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Spielzeit

Theater Regensburg kitzelt Herz und Hirn

27 Produktionen in der Pipeline: Beethovens Tochter betritt die Weltbühne, Juke Box Heroes tanzen und: es geht nach Oslo!
Marianne Sperb

  • Das Theaterteam stellte im Malsaal den neuen Spielplan vor (von links): Georg Reischl, Jens Neundorff von Enzberg, Maria-Elena Hackbarth, Chin-Chao Lin und Klaus Kusenberg. Foto: Moosburger/altrofoto.de
  • Szene aus „Wer hat Angst vorm weißen Mann?“: Die Inszenierung, eine Art leicht intellektualisierter Komödienstadel, wurde zum Hit. Die neue Schauspiel-Saison wird sehr politisch. Foto: Kaufhold

Regensburg.Ludwig van Beethoven kennt jeder. Minona von Stackelberg ist nur Kennern ein Begriff. Jüri Reinevere will jetzt ein 200 Jahre altes Rätsel der Musikwissenschaft ergründet haben. Minona war die Tochter des Meisters. Und die ungarische Adlige Josephine Brunsvik die „unsterbliche Geliebte“, der Beethoven 1812 seinen berühmten Brief geschrieben hat. So recherchierte es Jüre Reinevere aus Tallinn in diversen Archiven.

Die Nachricht passt wunderbar ins Beethoven-Jahr. 202o feiert die Musikwelt den 250. Geburtstag des Genies und zum Auftakt wird in Regensburg „Minona“ erstmals die Weltbühne betreten: in einer Auftragsoper von Jüri Reinvere (Regie: Hendrik Müller).

Vera Semieniuk in „Elizabetta“: Die Auftragsoper der neuen Saison schreibt Jüri Reinevere. Mit „Minona“ betritt erstmals Beethovens Tochter die Weltbühne. Foto: Jochen Quast
Vera Semieniuk in „Elizabetta“: Die Auftragsoper der neuen Saison schreibt Jüri Reinevere. Mit „Minona“ betritt erstmals Beethovens Tochter die Weltbühne. Foto: Jochen Quast

Der Komponist und Essayist ist in Estland ein Star, in Deutschland wenig bekannt. Dass ihn familiäre Schattenwelten interessieren, liegt auch an Ingmar Bergman. 15 Jahre war Reinvere, der seit 2017 in Frankfurt lebt, mit dem schwedischen Regisseur eng befreundet. Sehr plastisch, beinahe pompös und filmreif, so beschreibt Jens Neundorff von Enzberg Reinveres Musik.

Elf Uraufführungen sind in der neuen Saison zu sehen

Der Regensburger Intendant Jens Neundorff von Enzberg.
Der Regensburger Intendant Jens Neundorff von Enzberg. Foto: Moosburger/altrofoto.de

27 neue Produktionen bringt das Theater Regensburg in der Saison 2019/2020 heraus (Motto: „Visionen“), elf davon sind Uraufführungen. Und wie immer versucht das Programm, Herz und Hirn anzusprechen, den Intellekt zu befeuern und den Bauch zu kitzeln. Ein Ansporn ist die Bestenliste der „Deutschen Bühne“; die Jury kürte Regensburg zuletzt zu einem der bundesweit innovativsten Häuser abseits großer Zentren.

Die Premieren der neuen Saison

  • Schauspiel:

    „Oslo – Mission für den Frieden“ von J. T. Rogers (21. September 2019), „Am Königweg“ von Elfriede Jelinek (22. September 2019), „Sex oder Ex“ von Anthony Neilson (9. November 2019), Molières „Tartuffe“ von Molière (16. November 2019), „The Who and the What“ von Ayad Akhtar (18. Januar 2020), „Jenseits von St. Emmeram“ von Gerwin Eisenhauer und Marc Becker (8. Februar 2020), Shakespeares „Richard III.“ (28. März 2020), Fontanes „Effi Briest“ (4. April 2020), „(demokra’ti:) – Eine postvisionäre Belastungsstörung“ von Mia Constantine und Nadine Wiedemann (16. Mai 2020), „Jedermann (stirbt)“ von Ferdinand Schmalz (30. Mai 2020)

  • Junges Theater:

    Lindgrens „Die Brüder Löwenherz“ (28. September 2019), Preußlers „Die kleine Hexe“ (24. November 2019), „Das schaffen wir! Oder: Einer hat die Absicht eine Mauer zu bauen“ von Maria Milisaveijevic (29. Februar 2020), „Patricks Trick“ von Kristo Sagor (18. April 2020), „Vintulato, mein Hund die Farbe Blau“ von Philipp Löhle (14. Juni 2020), „Weil es unsere Zukunft ist“, Stückentwicklung Kinderclub (am 24. Mai 2020), „#nofilter“, Stückentwicklung Jugendclub (27. Juni 2020)

  • Musik:

    Puccinis „Tosca“ (14. September 2019), Vivaldis „La fida ninfa“ (26. Oktober 2019), „Ludwig II. – Sehnsucht nach dem Paradies“ von Franz Hummel (7. Dezember 2019), „Minona“ von Jüri Reinvere (25. Januar 2020), „M’Orpheo“ von Thies Mynther (24. März 2020), „The Sound of Music“ von Richard Rogers (2. Mai 2020), Verdis „Otello“ (21. Juni 2020).

  • Tanz:

    „Juke Box Heroes“ von Georg Reischl (1. November 2010), „Drum Dancing“ von Georg Reischl (15. Februar 2020), „Tanz-Fabrik! acht“(13. Juni 2020)

Ein tollkühnes Experiment kündigt sich mit „M’Orpheo“ an, eine zweite Auftragsarbeit für Regensburg. Thies Mynther, der aus der Techno-Szene kommt, paart Klassik mit Elektro-Klängen. Der Komponist gräbt nach bei Opernvater Monteverdi und geht mit dem 400 Jahre alten Stoff auf eine dionysische Entdeckungsreise. An seiner Seite hat er das Kollektiv „Hauen und Stechen“, das das aus der Zeit gefallene Format Oper zertrümmert, als Musiktheaterperformance neu zusammensetzt und diverse Orpheos und Eurydikes durchs Velodrom schwirren lässt. Klingt wild und „kann auch völlig schief gehen“, wie Neundorff bekennt. „Ist aber mein Lieblingsprojekt.“

„M’Orpheo kann auch völlig schief gehen – ist aber mein Lieblingsprojekt.“

Jens Neundorff von Enzberg

Das Fach der Opern-Klassiker bedienen Puccinis „Tosca“ (Regie: Dominique Mentha), Vivaldis „La fida ninfa“ (Regie: Johannes Polzgütter) und Verdis „Otello“ (Regie: Verena Stoiber). Als Zugpferde werden zwei Musicals angeschirrt: Richard Rogers’ „Sound of Music“ über die singende Familie Trapp (Regie: Bernd Mottl) sowie „Ludwig II. – Sehnsucht nach dem Paradies“, als Verbeugung zum 80. Geburtstag des Komponisten Franz Hummel. Das Werk (Regie: Sam Brown), das in Füssen 1,5 Millionen Menschen sahen, wird in Regensburg mit weniger Bombast und mit dem Ohr an der Musik inszeniert.

Maria-Elena Hackbarth, Leiterin des Jungen Theater. Foto: Moosburger/altrofoto.de
Maria-Elena Hackbarth, Leiterin des Jungen Theater. Foto: Moosburger/altrofoto.de

Der Intendant stellte am Freitag mit Klaus Kusenberg (Schauspiel), Georg Reischl (Tanz), Maria-Elena Hackbarth (Junges Theater) und Chin-Chao Lin (GMD) den neuen Spielplan vor. Kusenberg verpasst dem Schauspiel eine starke politische Note. „Wir werden Klassiker und zeitgenössische Texte befragen, was sie über Gesellschaft und Politik heute sagen. Uns sind da, wie ich meine, einige paar Coups gelungen.“

Gleich zum Auftakt übernimmt Kusenberg selbst die Regie. Der Polit-Thriller „Oslo – Mission für den Frieden“, noch nie auf einer deutschen Bühne gespielt, erzählt die klammheimlichen Verhandlungen zwischen Arafat und Rabin vor dem israelisch-palästinensischen Friedensschluss von 1993. Statuskämpfe, Bluffs und Fakenews legen desillusionierende Parallelen zu Heute frei, sagt Kusenberg. Dazu passt Elfriede Jelineks Text „Am Königsweg“ (Regie: Stefan Otteni), den Kritiker als „Stück des Jahres“ bejubelten. Es kreist um liberale Eliten, Abgehängte und Donald Trump, auch wenn der Name des US-Präsidenten kein einziges Mal fällt.

Klaus Kusenberg Foto: Moosburger/altrofoto.de
Klaus Kusenberg Foto: Moosburger/altrofoto.de

An Grundfragen der Demokratie rütteln Mia Constantine und Nadine Wiedemann in einer Projektentwicklung, der sperrige Titel: „(demokra’ti:) – Eine postvisionäre Belastungsstörung“. Ebenfalls am Haidplatz, dem kleinen Regensburger Theater-Labor, lauscht „Sex oder Ex“ als deutschsprachige Erstaufführung (Regie: Klaus Kusenberg) dem charmant-bizarren Bettgeflüster von Jimmy und Jess, die nach 14 Monaten endlich wieder das tun wollen, was Paare tun. „The Who and the What“ (Regie: Daniela Wahl) erzählt mit Humor, was passiert, wenn ein strenggläubiger Pakistani per Fake-Profil das Liebesleben der Töchter kontrolliert.

Linda Förster als Fürstin Viktoria und Steffi Denk als Antonella Sardini im „Sommernachtsalbtraum“ im Velodrom
Linda Förster als Fürstin Viktoria und Steffi Denk als Antonella Sardini im „Sommernachtsalbtraum“ im Velodrom Foto: Jochen Quast

„Jenseits von St. Emmeram“ könnte das Zeug zum Hit haben. Fünf Jahre nach dem „Sommernachtsalbtraum“ schlägt Gerwin Eisenhauer wieder zu und rockt Regensburg, mit Marc Becker an seiner Seite.

Auf Shakespeares unsterblichen Schurken „Richard III.“ darf man gespannt sein. Georg Schmiedleitner, der sonst an berühmten Häusern wie der Wiener Burg arbeitet, inszeniert das Drama für Regensburg.

Molières „Tartuffe“ (Regie: Peter Wittenberg) und Fontanes „Effi Briest“ (Regie: Pia Richter) bestreiten weitere Premieren und Hoffmannsthals „Jedermann“ – reloaded von dem jungen Autor Ferdinand Schmalz – stirbt in schönstem Ambiente, beim sommerlichen Freiluft-Spiel im Thon-Dittmer-Hof (Regie: Matthias Reichwald).

Georg Reischl, neuer Chef der Sparte Tanz Foto: Moosburger/altrofoto.de
Georg Reischl, neuer Chef der Sparte Tanz Foto: Moosburger/altrofoto.de

Das Publikum trifft in der neuen Saison erstmals auf Georg Reischl. Der neue Tanz-Chef, Nachfolger von Yuki Mori, macht hochenergetische Tanzstücke voll sinnlicher Körperlichkeit. „Meine Helden sind die Tänzerinnen und Tänzer“, sagt der Salzburger, der lange mit William Forsythe gearbeitet hat. Musik in Bewegungen sichtbar machen, das nennt er als rote Linie seiner Arbeit. Zum Auftakt lässt er die „Juke Box Heroes“ tanzen, zu Arien und Songs. Für „Drum Dancing“, seine zweite Uraufführung, holt er sich den Schlagzeuger Vincent Glanzmann an die Seite; kraftvolle Körper und starke Rhythmen kündigt er an. Beide Male wird Min Li die Kostüme entwerfen, Designer, Tänzer und häufiger Reischls künstlerischer Partner.

Bühne

Die Theatersaison: blutig bis heiter

Das Theater Regensburg stellt den Spielplan vor. Prokofievs Enkel scratcht eine Oper, Markus Lüpertz baut eine galante Welt.

Das Junge Theater hat dem großen Haus schon einige Male die Schau gestohlen, mit Stücken am Puls der Zeit und ganz bei dem, was junge Zuschauer interessiert. Maria-Elena Hackbarth setzt auf Klassiker wie Lindgrens „Die Brüder Löwenherz“ (Regie: Harald Fuhrmann) und Preußlers „Die kleine Hexe“ (Regie: Hackbarth), auf Projekte von Jugend- und Kinderclub und auf zwei Uraufführungen. „Das schaffen wir! Oder: Einer hat die Absicht eine Mauer zu bauen“, von Maria Milisavljevic im Auftrag des Theaters geschrieben, greift 30 Jahre Mauerfall auf (Regie: Hackbarth). „Vintulato, mein Hund und die Farbe Blau“ von Philipp Löhle geschrieben und inszeniert, dreht sich um Freundschaft und Phantasie.

Das Spielzeitheft erscheint im Mai.

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