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Josef K. als tragischer Tollpatsch

Erstmals kommt Franz Kafka auf die Regensburger Bühne. Mélanie Huber inszeniert „Der Prozess“ als Traumspiel voller Irrwitz.
Von Marianne Sperb, MZ

Die Schweizer Regisseurin Mélanie Huber inszeniert am Theater Regensburg „Der Prozess“ von Kafka. Die Premiere eröffnet gleichzeitig die Bayerischen Theatertage in Regensburg.
Die Schweizer Regisseurin Mélanie Huber inszeniert am Theater Regensburg „Der Prozess“ von Kafka. Die Premiere eröffnet gleichzeitig die Bayerischen Theatertage in Regensburg. Foto: Toni Suter/Tanja Dorendorf

Regensburg.„Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ So unheilschwanger und distanziert beginnt Franz Kafkas Schlüsselwerk „Der Prozess“. Aber was heißt schon „Beginn“ in einer Sammlung von Kapiteln, die der Autor ungeordnet hinterließ? In einer undurchsichtigen Geschichte, von der man immerhin weiß, dass der Verfasser als Erstes, ausgerechnet, die Schlussszene schrieb?

Typisch: Fällt der Name Franz Kafka, fangen die Fragen an. Das scheue, kränkliche Genie wurde nur 40 Jahre alt und schaffte es mit seinen Fragmenten in den Kanon der Weltliteratur. Die Menschen in seinen Büchern tappen durch eine Welt, die sie nicht verstehen. Sie gehorchen verborgenen Gesetzen, handeln nach unbezeichenbaren Codes, sind bedroht von Willkür, Zufall und den eigenen Gedanken – auch und besonders in „Der Prozess“.

Das erste Mal Kafka im Programm

Das Fragment wurde verfilmt, vertont, aufgeführt und in zahlreichen Fassungen publiziert. Stephan Teuwissen fügt den Bühnen-Adaptionen jetzt eine weitere hinzu, als Auftragswerk für das Theater Regensburg: Das erste Mal kommt hier Kafka ins Programm! Die Schweizer Regisseurin Mélanie Huber inszeniert den Stoff im Theater am Bismarckplatz.

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Die Produktion hat am 28. Mai Premiere und sie eröffnet gleichzeitig die Bayerischen Theatertage. Regensburg wird bis zum 10. Juni „Wildes Bayern“. 35 Theater und Ensembles versorgen die Stadt mit maximalem kulturellem Input, mit 50 Vorstellungen plus Rahmenprogramm.

„Kafkas Process ist ein Monstrum. Nichts ist hier normal, nichts ist einfach.“

Reiner Stach

„Kafkas Process ist ein Monstrum. Nichts ist hier normal, nichts ist einfach“, hat Literaturwissenschaftler Reiner Stach dem Werk bescheinigt. „Der Befund bleibt stets derselbe: Finsternis wohin man blickt.“

Kafka sah, wenigstens zeitweise, nicht ganz so schwarz. Der Schriftsteller konnte seinem Text auch witzige Seiten abgewinnen. Freunde erzählten, dass er sich manchmal beim Lesen kaum halten konnte vor Lachen. Stephan Teuwissen und Mélanie Huber packen den Stoff entsprechend an: poetisch und humorvoll. Josef K. wird den Regensburger Theaterbesuchern als eine Art liebenswerter, tragischer Tollpatsch erscheinen. „Wir versuchen ein Stationen-Traumspiel, einen archaischen Bilderreigen“, sagt Huber beim Vorgespräch mit unserer Zeitung.

„Es geht um unsere Verlorenheit“

Es wird nicht um wohlfeile aktuelle Bezüge wie NSA und Überwachung gehen, sondern „um unsere eigene Verlorenheit“. Josef K. – gespielt von Benno Schulz – stolpert durchs Leben und versucht, alles, was auf ihn einprasselt, zu strukturieren: So schwebt Mélanie Huber ihre Hauptfigur vor. „Damit tut er sich aber nichts Gutes“, sagt sie. Der Versuch, die Geschehnisse unter Kontrolle zu bringen, kehrt erst recht die Unbeholfenheit dieses sonderbaren Mannes hervor und zeigt, wie wenig lebenspraktisch er gebaut ist. „Jemand, der immer versucht, sich neu zu rahmen, ist komisch und tragisch zugleich.“ Am Ende, wir ahnen es, passiert alles auch deshalb, weil Josef K. es selbst in die Wege leitet.

Schweizer Trio

  • Mélanie Huber und Stephan Teuwissen:

    Die Schweizer Regisseurin studierte Regie in Zürich im Bereich Film. Zuletzt inszenierte sich „Bartleby“ nach Herman Melville am Schauspielhaus Zürich; mit der Arbeit (Bühnenfassung: Stephan Teuwissen) war sie zum Schweizer Theatertreffen eingeladen. Die Produktion „Die Radiofamilie“ nach Ingeborg Bachmann (Bühnenfassung: Stephan Teuwissen) wurde ans Festival Radikal Jung in München und „Dunkel lockende Welt“ von Händl Klaus ans Prager Theaterfestival der deutschen Sprache eingeladen. Dreimal in Folge wurde sie als Nachwuchsregisseurin des Jahres in der Zeitschrift „Theater heute“ nominiert. Der Theaterwissenschaftler Teuwissen, gebürtiger Belgier, arbeitete als Regisseur und Dramaturg, er unterrichtet in Zürich Dramaturgie.

  • Martin von Allmen:

    Martin von Allmen lebt in der Umgebung von Bern/Schweiz. Seinen musikalischen Weg begann er als Kind mit der Geige, später ließ er sich zum klassischen Dirigenten ausbilden. Er studierte Gesang, war Kirchenmusiker und Kantor. Lange Jahre war er mit a capella-Gruppen unterwegs und begann später als Autodidakt mit Schlagwerk und Trommeln zu spielen. Er gründete eine Unterrichtsplattform (das „Tonwerk“ in Worb) und komponierte für unterschiedliche Musikergruppen und Theater. 2013 schloss er sein Studium Master of Arts - Elektroakustische Komposition ab. Er experimentiert mit herkömmlichen und neuartigen Klängen. Er konfrontiert seine Musik gerne mit anderen Disziplinen und ist interessiert an der Grenze von Nebeneinander und Miteinander.

„Der Prozess“ kommt in Regensburg mit Musik auf die Bühne. Martin van Allmen hat ein Faible für Experimente mit neuartigen Klängen. Der Berner webt den Klangraum für Josef K. und seine Gefährten. Er steckt sogar akustische Zeitfenster ab, inklusive Autolärm, rhythmischem Klopfen und einem Hund, der irgendwo bellt. Und er liefert, nach Texten von Kafka, Kinderklagelieder zu, die den Gefühlen Luft verschaffen.

Mélanie Huber ist es wichtig, nicht nur den intellektuellen Inhalt von Kafkas verwirrendem Werk zu transportieren, sondern den Worten auch körperlich, in Choreografien, Ausdruck zu geben. Die Schauspieler werden also viel in Bewegung sein, auch Slapstick zeigen.

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Die sieben Akteure sind multiples. Jeder schlüpft in fünf bis sechs Figuren. Der pessimistische Gerichtsmaler Titorelli, der wissende Gefängniskaplan, der so überaus korrekte Direktor-Stellvertreter, der quälend umständliche Advokat Huld, der dürre kleine Kaufmann Block, die verspielt-gerissene Leni, außerdem ein hinkendes Fräulein, das ihr Handtäschchen an einer Hundeleine hinter sich her zieht: Allerhand schräges Volk lebt auf in dem Regensburger Bühnenbilderbuch. Lena Hiebel kleidet die Schauspieler in einen Look, den Dramaturgin Meike Sasse mit „zeitloses 1900“ umschreibt. Hiebels Outfits irritieren mit absurden Farben – Mint und Fleischrosa – und schrulligen Schnitten: Mal ist ein Kragen etwas groß, mal ein Ärmel ein kleines Bisschen zu kurz.

Ein kalter Mond über der Szene

Nadia Schrader deutet auf der Bühne eine Traumlandschaft an und bringt mit drei fahrbaren Podesten Tempo in die Szene. Josef K. bewegt sich nicht in düster-rauchiger Atmosphäre, sondern in einem luftig-leichtem Umfeld. Durch ein Fensterband scheint ein kalter Mond, manchmal auch trüb, traurig und intim.

Mélanie Huber, die den Autor Terwissen und die Dramaturgin Sasse aus früheren Arbeiten kennt, hat noch nie Kafka inszeniert. Aber die Wahl scheint stimmig. Die Schweizerin steht auf klare Formensprache und bringt, wie Sasse schildert, Musikalität mit. Huber erzählt: „Viele sagten, als sie von der Inszenierung hörten: Kafka – das passt ja gut.“

Einführung zu „Der Prozess“ ist am Sonntag, 22. Mai, 11 Uhr, im Neuhaussaal (Eintritt frei). Premiere ist am Samstag, 28. Mai, 19.30 Uhr, im Theater am Bismarckplatz.

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