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Theater

Witz und Weisheit des alten Königs

Werner Steinmassl wandert durch Arno Geigers unendlich traurigen Text über seinen an Demenz erkrankten Vater.
von Peter Geiger

Werner Steinmassl (l.) und Philipp Ortmeier neben dem Stuhl, der leer bleibt. Foto: Peter Geiger
Werner Steinmassl (l.) und Philipp Ortmeier neben dem Stuhl, der leer bleibt. Foto: Peter Geiger

Regensburg.Das einzige Requisit auf der mit schwarzem Tuch ausgekleideten Bühne an diesem Premierenabend im Turmtheater, das ist ein hölzerner Stuhl. Einer, wie er in Bauernstuben steht. Dieser Stuhl aber, der bei Andreas Wiedermanns Inszenierung von Arno Geigers autobiografischem Text „Der alte König in seinem Exil“ (2011 erschienen, mittlerweile als Paperback bei dtv erhältlich) thront, er wird 70 Minuten lang leer bleiben. Bis zum Schluss wird sich keiner drauf setzen, weder der Cellist Philipp Ortmeier (der seinen Platz gefunden hat, ganz hinten in einem Eckerl). Und auch nicht Werner Steinmassl, der Schauspieler, der als Solist zwei Rollen auf einmal schultert an diesem Erzähltheater-Abend – und stets diesen Ruhepunkt umkreist.

2011 ist das irgendwo zwischen Sachbuch und Literatur angesiedelte Bändchen mit dem markanten Cover (durch das riesenhafte Blätterdach eines frisch austreibenden Laubbaums sieht man, ganz klein, mit gesenktem Kopf, den in sich zurückgezogenen August Geiger dahinschreiten) erschienen, weshalb wir davon ausgehen dürfen, dass der Protagonist – Jahrgang 1926 – die 80 wohl schon überschritten hat. „Für ihn gibt es keine Welt außerhalb der Demenz“, schreibt Arno Geiger. Und Werner Steinmassl verleiht diesem Satz gerade dadurch Gravität, weil er ihn so beiläufig spricht. Und trotzdem klingt das doch, als wär’s eine Zeile aus dem berühmten Panther-Gedicht von Rilke: „Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe / und hinter tausend Stäben keine Welt.“ Die Kritik reagierte auf das Erscheinen der knapp 200 Seiten nahezu einhellig und zeigte sich begeistert. Brachte sein Autor doch einen gänzlich neuen, einen zarten und milden Ton, in die Diskussion über den Umgang mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind.

Trotzdem wird hier nicht, in einem etwaigen alchemistischen Akt, aus senilem Leid literarisches Gold gesponnen – nein, erzählt wird hier eigentlich etwas viel Schöneres und Wichtigeres: Vater und Sohn, Kriegsteilnehmer der eine, Baby Boomer der andere, sie hatten einander wohl schon verloren (nicht nur aus den Augen). Trotzdem finden sie, in jener transitorischen Zwielichtzone wieder zueinander. Und zwar gerade in einem Augenblick, da der Vater in den Zustand des Verlusts seiner Selbst verfällt. Und der andere, der Schriftstellersohn, der auch nicht anders kann – als zu beobachten, aufzuschreiben und zu reflektieren. Und so als Chronist dem Vater seine Würde zurückzugeben, indem er dessen somnambule Aphorismen notiert: „Das Leben ist ohne Probleme auch nicht leichter.“ Das könnte auch dem Buchstabenkasten eines Weltweisen entstammen, und ist doch ein Fundstück aus dem Witz- und Weisheitsarsenal des August Geiger. Und Werner Steinmassl – präzise kommentierend vom Cellisten unterstützt – wiederum führt das alles zusammen, mit seinem hochkonzentrierten doppelten Spiel.

Weitere Aufführungen von Arno Geigers „Der alte König in seinem Exil“ finden am 14. und 15. März jeweils ab 20 Uhr statt. Weitere Termine folgen im Mai.

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