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So macht man viele Dollars

Ein bisschen Volkshochschule, ein bisschen Video-Seminar: Josua Rösings Regensburger Inszenierung von „Lehman Brothers“.
Von Peter Geiger, MZ

Geld, immer noch mehr Geld machen die Lehman Brothers  – hier Gerhard Hermann in der Inszenierung im Velodrom.
Geld, immer noch mehr Geld machen die Lehman Brothers – hier Gerhard Hermann in der Inszenierung im Velodrom. Fotos: Jochen Quast

Regensburg.„Too big to fail“, zu groß, um zu scheitern: Dieser Satz galt nahezu ein Jahrhundert lang in den USA, im Herzland des Kapitalismus, als Mantra der Wirtschaftspolitik. Er bedeutete: Drohte ein Unternehmen, dessen Größe als „systemrelevant“ erachtet wurde, in die Knie zu gehen, wurde es mit Staatsgeldern wieder hochgepäppelt.

Im September 2008, angesichts von Herausforderungen, die das System zu überfordern begannen, galt dieser Satz dann nicht mehr. George W. Bushs Finanzminister Henry Paulson verweigerte der zuvor ins Schlingern geratenen Investmentbank Lehman Brothers weitere Unterstützung – nahm sie also vom Tropf und sorgte damit für eine mehrere hundert Milliarden US-Dollar schwere Pleite. Deren Auswirkungen erschütterten das Weltfinanzsystem in seinen Grundfesten.

„Ich will mein Geld zurück“

Angesichts dieser Faktenlage und des Titels, der nicht nur vom „Aufstieg“ sondern auch vom „Fall einer Dynastie“ spricht, durfte man als Besucher eigentlich erwarten, dass man im Velodrom bei der Premiere des Stefano Massini-Stücks all das zu sehen bekäme, was sich tief eingebrannt hat, ins kollektive Krisengedächtnis: Also zum Beispiel Banker, die in Kartons ihre letzten Habseligkeiten vor sich her balancieren. Immerhin waren durch den Lehman-Konkurs ja 25 000 Mitarbeiter – wie sagt man? – freigesetzt worden! Oder die Citibank-Kundin Ingrid Deutsch, die stellvertretend für 40 000 andere geprellte deutsche Kontoinhaber mit einem selbst beschrifteten Schild vor dem Bauch von der Bundesregierung gefordert hatte: „Ich will mein Geld zurück!“ Aber all das: Fehlanzeige!

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Der Zuschauer wird stattdessen vielmehr (oder doch besser: viel weniger?) zu einem Volkshochschulseminar im Fachbereich „Wirtschaftsgeschichte“ geladen. Und erfährt in den ersten 90 Minuten (also bis zur Pause), wie die Lehmanns in den 1840er Jahren aus dem bayerischen Rimpar nach Alabama kamen, und dort, in Montgomery einen sagenhaften Aufstieg hinlegten.

Geld, immer noch mehr Geld machen die Lehman Brothers  – hier Gerhard Hermann in der Inszenierung im Velodrom.
Geld, immer noch mehr Geld machen die Lehman Brothers – hier Gerhard Hermann in der Inszenierung im Velodrom. Fotos: Jochen Quast

Die Brüder fungierten als „Mittler“, als Scharnier zwischen Produzent und Endkunde. Sie gingen ins Risiko und handelten mit allem, was die Ökonomie während der ersten und zweiten Phase der Industriellen Revolution nachfragte, also Baumwolle, Kaffee, Stahl, Eisenbahnen, Öl etc.. Und sie fanden ihr Glück in Gestalt ökonomischer Expansion. Bald nämlich war ein Familienteil in New York ansässig und machte dort den Erfolg noch bigger.

Auszeichnungen

  • Der Autor:

    Stefano Massini ist einer der wichtigsten Gegenwartsdramatiker Italiens. Zu seinen größten Erfolgen gehört „Donna non rieducabile“.

  • Das Stück:

    Sein Theaterstück „Lehmann Brothers – Aufstieg und Fall einer Dynastie“ wurde im Piccolo Teatro Grassi in Mailand als „Bestes neues italienisches Stück“ ausgezeichnet. Die Produktion am Piccolo Teatro Grassi in der Regie von Luca Ronconi als „Beste Produktion des Jahres“ geehrt.

So interessant das alles sein mag – aber nach der auch fürs Theater gültigen ehernen Nutella-Regel, dass nämlich gefälligst das im Glas drin zu sein hat, was auf dem Aufkleber außen drauf steht (Fall einer Dynastie?), scheitert das Vorhaben. Ebenso gut nämlich könnte das Stück dann „Carnegie“ (Stahlbranche), „Rockefeller“ (Ölbranche) oder „Goldman Sachs“ (in der Finanzbranche bis zuletzt größer als Lehman) heißen.

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Was dem Zuschauer in der Inszenierung von Josua Rösing geboten wird, ist eine Lehrstunde im Fach „So macht man Dollars“. Denn auch der gut 20-minütige Appendix, der die Vorstellung nach der Pause abrunden soll, im Parforce-Ritt vorbei an Stationen wie „Schwarzer Freitag“ und „New Deal“ und dem Übergang zur Informationstechnologie, verstärkt am Ende doch nur den Eindruck des Unrunden, des Beliebigen und des Nicht-zu-Ende-Gedachten.

Die Schauspieler Michael Haake und Patrick O. Beck Foto: Jochen Quast
Die Schauspieler Michael Haake und Patrick O. Beck Foto: Jochen Quast

Bedauerlich ist das vor allem für das Schauspieler-Ensemble. Alle acht Darsteller können einem deshalb leidtun, weil sie die Schwierigkeit, den Text chorisch zu sprechen, eigentlich brillant meistern. Der Wille zur Präzision ist spürbar und zieht in den Bann.

Weshalb sich allerdings sämtliche Frauen in Männerkleidern und die Männer in Frauenkleidern präsentieren müssen, erschließt sich allenfalls ansatzweise. Weil die Differenz zwischen Schein und Sein so fundamental ist wie die zwischen Real- und Nennwert? Hm.

Ein trockener Brunnen ohne Sinn

Ebenfalls nur zur Hälfte erklärt sich der Springbrunnen, der völlig vertrocknet über die gesamte Spieldauer hinweg als Requisit die Bühne schmückt – und dabei doch auch das endlos Sprudelnde und Überfließende der Aufstiegsära symbolisieren soll. Auch der Einsatz der Technik wirkt unentschlossen: Die Video-Kamera, die ausschließlich im ersten Teil (also im 19. Jahrhundert) zum Einsatz kommt, bringt zwar Bewegung ins Spiel und sorgt für wechselnde Blickachsen. Aber: Wäre sie, als Signum des 20. Jahrhunderts, nicht besser in der zweiten Hälfte platziert? Auch die Spieluhr-Idee, die der Musik des renommierten Elektronikers Thies Mynther zugrunde liegt, trägt nicht über eineinhalb Jahrhunderte. So dass sich am Ende die Wahrheit eines anderen Mantras erweist: dass es doch die Größe eines Vorhabens sein kann, die zum Scheitern führt.

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