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Theater

„Vermögend“: Monologe über Geld

Gesine Schmidts Stück zeigt fünf wohlhabende Menschen, die unablässig erzählen, was sie mit ihrem Reichtum machen.
Von Peter Geiger

„Banker“ Michael Haake (vorne) und „Unternehmersohn“ Stefan Schießleder begeistern das Publikum. Foto: Martin Kaufhold
„Banker“ Michael Haake (vorne) und „Unternehmersohn“ Stefan Schießleder begeistern das Publikum. Foto: Martin Kaufhold

Regensburg.Gewagte These? Das Marx’sche Denken war der Markt-Ökonomie schon immer zutiefst verpflichtet! Dies beweist allein schon der Blick auf den Kontenplan. Denn das Disponieren in Soll und Haben ist doch nichts anderes als: angewandte Dialektik! Links die These, rechts die Antithese. Und das, was übrig bleibt, nach der Gewinn- bzw. der Verlustrechnung: Ist das nicht bare Synthese? Im Erfolgsfall dreifach aufhebbar am Bankkonto, im Konsum-Portemonnaie oder im Investment. Und hat nicht Marx höchstpersönlich das höchste irdische Glück, mit dem romantischen Satz umschrieben: „Morgens jagen, nachmittags fischen, nach dem Essen kritisieren!“ Oh ja, wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm.

Jetzt aber biegt Autorin Gesine Schmidt um die Ecke, interviewt im Auftrag des Theaters Regensburg fünf – sagen wir – ausgesprochen wohlhabende Menschen dieser Republik, und strickt aus den gewonnenen O-Tönen ein abendfüllendes multimediales Stück. Und was ist das Ende dieses 80-minütigen Lieds? Dass selbst derjenige, der sich auf die „Kunst“ versteht, Geld zu verdienen (so jedenfalls der amerikanische Wirtschaftspraktiker Donald J. Trump), noch lange nicht glücklich sein muss.

Erfolgsstory Bundesrepublik

Eher im Gegenteil: Muss sich wie der Unternehmer (Michael Heuberger verkörpert den Poco-Möbelhausgründer Peter Pohlmann höchst präzise als agilen Streber) ständig drum kümmern, wie er seinen Gewinn erfolgreich reinvestiert. Sein Tellerwäscher-Wachstums-Blues, garniert mit Herzinfarkt und Schlaganfall, geht so: kein Abitur. Zuerst Gärtner. Dann Verkäufer in der Herrenabteilung bei C&A. Anschließend Sprung in die Selbstständigkeit. Verkloppt zuerst Aschenbecher. Investiert dann in Teppiche. Und schließlich in Polstermöbel. Ein gemachter Mann, der als Mittsiebziger das verkörpert, was man heute wehmütig als den „rheinischen“ Kapitalismus bezeichnet und was zugleich das narrative Fruchtfleisch ist, der Erfolgsstory Bundesrepublik: hart arbeiten. Nicht nach dem Gestern fragen. Gleichzeitig eine Seele von Mensch. Stifter. Einer, der Gutes bewirken will.

Jeder spricht für sich allein

Die Spielanordnung, die Regisseurin Mia Constantine gewählt hat, erzeugt Fallhöhe: Die Zuschauer beobachten aus unterschiedlichen Perspektiven (Film und Musik kommen zum Einsatz) insgesamt fünf Vermögende dabei, wie sie Hilfsgüter verpacken. Sie arbeiten zusammen, indem sie die Päckchen verkleben, beschriften und stapeln – geraten dabei aber niemals in Dialog. Jeder spricht für sich allein (was als Kunstgriff zwar überzeugt, dem Spiel trotzdem unnötigerweise Energien entzieht): Die anonyme Erbin (überzeugend fragil: Silke Heise), die angesichts der elterlichen Hinterlassenschaft über ein schlechtes Gewissen verfügt und deshalb überzeugend dafür plädiert, dass Wohlhabende auch Verantwortung tragen sollen.

Die Stifterin (pietistisch überzeugt von ihrer Mission: Franziska Sörensen), die sich einigelt, in ihrer Insel-Welt, die nur noch aus „Runden Tischen“, aus „Transformationsprozessen“ und „bürgerschaftlicher Beteiligung“ zu bestehen scheint, weil sie der Zivilgesellschaft helfen will, zu gedeihen. Der Aussteiger mit Haus in Spanien, der als Banker (höchst sympathisch als Unsympath: Michael Haake) wohl die tiefsten Blicke gewagt hat und seinen Kopf am weitesten drinnen hatte, im Maul jenes so krisenanfälligen Raubtiers, das „Kapitalismus“ heißt.

Facettenreichtum des Reichtums

  • Die freie Autorin Gesine Schmidt

    verfügt als Dramaturgin nicht nur über langjährige Theatererfahrung, mit Andres Veiel gemeinsam hat sie auch den Dokumentarfilm „Der Kick“ gedreht und 2013 wurde sie mit dem renommierten „Hörspielpreis der Kriegsblinden“ ausgezeichnet.

  • Gesine Schmidt:

    „Ich führe ungern Leute vor“, sagte sie nach der Aufführung im Theater am Regensburger Haidplatz, noch ganz im Fieber der Inszenierung: „Ich möchte den Facettenreichtum zeigen, der mit der Vorstellung von Reichtum verbunden ist.“

Und schließlich der Unternehmersohn (was für ein King of Kotelett: Stefan Schießleder), der sich Anerkennung erkämpft, weil er als Speedboot-Pilot die Strecke von Key West nach Havanna im Weltrekordtempo zurückgelegt hat. Und jetzt auf Kuba verehrt wird wie ein Heiliger. Trotzdem hat er ein weiches Herz und kehrt immer wieder zu seiner Familie zurück.

Gesine Schmidt war bei der Premiere anwesend – und zeigte sich begeistert, was die Umsetzung ihrer Ideen anbelangt. Das Publikum sah’s ähnlich – und spendete minutenlang Applaus.

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