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Konzert

Trump-Tenor tobt auf Twitter

Beim 5. Konzert des Philharmonischen Orchesters wurden „Trump’s Tweets“ von Kapellmeister Tom Woods uraufgeführt.
Von Juan Martin Koch

„Trump’s Tweets“: Brent Damkier als Trump-Solist, Tom Woods am Pult des Philharmonischen Orchesters Regensburg Foto: Koch
„Trump’s Tweets“: Brent Damkier als Trump-Solist, Tom Woods am Pult des Philharmonischen Orchesters Regensburg Foto: Koch

Regensburg.Als das Signum Quartett kürzlich hier gastierte, hatte es leider keine jener Miniaturen im Gepäck, deren Produktion es vor einigen Jahren angestoßen hat: „quartweets“ – Kompositionen, die sich wie eine Twitter-Nachricht auf 140 Zeichen musikalischer Notation beschränken müssen. Manch Feinsinniges, Nachdenkliches, aber auch subtil Witziges ist dabei herausgekommen, wie man auf der Webseite des Quartetts nachhören kann.

Feinsinnig, nachdenklich, subtil: Das ist wohl so ziemlich das Gegenteil von dem, was Tom Woods, 1. Kapellmeister am Theater Regensburg, im Sinn hatte, als er einige der berüchtigten Tweets des amerikanischen Präsidenten Donald Trump vertonte. Make the orchestra great again: Schon allein der äußere Aufwand ist staatstragend, mit dem auf der Galerie aufmarschierenden Chor und einer Schlagzeugbatterie, die zum Teil seitlich des Parketts ausgelagert werden muss. Mit einem orchestralen Tumult geht es dann auch los: Im Dickicht der „Fake News“ muss der Präsident sich – verkörpert durch Tenor Brent Damkier – mittels Twitter Gehör und mediale Gerechtigkeit verschaffen: Mit großer Verve steigert er sich im ersten Satz in sein durch die englische Wortbedeutung doppeldeutiges Bekenntnis „I use, I use …“ hinein, was abschließend von einem perkussiven Furz kommentiert wird. Weiter geht es mit einem launig-länglichen, von Bluegrass-Fiedelei grundierten Scharmützel mit dem Chor, der Trump immer wieder ein „F**kface von Clownstick“ an den Kopf wirft.

„Locker Room Talk“

Im dritten Satz entspinnt sich aus einem weinerlichen Präsidial-Arioso („Die Medien sind so hart zu mir wegen der Frauen“) ein Musical-naher Symphonic-Rock-Schmalz, auf dessen Höhepunkt das vom Männerchor intonierte „Pussy“ (aus Trumps widerlichem „Locker Room Talk“) ausgerechnet auf den „Respect“ trifft, von dem der Trump-Tenor vehement behauptet, ihn gegenüber Frauen im Übermaß zu besitzen.

Leider hat Tom Woods bei seinem überdrehten Polit-Oratorium zu wenig an die Gegebenheiten des Neuhaussaals gedacht. Trotz Verstärkung ist Brent Damkier als Trump – zumindest oben auf der Galerie – schwer zu verstehen. Schnell ballt sich das überorchestrierte Tutti samt Chor zu einem akustisch kaum zu entwirrenden Knäuel zusammen. Auch das Intermezzo, ein düsterer Swing à la Bernstein, wird sofort wieder laut; in ein ambitioniertes Fugato poltert der „Entertainer“ als Zitat hinein.

Den weitesten Bogen versucht Woods im fünften Satz zu schlagen: Auf den mit chorischem Dosenöffnen grundierten Erkenntnishöhepunkt des Präsidenten („Ich habe noch nie einen schlanken Menschen Diet Coke trinken gesehen“) folgen Auszüge aus seinen Reden zum Mauerbau an der mexikanischen Grenze. Den Chor, der mit Emma Lazarus‘ in der Freiheitsstatue verewigtem Gedicht „The New Colossus“ hymnisch gegenhält, versucht Trump vergeblich zum Schweigen zu bringen.

Brachiales Spektakel

Nach dem vergleichsweise harmlosen „Crybaby“-Song überbot die Vertonung des rätselhaften „Cofvefe“-Tweets als Zugabe alles bis dahin Gehörte an Lautstärke und Satire-Bemühung: ein aberwitziger, mit – Holzhammer! – Haydns Paukenschlag-Sinfonie und – Wahnsinn! – dem barocken Folia-Thema gewürzter Samba. Damkier blieb mit bewundernswerter Kondition am Ball, der Saal tobte.

Vorausgegangen war diesem gut gemeinten Brachial-Spektakel zu Beginn ein ganz anderes Amerika: Das Philharmonische Orchester entführte mit feinen Holzbläser-Kantilenen, transparenten Streichern und weitgehend unfallfreiem Blech in Aaron Coplands „Appalachian Spring“. Dann brillierte Natalia Woods als Solistin in Guillaume Connessons merkwürdig zwischen Ravel, Bax und Rachmaninov mäanderndem Mini-Klavierkonzert „The Shining One“, bevor Solist Sándor Galgóczi solide und historisch unaufgeregt Bachs a-Moll-Violinkonzert vorstehen durfte. Orchester und Dirigent waren da gedanklich aber wohl schon einen Tweet weiter…

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