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Musiktheater

Puccinis „Tosca“ im Stummfilmlook

Die Oper feierte am Theater Regensburg Premiere. Bühne und Kostüme zeigen sich düster, für Farbe sorgt die Musik.
Von Claudia Böckel

Sinéad Campbell-Wallace war eine stimmlich überragende Tosca, Adam Kruzel nimmt das Publikum das Dämonische nicht ab. Foto: Jochen Quast
Sinéad Campbell-Wallace war eine stimmlich überragende Tosca, Adam Kruzel nimmt das Publikum das Dämonische nicht ab. Foto: Jochen Quast

Regensburg.Vor vielen Jahren war Adam Kruzel schon einmal Baron Scarpia, der Polizeichef in Puccinis Oper „Tosca“. Eine Zuschauerin sagte nach der Premiere: „Ich verstehe nicht, warum Tosca den Cavaradossi will. Scarpia ist doch viel aufregender. So, wie der singt, würde ich mich für Scarpia entscheiden.“ Jetzt ist Kruzel wieder Scarpia. Nicht mehr so kraftvoll kommt er rüber wie damals. Man nimmt ihm das Dämonische und das Kraftstrotzend-Männliche nicht mehr so leicht ab. Er ist seiner Rolle natürlich immer noch gewachsen, aber eine gewisse Angestrengtheit in der Stimme zeigt sich doch.

Vielleicht hat auch die Schwarz-Weiß-Zeichnung der Inszenierung von Dominique Mentha ein wenig Schuld daran, dass Scarpia eindimensional als Machtmensch rüberkommt. Die Bewegungsabläufe, wenn er zum Beispiel nach Tosca, seinem Objekt der Begierde, greift, wirken recht schematisch. Da steckt keine Raffinesse, kaum Bosheit dahinter, es geht nur um Überrumpelung, um den Übergriff an sich. Aber das ist halt so, wenn man sich der Stummfilm-Ästhetik verschreibt, wie Regisseur und auch Bühnenbildner Helmut Stürmer das getan haben.

Zur Erinnerung das Setting: Erster Akt: Kirche, zweiter Akt: Palazzo, dritter Akt: Engelsburg, alles in Rom. Auf der Regensburger Bühne befindet sich ein schwarzer Raumaufbau. Im ersten Akt ist es ein Kirchenraum, nicht wirklich definiert als Seitenschiff oder Chorraum. Zwei Arkaden müssen reichen als Spielraum. Die Wandflächen sind freskiert, mit dem Katastrophenmaler Desiderio Monsù nachempfundenen Bildern von Verdammten. Die Fenster sind immer vergittert, Kirche und Kerker von Anfang an überlagert.

Einige Schlicht- und Plattheiten

Nach dem ersten Einsatz der Drehbühne hin zum zweiten Akt wird klar: der Bühnenaufbau hat keine besonderen skulpturalen Eigenschaften, wie man das vom jüngsten Bayreuther Ring kennt, sondern wandelt sich unspektakulär zu einem Kanzleiraum, dann wieder zur Kirche. Im zweiten Akt sitzen sich Scarpia und Tosca im Reformkleid am Tisch gegenüber. Alles wirkt ungelenk, schattenrissartig. Schlichteste Gesten und Plattheiten – wie zu absteigender Tonfolge die Treppe hinunterzugehen: Bühne und auch Kostüme von Katharina Heistinger bieten kaum Anregung, alles ist düster, aber nicht richtig gruselig oder mit dramatischen Hell-Dunkel-Effekten versehen.

Da ist dann eben der Orchestergraben gefragt und die sängerische Ausführung. Generalmusikdirektor Chin-Chao Lin leistet an diesem Premierenabend zur Spielzeiteröffnung sehr gute Arbeit, produziert mit einem motivierten Ensemble die Farben, die auf der Bühne fehlen. Diese dramatisch stringenteste der Opern Puccinis hat nur wenig Ensembleszenen, dafür aber viel musikalisches Lokalkolorit. Der Komponist war sogar nach Rom gereist, um die Glockenklänge am frühen Morgen zu studieren, die er zu Beginn des dritten Aktes als Matutinläuten einsetzte. Das Geläut gibt dem Fortgang der Musik einen fast unwirklichen Rahmen, blickt auf nicht mehr tonartlich gebundene Musik voraus.

Stimmlich überragende Tosca

Der Gesang des Hirten lag beim neuen Ensemblemitglied Onur Abaci, einem Sopranisten, in besten Händen. Und Tenor Yinjia Gong als Maler Cavaradossi hatte hier mit „E lucevan le stelle“, „Es blitzten die Sterne“, seine Sternstunde des Abends, aufs Beste unterstützt von der Soloklarinette. Auch das große Liebesduett zwischen Tosca und Cavaradossi war betörend gesungen und musiziert, wenn auch die beiden Protagonisten wieder an der Rampe standen, zunächst einer links, einer rechts, dann im Stil einer Christus-Johannes-Gruppe aneinandergelehnt. Sinéad Campbell-Wallace war eine stimmlich überragende Tosca, die von höchster Eifersucht bis zu Mordgelüsten, von Liebesschwüren bis zum Selbstmord alles musikalisch überzeugend darstellen kann. Auch die Nebenrollen sind durchweg gut besetzt: Selcuk Hakan Tirasoglu als Aufrührer Angelotti, Seymur Karimov als Mesner, Philipp Meraner und Thomas Lackinger als Gendarmen. Satter Orchesterklang aus dem Graben unterstützte die Sänger, ohne sie zu übertönen. Ein musikalisch aufregender Abend, an dem auch die Chöre ihren Anteil hatten.

Die Oper „Tosca“

  • Popularität: Eine Fernsehübertragung mit Placido Domingo machte „Tosca“ zur vielleicht bekanntesten Oper überhaupt. Von Kritikern wurde sie oft geschmäht als „schäbiger Schocker“ oder „Folterkammermusik“, vom Publikum wird sie jedoch geliebt. (moe)

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