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Musik

So klingen die Wellen des Mittelmeers

Das Omer Klein Trio zeigt im Theater am Bismarckplatz, welche Weiten und Welten künstlerische Intelligenz zu öffnen vermag.
Von Peter Geiger

Das Omer Klein Trio begeisterte in Regensburg. Foto: Gerhard Schmidt
Das Omer Klein Trio begeisterte in Regensburg. Foto: Gerhard Schmidt

Regensburg.„Radio mediteran“ – klingt das nicht so, als wäre das der Name eines Senders, der seine Signale aus einer sehr fernen und sehr geheimnisvollen Welt in die Umlaufbahn schickt? So weit weg von hier, vom Spielort Regensburg, dass ihm nicht mal das Regelwerk des Dudens ein weiteres „r“ zu diktieren vermochte? Und der die Wellennatur des Äthers vereint, mit der des Mittelmeeres?

Aber Omer Klein und seine beiden Begleiter, alle drei in Israel geboren, sie stehen ja leibhaftig auf der Bühne im Theater am Bismarckplatz. Um ihr aktuelles drittes Album mit eben diesem Titel live zu präsentieren. Und dabei die Sache mit dem fehlenden Buchstaben aufs Genüsslichste zu zelebrieren. Denn ihre Interpretation des Jazz ist gegen den globalen Strich gebürstet. Weil er die Handschrift dessen trägt, was vor der eigenen Haustür passiert. Und mit allen Wassern des „Mare nostrum“ gewaschen ist. Weshalb er das salzige Idiom des Levantinischen ebenso spricht wie das der großen Syrte und der Schwarzmeergegend.

Gordische Sound-Knoten

Bald fragt man sich: Was der Mann am Flügel da macht, ist das wirklich noch Pianospiel? Oder steht Omer Klein, diesem in Boston und New York ausgebildeten Jazz-Musiker, Jahrgang 1982, nicht irgendwo ein kleiner, unsichtbarer Knopf zur Verfügung? Den er nur zu betätigen braucht, um blitzschnell umzuschalten, von der Harmonik der Blue Notes und des Modern Jazz, auf die des Orients? Ja, die flirrende Musik dieses Trios, sie evoziert sofort Bilder. Und erzählt deshalb Geschichten vom Meer („Our Sea“), von der Wüste („Desert Trip“) oder von jener Art politischer Spannungen, die den Fliehkräften der kulturellen Plattentektonik dieser Region geschuldet ist („Protest“). Genau diese Gegensätze und Spannungen aber sind es, aus denen diese Musik ihre positive Energie bezieht. Und es ist für das leider zum Sitzen verurteilte Publikum nicht nur eine Ohren-, sondern auch eine Augenweide, die drei auch von der „New York Times“ durch Lob Geadelten dabei zu beobachten, wie sie sich nach meist ruhigem Beginn in Rage spielen.

Musik

Jazz verschmilzt mit der Levante

Omer Klein gastiert mit seinem Trio am 10. Mai im Theater.

Ganz vorne, in der ersten Reihe links, da sitzt eine blonde Frau, deren hohe Pferdeschwanzaktivität sich als Indikator dieser Intensität lesen lässt. Und die zugleich zeigt, wie sich das aus Schlagzeug und Bass bestehende Rhythmus-Duo dem Diktat seiner komplexen Taktmuster unterwirft. Gemeinsam mit dem vollklingenden Tasten-Crescendo verschmelzen sie zu einer Einheit, so dass in kompakter Verdichtung scheinbar unauflösbare gordische Soundknoten entstehen.

Die Nebenjobs des Trios

Georg Kreisler hat einmal gesagt, er sei deshalb kein großer Jazz-Fan, weil das Genre stets der Klassik hinterherhinkt, was die Bandbreite des musikalischen Ausdrucks anbelangt. Ein Vorwurf, den man dem Omer Klein-Trio und seiner künstlerischen Intelligenz beim besten Willen nicht machen kann. Alle drei erblicken sie in der Nähe das Weite und verweisen auf die Reichhaltigkeit dieser (Klang-)Welten - auch, weil jeder auf der Bühne speziellen Nebenjobs nachgeht.

Auf seinem linken Becken hat Amir Bresler kleine Trömmelchen und Schellen liegen. Haggai Cohen-Milo arbeitet sich nicht nur an seinem Kontrabass ab, sondern speist zusätzlich Tiefsttöne ein, an seinem Novation-Keyboard. Aber auch der Chef selbst (der in der Kraftwerk-Stadt Düsseldorf lebt!) erweitert das Spielfeld und sorgt mit seinem analogen Prophet 5-Synthesizer für jene Art von Fusion-Klang, die unversehens anschließt, an jene historische Aufführungspraxis, die in den mittleren Herbie-Hancock-Jahren üblich war.

Handyklingeln und Autogrammwünsche

  • Humor:

    Als Pianist geht Omer Klein in die Vollen, als Conférencier dagegen setzt er auf leisen Humor. Als während der Ansage von „Sofia Baby“ ein Handy klingelt, mutmaßt er einen Anruf aus der bulgarischen Metropole.

  • Kauf:

    Und weil er vergessen hat, das neue Album „Radio Mediteran“ in Tonträgerform mitzubringen, fordert er zu kurz gekommene Interessenten auf, sich beim lokalen Plattenhändler zu versorgen. Alle Autogrammwünsche wird er nächstes Mal erfüllen.

Nach rund 90 Minuten wäre Schluss gewesen mit dem Neun-Nummern-Programm. Aber das Publikum hatte sich wohl in der Pause an Omer Kleins augenzwinkernd erteilten Tipp gehalten, sich entkrampfende Getränke gegönnt und erklatschte sich zwei Zugaben. Die Ekstase hatte die Sitzenden endgültig ergriffen!

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