet und in deren Rolle schlüpft. Das alles kommt nicht ohne typisch schwarzen britischen Humor daher, in der Musik wie im Text.

Die Oper „Elizabetta“

  • Besetzung:

    Vera Semieniuk ist Elizabetta, Sara-Maria Saalmannn ihre Tochter Anna, Adam Kruzel verkörpert den Arzt, Angelo Pollak einen Journalisten. Yudania Gomez von der Hochschule für Kirchenmusik singt die Imara.

  • Team:

    Musikalische Leitung: Chin-Chao Lin, Inszenierung und Bühne: Marcus Lobbes, Kostüme: Christl Wein, Video: Michael Deeg, Choreinstudierung Alistair Lilley, Beleuchtung Wanja Ostrower, Dramaturgie: Christina Schmidt

Prokofjev ist in London bekannt für ein erfolgreiches Format, das er selbst entwickelte: für die Kammermusikreihe „Nonclassical Club“, bei dem zeitgenössische klassische Musik in clubtaugliche Häppchen verpackt wird. Was er mit seiner ersten Oper gemacht hat, ist vielleicht etwas Ähnliches: ein Opernformat für junge Leute, mit Hip-Hop-Elementen, mit Elektro und House, mit schnellen Schnitten, mit aktuellen Inhalten. Auch Form-Zitate aus früheren Jahrhunderten gibt es: die Chaconne, den Totentanz als Touristen-Szene im Fünf-Achtel-Takt auf Schloss Cachtice, das zu Herzen gehende Lamento von Inara über das Verschwinden ihrer Tochter, in Swahili gesungen als schlichtes afrikanisches Lied. Bei den kürzeren Abschnitten brechen dagegen Höhepunkte manchmal weg. Viel Minimal-Music, raffiniert aufgeteilt für Streicher und Bläser im bestens vorbereiteten Orchester, macht den Ground, extrem viel Schlagwerk sorgt für den Beat. Manchmal klingt es nach Britten, manchmal nach Bernstein, oft nach Filmmusik. Der neue Generalmusikdirektor Chin-Chao Lin ist mit Freude am Werk, hält die Fäden in der Hand und gibt präzise Anweisungen an sein Ensemble, das in allen Rollen bestens besetzt ist.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht