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Premiere

Vom Musentempel zur Rockhölle

Szenenapplaus, Lachen und ein Potpourri von Pop- und Rockhymnen prägen die gelungene Aufführung von „Ewig Jung“.
Von Michael Scheiner

Bei „Ewig Jung“ fallen Hemmungen und Hüllen. Der spielerische Elan der Darsteller – im Bild Franziska Sörensen und Thomas Weber – sorgt für andauernde Lacher.  Foto: Jochen Quast
Bei „Ewig Jung“ fallen Hemmungen und Hüllen. Der spielerische Elan der Darsteller – im Bild Franziska Sörensen und Thomas Weber – sorgt für andauernde Lacher. Foto: Jochen Quast

Regensburg.Boom – boom – tschak, boom – boom – tschak, „I love Rock ’n’ Roll“. Joan Jett hat es zum Hit gemacht, Britney Spears hat es gesungen und Alan Merrill und Jake Hooker von den Arrows, die wenig Glück mit ihrem stampfenden Rocksong hatten. Und jetzt: Das charakteristische „Boom-boom“ mit der Gehhilfe, das „Tschak“ mit der freien Hand auf dem Gitarrenkoffer, während die andere die Stange mit dem Tropf hält. Eine mit Tücken und Krücken belastete Seniorencombo inszenierte sich im Musentempel des Regensburger Theaters als widerborstige Alt-Rock’n’Roller-Gang, von denen keiner bereit ist, sang- und klanglos abzugehen.

Mit Zugaben feierten Publikum und Ensemble die Premiere des Songdramas „Ewig Jung“ von Erik Gedeon auf großer Bühne. Lustvoll klatschten und johlten die Zuschauer am Schluss den Schlachtruf der Arrows mit, nachdem sie zuvor schon Pete Seegers trotzige Protesthymne „We Shall Overcome“ mit dem gefakten Altenseptett geschmettert hatten. Da standen sie längst zwischen den Stuhlreihen und auf den Rängen. Dabei war es keineswegs nur ein grauköpfiges Auditorium, das über persönliche Erfahrungen in die Zeit vor 40, 50 oder mehr Jahren hat. Auch jüngere Zuschauer gingen bereits während der Aufführung sichtlich vergnügt mit, wenn Paul Desmonds „Take Five“, die Bikerhymne „Born To Be Wild“ von Steppenwolf oder das nachdenkliche „Forever Young“ von Alphaville erklangen.

Ein amüsanter Vorgeschmack

Die halb als Drama, halb als Komödie getarnte Pop-Revue setzt auf ein Thema, das als „demografischer Wandel“ oder direkter als „Überalterung“ gesellschaftlich diskutiert wird. Was, wenn die Generation der Babyboomer in die Senioren- und Pflegeheime drängt? Die jetzige Schauspielergeneration des Theaters bekommt mit „Ewig Jung“ einen, wenn auch überwiegend amüsanten und aufmunternden Vorgeschmack darauf.

Plötzlich ist es 2069

In der überaus gelungenen Inszenierung von Kathleen Draeger-Ostermeier und Bettina Ostermeier, die als musikalische Leiterin piccoloschlürfend mit auf der Bühne steht und Piano spielt, spielen sich die sechs Schauspieler selbst im Jahr 2069: Im längst geschlossenen Stadttheater, mit einer Blechwand simpel aber effektvoll veranschaulicht, fristen sie unter Aufsicht der niederträchtigen Schwester Maria (Maria-Magdalena Rabl) ein von Vergesslichkeit, Erinnerungen und Gebrechen geprägtes Dasein. Alte Eifersüchteleien kommen zum Vorschein, post-virile Hahnenkämpfe entlarven auch noch im Greisenalter die Dämlichkeiten männlicher Testosteronschübe und weibliche Eitelkeiten müssen auch erstmal überwunden werden. loßgelegt werden, bevor Frau sogar neues Selbstbewusstsein aus dem Verlust des Beins oder der Haare ziehen kann.

Die Lust am Aufbegehren bahnt sich an

Während die Seniorencrew sehnlichst darauf wartet, dass Schwester Maria wieder aus dem Gemeinschaftsraum verschwindet, bahnt sich die Lust am Aufbegehren, am trotzigen „I will survive“ immer mehr an. Der böswilligen Arie „Sterben, verrecken, krepieren“, von der Schwester im Barock-Kostüm zur Unterhaltung der greisen Gemeinschaft geschmettert, setzt diese Erinnerungen ans „Green, Green Grass of Home“ und an Tom Jones „Sex Bomb“ entgegen. Natürlich sind das Klischees, wenn sich die schlurfenden Männer in erotisch aufgeladener Atmosphäre wie die Chippendales die Hosen vom Leib reißen – und vor Schwester Maria sinnbildlich gleich wieder den Schwanz einziehen. Das aber ist so wundervoll inszeniert und mit einer überzeugenden Leidenschaft gespielt, dass dauernd geprustet und lauthals gelacht wurde. Szenenapplaus war da schon so gut wie obligatorisch. Nur an einigen wenigen Stellen, wie einem wild entschlossenen Tanz zweier Pärchen, droht das Geschehen in Klamauk umzukippen. Angesichts des spielerischen Elans, mit dem getrippelt, teils haarsträubend gesungen und getanzt wird, der wirklich großartigen Arbeit der Maskenbildnerei und der musikalischen Leistung, eine minimale Trübung, die verschmerzbar ist.

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Ensemble und Bühnenteam in Regensburg

  • Hintergrund:

    Erik Gedeons witziger Liederabend ist seit fast 20 Jahren ein Publikumsmagnet in Hamburg. Für die Regensburg hat Franziska Isensee Bühne und Kostüme kreiert, das Licht macht Wanja Ostrower, die Dramaturgie Nadine Wiedemann.

  • Die Darsteller:

    Gerhard Hermann, Verena Maria Bauer, Thomas Weber, Franziska Sörensen, Kristóf Gellén und Maria Magdalena Rabl sind auf der Bühne zu sehen. Die nächsten Vorstellungen sind am 8., 13. und 23. März.

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