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Premiere

Marionetten, die zum Leben erwachen

Ein düsterer Remix von Gerhard Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ wird im Theater Regensburg begeistert aufgenommen.
Von Michael Scheiner

Thomas Hoffmann (Guido Wachter) und seine schwangere Ehefrau Martha (Denia Nironen) in einer Szene aus „Vor Sonnenaufgang“  Foto: Marion Bührle
Thomas Hoffmann (Guido Wachter) und seine schwangere Ehefrau Martha (Denia Nironen) in einer Szene aus „Vor Sonnenaufgang“ Foto: Marion Bührle

Regensburg.„Der Teufel hat Regie geführt“. Diese journalistische Metapher könnte man bei der Premiere von Ewald Palmetshofers „Vor Sonnenaufgang“ für einen urkomischen oder auch denkbar schlechten Wortwitz halten. Denn das nach Gerhart Hauptmanns sozialem Drama von 1889 entstandene Stück hat am Theater Regensburg tatsächlich der freie Theatermacher Robert Teufel inszeniert. Begründete der spätere Nobelpreisträger mit seinem Schauspiel den deutschen Naturalismus auf der Bühne, skelettiert nun der Linzer Autor Hauptmanns überaltertes Stück und setzt es auf heutigem Hintergrund neu zusammen.

Dabei behält er im Kern die beteiligten Personen, bringt aber auch die Tochter Martha (Denia Nironen) in persona mit auf die Bühne. Bei Hauptmann ist sie unsichtbar im Hinterzimmer. In der bestens gesettelten Unternehmerfamilie Hoffmann-Krause ist sie als Ehefrau des „realistischen“ – wie er sich selbst sieht – Juniorchefs Thomas Hoffmann (Guido Wachter) die fast ständig gereizte, übelgelaunte Hochschwangere. Als „dunkle Mitgift eurer Mutter“, wie es Thomas resigniert gegenüber Marthas jüngerer Schwester Helene (Inga Behring) nennt, habe sie einen „großen schwarzen Hund“ mit in die Ehe gebracht.

Depression wird verdrängt

Das nach einem Bestseller geschaffene bedrohliche Bild wird heute mit der Depression, einer weit verbreiteten, heimtückischen Krankheit gleichgesetzt. Sie wird nicht gerade selten als Ausdruck des Scheiterns in den modernen, hochkomplexen Gesellschaften gesehen und dementsprechend gut versteckt, verdrängt, in eine Sphäre des individuell Privaten abgeschoben. In sozial eng zusammenstehenden Gesellschaften oder Kulturen ist sie nur äußerst selten zu beobachten und steht damit auch im Zusammenhang mit der Fragmentierung des Menschlichen heute. Tatsächlich sprießen und wuchern Einsamkeit, menschliche Isolation und verzweifelte Leere von Bild zu Bild stärker in Teufels Inszenierung. Schon der grässlich blaugrüne Bühnenaufbau aus drei wuchtig-hohen Mauern ist klaustrophobisch kalt.

Konflikt bricht sich Bahn

Er erschafft einen sezierenden Blick auf die sechs – mit dem dazukommenden Alfred Loth (Philipp Quest), einem früheren Studienfreund Hoffmanns, sieben – Personen, die ständig auf der Bühne sind. Fast wie Marionetten erwachen sie zum Leben, wenn sie mit Dialogen in einer Szene an der Reihe sind. Dazwischen lehnen, sitzen, hängen sie abgewandt oder mit ausdruckslosen Gesichtern zum Publikum wie Puppen an der Wand. Eingesperrt in Haus und Garten des Familienclans, ebenso wie im eigenen Innern.

Das bricht sich in der zunächst perfekt erscheinenden Familiensituation zunehmend Bahn in fatalistischen Sätzen wie „wir werden, was wir sind“ und „ich bin zum Freund gekommen, der zum Feind geworden ist“. Letzteres schleudert der linksgerichtete Journalist Loth dem einstigen Mitstudenten Hoffmann in einer Tirade über das Unglück der Menschheit im Neoliberalismus entgegen. Dieser wiederum antwortet mit kalten Auslassungen in bester populistischer Manier auf die utopistischen Eifereien des einstigen Kumpels. Zudem verdächtigt er, der sich als Jungunternehmer auch noch politisch betätigt, diesen, mit unlauteren Motiven „in meine Küche, mein Haus“ eingedrungen zu sein.

Divergierende Weltsichten

Die im aufgewühlten Eifer vorgetragenen ideologischen Wortgefechte der beiden Studienfreunde stehen für zwei komplett divergierende Weltsichten. In den brillant formulierten Texten wirken sie wie angeheftet an den Protagonisten und lassen den Remix von Hauptmanns starkem Drama streckenweise ausgedünnt, wie papieren erscheinen. Es ist dem herausragenden Ensemble zu verdanken, dass daraus keine langatmigen Worthaufen und Durststrecken entstehen. Alle Spieler halten ihre traurigen, feigen, enttäuschten und heroisch gescheiterten Figuren bis zum schrecklichen Ende vor dem schwarzen Loch mit einer Spannung am durchlöcherten Leben, die hohen Respekt verdient.

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