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Premiere

Krumme Wege zum Eigentor

Fußball als Metapher: Patrick Marbers Stück „Der rote Löwe“ im Regensburger Theater am Haidplatz entlarvt und unterhält gut.
Von Susanne Wiedamann

Nachwuchstalent Jordan (Roman Mucha, v. l.) mit seinem Mentor Yates (Gerhard Hermann) und seinem Trainer Kidd (Frerk Brockmeyer) Foto: Jochen Klenk
Nachwuchstalent Jordan (Roman Mucha, v. l.) mit seinem Mentor Yates (Gerhard Hermann) und seinem Trainer Kidd (Frerk Brockmeyer) Foto: Jochen Klenk

Regensburg.Das rechteckige Stück Rasen ist quer und abschüssig über die Bühne des Theaters am Haidplatz gespannt. Kein Wunder, dass in diesem Fußballdrama nicht gedribbelt wird und auch kein Ball fliegt. Dafür braucht es eine gerade Fläche. Doch hier ist alles schief und krumm. Mitten im Rasen ist ein hübsches Waschbecken eingelassen, im Hintergrund schwimmen Entchen auf einem Duschvorhang. Eine mit Fußballerbildern beklebte Tür führt zum WC. Und ein kreisrunder Rasendeckel macht den Weg frei zu einem geheimnisvollen Keller, aus dem die Trikots mal auftauchen oder in dem sie verschwinden.

Nora Johanna Gromer hat für Patrick Marbers Stück „Der rote Löwe“ statt einer Mannschaftskabine diesen skurrilen, abstrakten Raum geschaffen, in dem der ehemalige Profispieler und jetzige Zeugwart Yates (Gerhard Hermann) seine Wirkungsstätte hat. Hier bügelt er die Trikots der Amateurspieler auf und massiert Fußballerschenkel, hier diskutiert er mit Trainer Kidd (Frerk Brockmeyer) und versucht das neue Fußballtalent Jordan (Roman Mucha) mit Tipps zu fördern.

Bühne frei für ein starkes Trio

Von draußen – doch was heißt hier draußen? – dringen keine Geräusche in diesen merkwürdigen Raum, kein Rasenmähergebrumme, keine jubelnden Massen, kein Getröte beim Spiel, keine Stadionansagen, kein „Tor-Geschrei“, nichts. Auf dem Rasen kaum Action. Keine Videos sorgen für einen raschen Kick. Dafür klare, satte Dialoge wie in einem Kammerspiel, intelligent und sorgfältig komponierter Text.

Regisseur Jens Poth gibt den Darstellern viel Raum, ihre Figuren in all ihrer Vielschichtigkeit zu inszenieren. Und Hermann, Mucha und Brockmeyer spielen das herrlich aus, wenn auch fast abgeklärt, ohne ganz große Emotionen. Ihre Protagonisten sind nicht einfach gestrickte, leicht durchschaubare Persönlichkeiten, sondern auf diesem Rasen spielt jeder sein eigenes Spiel.

Das angebliche Ausnahmetalent Jordan, dem Roman Mucha sensibel Profil verleiht, hofft erst auf eine Festanstellung bei dem Amateurverein und dann auf die ganz große Chance. Er verschweigt seinen Förderern sein kaputtes Knie, dessen Leistungstief er mit Steroiden bekämpft. Der Youngster meint, alles und jeden zu durchschauen – und sieht sich zum Schluss als Opfer von Manipulation.

Patrick Marber

  • Fußballfan:

    Der Autor des Theaterstücks „Der rote Löwe“, Patrick Marber, ist Fußballfan und kaufte 2009 den vom Bankrott bedrohten englischen Amateurfußballklub Lewes FC.

  • Dramatiker:

    Der 1964 in London geborene Schriftsteller, Comedian und Darsteller gehört zu den wichtigsten britischen Gegenwartsdramatikern Sein Stück „Hautnah“ wurde mit Julia Roberts verfilmt. „Der rote Löwe“ entstand nach einer jahrelangen Schreibpause.

Yates – glänzend gespielt von Gerhard Hermann – ist der erfahrene Fußballer, der selbst Schiffbruch erlitten hat, und der deshalb die Branche aus dem Effeff kennt. Er will den Jungen auf den rechten Weg führen, auch wenn dessen Fortkommen nur jenseits des eigenen viertklassigen Vereins möglich ist. Die „Vereinslegende“ schreckt vor dem Verrat seines eigenen Klubs nicht zurück.

Sein Konterpart ist der ewig klamme Trainer Kidd, der den jungen Spieler geschickt und teuer zum eigenen Vorteil an einen anderen Verein verkauft. Er hat keinerlei Moral und sieht im Fußball nur das Geschäft.

Gescheiterte Lichtgestalt

Kidd (Frerk Brockmeyer, l.) manipuliert den Nachwuchsspieler Jordan (Roman Mucha). Foto: Jochen Klenk
Kidd (Frerk Brockmeyer, l.) manipuliert den Nachwuchsspieler Jordan (Roman Mucha). Foto: Jochen Klenk

Frerk Brockmeyer macht aus dieser Rolle ein Kabinettstück. Den arroganten Fiesling gibt er ebenso überzeugend wie den „Taktikguru“, die mit allen Wassern gewaschene Trainerlichtgestalt – und zum Schluss den zum weinerlichen Kind mutierten Kidd, nachdem er – Eigentor! – die Quittung für seine Intrigen erhalten hat.

Für das Premierenpublikum gab es am Samstag dennoch viel zu lachen. Denn Marbers entlarvender Text ist alles andere als moralinsauer, obwohl er drei Männer zeigt, die mehr oder weniger krumme Geschäfte machen – und absehbar scheitern. Das Fußballmilieu ist nur ein beispielhaftes Feld, um zu zeigen, wie es um Moral, Gier, Karrierismus, Korruption, Ehrlichkeit und Betrug heute bestellt ist. Insofern ist Patrick Marbers Stück nicht überraschend, aber unterhaltsam und im Haidplatztheater fein inszeniert und gut gespielt.

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