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Theater

Kammerspiele bleiben radikal politisch

Auch die neue Spielzeit kreist um Flucht. Penetranz ist schließlich Teil des Erfolgs, sagt Intendant Matthias Lilienthal.
Von Marianne Sperb, MZ

Intendant Matthias Lilienthal (ganz links), sein Team und einige Gastregisseure stellten am Donnerstag in München die neue Spielzeit der Kammerspiele vor.
Intendant Matthias Lilienthal (ganz links), sein Team und einige Gastregisseure stellten am Donnerstag in München die neue Spielzeit der Kammerspiele vor. Foto: Judith Buss / Kammerspiele

München. Matthias Lilienthal bleibt in der Spur. Der Intendant der Kammerspiele, der zuvor das Berliner HAU zum Höhenflug geführt hatte, bekam für die erste Münchner Spielzeit Beifall, aber auch ätzende Kritik. Sein Theater, hieß es, ist eher Besserungsanstalt als Kunstschauplatz, es ermahnt statt zu berühren. Lilienthal ficht das nicht an. Radikal politisch bleibt er auch in der zweiten Spielzeit – aus Überzeugung, nicht nur, weil die Kammerspiele ein großes Schiff sind, mit einem Jahr Produktionsvorlauf.

Er wolle seine Vorstellungen erst mal zwei, drei Jahre verfolgen, seiner Vision Raum geben, bevor er eine Kurskorrektur überlegt, macht Lilienthal am Donnerstag vor Journalisten klar. Außerdem, zitiert er einen Lieblingssatz von Intendant Ivan Nagel: „Der Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg ist Penetranz.“

„Der Fremde“ als Gegendarstellung

Flucht und Fremde bleiben Kernthema, fest im Blick: die Weltgesellschaft. Den internationalen Ansatz verkörpern schon die drei Gastregisseure bei der Spielplanvorstellung. Mit Julien Gosselin, Amir Reza Koohestani und Toshiki Okada sitzen ein Franzose, ein Iraner und ein Japaner am Tisch.

Koohestani eröffnet die Saison im September mit „Der Fall Mersault – Eine Gegendarstellung“. Basis ist Kamel Daouds Erzählung, die Albert Camus’ Roman „Der Fremde“ spiegelt. Aber: Bei Daoud steht der ermordete Algerier, der bei Camus gerade eine Seite einnimmt, im Zentrum. Das gibt der Geschichte einen postkolonialen Dreh. Regisseur Koohestani geht einen Schritt weiter und treibt die Konfusion darüber, was wahr ist und was Fiktion, in eine dritte Ebene. „Change your point of view“, skizziert der Iraner seinen Ansatz. Und so lebt er ja auch: Er arbeitet viel in Europa, kehrt aber, trotz Zensur, immer wieder nach Teheran zurück. „Ich habe keine Wahl“, sagt er dazu in München. „Ich fühle mich einsam, wenn ich von dort weg bin. Und ich habe immer ein Flugticket in der Tasche.“

Zwei Houllebecqs in einem Stück

In Europa gewinnt die Rechte Boden. Vor diesem Hintergrund bedient sich Julien Gosselin bei Michel Houellebecqs Romanen „Plattform“ und „Unterwerfung“. Er bekennt, er sei „nicht sicher“, ob er „Unterwerfung“ verstanden hat (er weigert sich, dem Autor einen satirischen Ansatz zu unterstellen), aber er sagt auch: „Ich brenne darauf, zu Houellebecq zurückzukehren.“ Die Inszenierung von „Elementarteilchen“ hatte Gosselin 2013 europaweit berühmt gemacht. Zuvor tourte er übrigens eine Zeitlang mit einer Gruppe Schauspieler, unter dem bemerkenswerten Namen SVPLMC („Si vous pouviez lecher mon coeur“, also: Wenn Sie mein Herz lecken könnten“).

Kammerspiele in Regensburg

  • Die Münchner Kammerspiele

    Das Theater beginnt die neue Saison am 29. September. Migration ist ein roter Faden im Programm. Auch am Rand der Inszenierungen setzt sich das Ensemble für Flüchtlinge ein: etwa im Welcome Café, jeden Montag an der Maximilianstraße.

  • Bei den Bayerischen Theatertagen

    Bei dem Festival in Regensburg sind auch die Münchner Kammerspiele zu Gast: am 4. Juni im Velodrom mit „Das Vorsprechen“ von Boris Nikitin. Daniel Gawlowski, einer der Schauspieler, spielte 2016 in Regensburg in „Krach im Hause Gott“.

Toshiki Okada bohrt politisch-gesellschaftliche Grundfragen ästhetisch-poetisch an. Er bringt „No Theater“ auf die Bühne. Figuren, die implodieren, in einer Grundsituation, die explodiert – das macht Lilienthal an seiner Arbeit an. Aktuell faszinieren Okada Stoffe, in denen ein Gespenst vorkommt. Ein Ausfluss von Fukushima, wie er sagt. Der Supergau vor fünf Jahren bringt ihn zu der Frage, welche Verantwortung wir tragen, nicht nur für Menschen heute und jene, die in 100 Jahren geboren werden, sondern auch für die Gestorbenen. In „No-Theater“, wie im No-Theater an sich, steht eine unerlöste Seele im Mittelpunkt. Bleierne Düsternis wird aufgehellt durch eine kurze, leichte Komödie.

Die Kammerspiele sind bei den Bayerischen Theatertagen zu Gast in Regensburg. Lesen Sie mehr

Jede Menge großer Namen holt Lilienthal 2016/2017 an Bord. Er arbeitet wieder viel mit freien Gruppen wie Rimini Protokoll und mit einer Reihe aufregender Regisseure. „Eingeladen zum Theatertreffen“ steht in jeder zweiten Biografie. Susanne Kennedy etwa: Sie bearbeitet „Die Selbstmord-Schwestern“ von Jeffrey Eugenides; Autor und Regisseurin Sofia Coppola haben endlich einer Bühnenadaption zugestimmt. Und Christoph Marthaler: Er inszeniert „Tiefer Schweb“. So heißt der tiefste Punkt des Bodensees, so nennt man dort auch das Unergründliche. In dem Kammerspiel tauchen Beamte am Bodensee unter, um ein Einbürgerungsbewältigungstraining zu absolvieren, das sie brauchen, weil die Anträge ja kein Ende nehmen.

Matthias Lilienthal, Intendant der Münchner Kammerspiele
Matthias Lilienthal, Intendant der Münchner Kammerspiele Foto: dpa

Zwischen der Klammer, die Koohestani zum Auftakt und Marthaler zum Ende der Spielzeit setzen, erlebt der Besucher unruhige Zeiten. Yael Ronen aus Israel/Berlin erfindet mit dem Ensemble der Kammerspiele ein Stück, das untersucht, wie oder ob man sich dem technischen Fortschritt inklusive Dating-Apps entziehen kann. „Point of no return“ kreist um das Lebensgefühl 3.0 oder 4.0. Hausregisseur Nicolas Stemann inszeniert Tschechows „Kirschgarten“, der neue Hausregisseur Christopher Rüping den „Hamlet“ – zwei der eher raren dramatischen Stoffe in einem Spielplan, in dem Roman-Adaptionen stark präsent sind.

Das berüchtigte ZPS kommt

Und klar: Am Rande des Bühnengeschehens wird wieder viel konkret mit und für Flüchtlinge gearbeitet. Erstmals kommt das „Zentrum für politische Schönheit“ für eine Aktion nach München. Die „Sturmtruppe zur Errichtung moralischer Schönheit, politischer Poese und menschlicher Großgesinntheit“ hatte zuletzt 2015 in Berlin mit einer rituellen Beerdigung, ertrunkenen Flüchtlingen gewidmet, Erregungsstoff geliefert. Was das ZPS in München anstellen will, bleibt noch ein großes Geheimnis. Der Open Border Kongress und die Schlepper- und Schleusertagung der letzten Spielzeit dürften Hinweise liefern.

Die Zahlen geben dem Intendanten übrigens recht. Bis Ende März hatten die Kammerspiele gut 75 Prozent Auslastung und knapp 100 000 Zuschauer, alles recht ordentlich. Die Vorstellungen der freien Ensembles waren sogar überraschend gut besucht: „Am HAU in Berlin brauchte es sieben Jahre, um das durchzusetzen“, sagt der Intendant. Manche Besucher toben zwar, Lilienthal und sein ganzes Gesocks sollten nach Damaskus gehen und beim Wiederaufbau helfen – aber dann fragen sie doch wieder um Karten. Viel Wahl haben sie ja nicht: Lilienthal bleibt in der Spur.

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