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Neue Sicht auf „Schindlers Liste“

Das Gärtnerplatztheater widmet der Frau an der Seite des Judendretters eine Oper. Sie wird breit und unverbindlich erzählt.
Von Gerhard Heldt, MZ

Katerina Hebelková in ihrer Rolle als Emilie Schindler, im Hintergrund: Mathias Hausmann als Oskar Schindler, im Gärtnerplatztheater in München Foto: Christian POGO Zach/Gärtnerplatztheater/dpa
Katerina Hebelková in ihrer Rolle als Emilie Schindler, im Hintergrund: Mathias Hausmann als Oskar Schindler, im Gärtnerplatztheater in München Foto: Christian POGO Zach/Gärtnerplatztheater/dpa

München. Wer das Münchner Opernleben verfolgt, wird feststellen, dass das Staatstheater am Gärtnerplatz neben Bekanntem ausgefallene Stoffe auf die Bühne bringt. Der amerikanische Komponist Thomas Morse und sein Librettist und Regisseur Kenneth Cazan stellten, nachdem sie Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“ analysiert hatten, fest, dass Schindlers Frau Emilie im Film so gut wie gar nicht vorkommt. Aus den umfangreichen Recherchen wurde ein Operntext, den Morse behutsam als „Frau Schindler“ vertonte und den das Gärtnerplatztheater jetzt als Auftragskomposition uraufführte.

Das bewegte Leben der Schindlers zwischen Mährisch Ostrau, dem besetzten Krakau, dem böhmisch-mährischen Brünnlitz, der Schweiz, Regensburg, wo das Ehepaar von 1945 bis 1950 Am Watmarkt 5 und in der Alten Nürnberger Straße 24 lebte, und Argentinien zeichnet die Oper in schnell wechselnden Szenen nach. Anders als im Film steht hier nicht Oskar Schindler, sondern seine Frau, die an seiner Seite ein aufopferungsvolles Leben führte, im Mittelpunkt.

Eine Gedenktafel am Goliathhaus in Regensburg erinnert an Emilie und Oskar Schindler. Das Paar lebte ab 1945 für einige Jahre in Regensburg, zunächst im Haus am Watmarkt 5, bevor es nach Argentinien auswanderte. Foto: altrofoto.de/MZ-Archiv
Eine Gedenktafel am Goliathhaus in Regensburg erinnert an Emilie und Oskar Schindler. Das Paar lebte ab 1945 für einige Jahre in Regensburg, zunächst im Haus am Watmarkt 5, bevor es nach Argentinien auswanderte. Foto: altrofoto.de/MZ-Archiv

Oskar Schindler war beruflich mehrfach gescheitert, bevor er aus enteignetem jüdischem Besitz eine Emaillewaren-Fabrik übernehmen konnte. Er lebte auf großem Fuß, obschon das die finanziellen Mittel des Ehepaars erheblich überschritt. Die großzügige väterliche Mitgift seiner Frau brachte er fast ganz durch. Seine ihr gegenüber kaum verheimlichten Liebschaften hätten die Ehe mehrmals fast zum Scheitern gebracht. Geduldig ertrug Emilie alle Eskapaden ihres Mannes, auch die Tatsache, dass er sie bei ihrem 18-wöchigen Krankenhausaufenthalt nach einer schwierigen Operation nicht ein einziges Mal besuchte. Zudem war ihr seine Nähe zu den Nationalsozialisten mehr als verdächtig, doch die war es letztlich, die einen kurzen Wohlstand ermöglichte.

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Nahezu alle arbeitsfähigen Männer waren im Krieg; Schindlers Plan, in seiner Fabrik, die sich auch zur Munitionsfabrik umfunktionieren ließ, jüdische Zwangsarbeiter unentgeltlich arbeiten zu lassen, wurde umgesetzt, und die Fabrik galt als „kriegswichtig“, die Arbeiter durften nicht eingezogen werden. Als diese Fabrik wegen der vorrückenden Roten Armee nach Westen verlegt werden musste, schrieb Oskar Schindler alle seine Mitarbeiter auf die durch den Film bekannt gewordene Liste und rettete so 1200 Juden vor dem sicheren Tod. Unabhängig davon hatte Emilie Schindler 200 Frauen, die mit einem Zug vor Auschwitz gestrandet waren, durch Bestechung eines Quartiermeisters vor dem Tod gerettet.

Emilie Schindler, die Witwe von Oskar Schindler, 1999 in München: Sie starb 2001 in Strausberg und wurde in Waldkraiburg beerdigt. Foto: dpa
Emilie Schindler, die Witwe von Oskar Schindler, 1999 in München: Sie starb 2001 in Strausberg und wurde in Waldkraiburg beerdigt. Foto: dpa

Nach der Kapitulation gab es Probleme bei der Einreise in die Schweiz, da amerikanische Soldaten Schindler als deutsche Spion in ihren Listen führten. Dank des energischen Eingreifens der mit ihnen geflohenen Juden konnten die Schindlers in die Schweiz einreisen, von wo aus sie 1945 nach Regensburg gelangten (Gedenktafel am Haus Watmarkt 5). Sie übersiedelten danach nach Argentinien, wo Oskar mit einer Otterfarm scheiterte und 1957 allein nach Deutschland reiste, da man ihm angeblich einen Posten angeboten hatte. Emilie sah ihren Ehemann nie wieder. Das Finale der Oper (Akte 2 und 3) fällt gegenüber dem ausufernden ersten Akt kompakt aus: Abschied in Argentinien, Übersiedlung nach Deutschland, Emilie als sehr alte Frau, innere Aussöhnung mit ihrem Oskar: „Was Oskar und ich taten, hätte jeder Mensch getan“. Der Chor intoniert dazu „Shalom“.

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Schwächen des Werks sind vorrangig im Libretto zu erkennen, das, wohl um alles zu bringen, was Spielberg ausließ, zu epischer Breite neigt. Diese adäquat in Musik umzusetzen, ist wohl eher erfahrenen Opernkomponisten vorbehalten. In Morses Klangwelt dominiert das Unverbindliche, das niemandem wehtut. In der Matinee hatte er ein Bekenntnis zur filmisch gedachten Untermalung des handlungsreichen Geschehens abgelegt: seine Musik reagiert kaum auf den Text, bleibt unentschieden zwischen kammermusikalischer Sparsamkeit und teils üppiger Klangschwelgerei. Die Sänger haben im Parlandostil mit weich gezackter Melodieführung große Mengen an Text über die Rampe zu bringen, was durchwegs glänzend gelang.

Die Stärken der Aufführung sind die atmosphärisch dichte Bühnengestaltung – die aufgesetzte Drehbühne ermöglicht schnelle Szenenwechsel – und die exzellenten Sängerdarsteller, allen voran Katerina Hebelková als Emilie Schindler. Sie leidet, fühlt mit, revoltiert und lenkt mit farbenreichem Mezzo virtuos das Geschehen. Großartig auch Jennifer O’Loughlin als jüdisches Hausmädchen Marthe Marker, deren stärkste Szene die Verteidigung der Schindlers bei der Einreise in die Schweiz ist. Mathias Hausmann ist in den wenigen Szenen, wo er echte Liebe zu Emilie zeigt, anrührend, bleibt aber als Lebemann, der Schindler war, eher blass. Das Ensemble ist bis in die kleinste Partie ausgezeichnet besetzt. Das Orchester unter der Leitung von Andreas Kowalewitz überzeugt mit Einfühlungsvermögen in die stilistischen Eigenheiten der Musik von Thomas Morse, die zwischen filmischem Soundtrack und Minimal Music pendelt.

Weitere Vorstellungen von „Frau Schindler“ sind am 13., 15. und 17. März, jeweils 19.30 Uhr, sowie am 19. März um 18 Uhr.

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