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Bühne

Von der Flucht ins Digitale

Am Haidplatz feiert „Die Domäne“ bald Premiere. Es ist ein Stück über unterdrückte Trauer und fehlende Kommunikation.
von Michael Scheiner

Die niederösterreichische Theater- und Medienwissenschaftlerin Christina Gegenbauer führt Regie. Foto: Michael Scheiner
Die niederösterreichische Theater- und Medienwissenschaftlerin Christina Gegenbauer führt Regie. Foto: Michael Scheiner

Regensburg.Trauer gehört mit Freude, Angst und Wut zu den stärksten Gefühlen, die wir Menschen – und vermutlich auch manche Tiere – haben. Sie verbindet uns mit allen anderen, egal ob jemand im Urwald, in einer glitzernden Millionenmetropole, am Nordpol oder auf einer Insel lebt. Trauer ist auch ein mächtiges Gefühl. Sie kann, akut erlebt, alles andere beiseite wischen und komplett überlagern. In allen Kulturen haben sich deshalb Rituale und Formen des Umgangs entwickelt, um mit Trauer fertig zu werden und die überwältigenden Gefühle, also sich selbst, wieder in den Griff zu bekommen.

Wenn solche Konventionen und Bräuche abhandengekommen sind oder nicht greifen, versuchen die Menschen auszuweichen und entwickeln Ersatzhandlungen. In „Die Domäne“ des franko-kanadischen Autors Olivier Choinière übernimmt ein Computerspiel diese Funktion. Das Stück hat am übernächsten Sonntag (23. September) als deutschsprachige Erstaufführung Premiere im Theater am Haidplatz. Regie führt die niederösterreichische Theater- und Medienwissenschaftlerin Christina Gegenbauer, Bühne und Kostüme hat Frank Albert erschaffen. Gegenbauer hat bereits am Burgtheater in Wien, wo sie studiert hat, in Memmingen und Münster inszeniert und war mit einer Horvath-Inszenierung bei den Ruhrfestspielen eingeladen.

Interaktion gibt es nur im Netz

Nach dem tragischen Unfalltod der kleinen Tochter wird in „Die Domäne“ eine Familie komplett aus ihrer Bahn gerissen. Die Kommunikation zwischen Mutter, Vater und Sohn ist abgerissen, jeder bleibt mit seiner Trauer für sich, es herrscht Sprachlosigkeit. „Der Bruder“, beschreibt Gegenbauer die Situation, „erlebt einen doppelten Verlust, den der Schwester und der Eltern, die nur noch mit sich selbst beschäftigt sind“. Immer öfter „steigt er aus dem realem Leben aus und ins Spiel ein“, wo er „eine heile Welt mit klaren Regeln“ findet. Hier trifft er mit seinem Avatar, der virtuellen Figur, die ihn verkörpert, wieder auf seinen Vater und die Mutter, die sich ebenfalls in das Computerspiel eingeloggt haben. Was im realen Leben nicht mehr möglich ist, gemeinsam essen, sprechen, trauern, all diese Interaktionen finden nun online im Netz statt. Durch einen im Spiel vorgesehenen Störfaktor, einem Monster in Form eines kleinen Mädchens, kommen bei den drei isoliert spielenden Familienmitgliedern schließlich all die Gefühle zum Ausbruch, die draußen strikt unterm Deckel bleiben müssen. Niemand darf ja etwas mitbekommen. Wut, Enttäuschung und Schmerz brechen sich über die Avatare Bahn, das Spiel bietet den Raum dafür, wird zu einer Art „Schonraum, wie er auch in einer Therapie geboten wird“.

Der Autor

  • Uraufführung:

    „Neues Spiel, neues Glück!“ – das verspricht „Die Domäne“, ein virtuelles Spiel, in dem man lernen kann, eine „richtige Familie“ zu sein. Das Stück von Olivier Choinière wurde 2012 im in Montréal uraufgeführt.

  • Vita:

    Choinière, geboren 1973 im kanadischen Granby (Québec), studierte Szenisches Schreiben an der National Theatre School of Canada. Er schreibt und übersetzt Theaterstücke und Hörspiele. Bislang sind zwei Stücke von ihm übersetzt, neben „Domäne“ noch „Glückseligkeit“, das 2010 in Zürich gespielt wurde.

Gegenbauer sieht in dem Rückzug, in der Flucht ins Spiel auch eine Parallele zu gesellschaftlichen Erscheinungen von heute. Nachdenklich konstatiert sie bei einem Großteil der Gesellschaft ein oft diffuses Gefühl vom „Verlust einer heilen Welt“. „Passiert hier jetzt ein Ereignis“, wie es Finanzkrise oder drohende Klimakatastrophe sein können, „will man mit allen Mitteln an dieser vermeintlich heilen Welt festhalten, auch wenn andere dafür leiden. Und auch, wenn jemand anderer dafür stirbt“.

Kein Stück für Nerds

In diesem weit verbreiteten Gefühl von „Verlust und Heimatlosigkeit“ erkennt die Theaterfrau „ein Phänomen unserer Zeit“. Mit ihrer „sehr haptischen“ Inszenierung, die sie verspricht ohne mehr zu verraten, will sie auch aufzeigen, dass die digitale und analoge Welt gar nicht so weit auseinander liegen.

Deshalb ist sie auch überzeugt, dass ältere Theatergänger, die sich mit der digitalen Welt etwas weniger gut auskennen, ohne weiteres „einen direkten Zugang finden“. Denn schließlich gehe „es ja um die Gefühle“, das Spiel sei nur „ein kluger Kniff“ des Autors, damit sich „durch das Spielen die Gefühle herauskristallisieren“ können.

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