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„Wozzeck“ lässt einen seltsam kalt

Georg Schmiedleitner inszeniert Alban Berg am Staatstheater Nürnberg. Am Ende gelingen doch noch eindringliche Bilder.
Von Juan Martin Koch, MZ

Wozzeck (Jochen Kupfer) geht mit dem Messer auf Marie (Katrin Adel) los.
Wozzeck (Jochen Kupfer) geht mit dem Messer auf Marie (Katrin Adel) los. Foto: Ludwig Olah

Nürnberg.Wozzeck 2017: Um die Amazon-Bestellungen seiner Lebensgefährtin zahlen zu können, muss er mehreren Jobs nachgehen. Einer besteht darin, dem Hauptmann zu Diensten zu sein. Der lässt sich von Wozzeck in SM-Manier den Hintern versohlen und belehrt ihn dazu mit seinem pseudophilosophischen Geschwafel. – Die Szene ist einer der Versuche von Georg Schmiedleitner, seiner Nürnberger Inszenierung einen starken Akzent zu verpassen. Seine Stoßrichtung wird schnell klar: Wozzeck ist ein von den Verheißungen des Kapitalismus Abgehängter. Wie zum Hohn blinkt das „Glück“ in riesigen Leuchtbuchstaben, während die Business- und Konsumgesellschaft mit Abscheu auf den armen Idioten herabblickt, dem es nicht gelingt, ihren Regeln gemäß zu funktionieren.

Der Getriebene entwickelt Neurosen, Angstfantasien und hängt Verschwörungstheorien nach. Zu Georg Büchners Zeiten waren die Freimaurer zuständig, heute ließe sich Beliebiges dafür einsetzen. Schmiedleitners aktualisierender Ansatz hat also einiges für sich und doch lässt einen das Geschehen merkwürdig kalt. Das mag optisch an den drei sterilen Wohnkästen liegen: Die lassen sich dank Stefan Brandmayrs Bühnenkonzept zwar in unterschiedlichen Konstellationen verschieben, ermöglichen die von Berg musikalisch so klar umrissenen Szenenwechsel aber nur in Andeutungen. Die glatte Kälte, die sie ausstrahlen, schlägt nicht in Anteilnahme für die um, die sie bewohnen müssen.

Der Schauspielregisseur stößt an Grenzen

Schwerer wiegt, dass der Schauspielregisseur Schmiedleitner bei der Arbeit mit den Sängerdarstellern offenbar an gewisse Grenzen gestoßen ist. Die Sängerdarsteller sind, durchaus nachvollziehbar, mit ihren anspruchsvollen Parts beschäftigt, scheinen die Regieanweisungen mehr zu befolgen als zu beleben. Jochen Kupfer ist ein bisweilen fast belkantesk aufblühender Titelheld von der traurigen Gestalt, Katrin Adels Marie gelingen jenseits flackernder Ausbrüche immer wieder auch lyrisch zurückgenommene Momente von großer Intensität.

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Die ebenso wichtigen wie vokal heiklen Nebenrollen sind mit Tilmann Unger (Tambourmajor), Ilker Arcayürek (Andres), Hans Kittelmann (Hauptmann) und Jens Waldig (Doktor) kompetent besetzt. Gábor Káli entwickelt mit der weitgehend präzise aufspielenden Staatsphilharmonie großen dramatischen Sog, lässt aber bisweilen eine klarere Auffächerung der Klangfarben und der Dynamik vermissen.

Zwei eindringliche Bilder gelingen Georg Schmiedleitner am Ende noch: der lediglich angedeutete Selbstmord Wozzecks als Stillleben auf der Couch und das gespenstische Schlusstableau, bei dem die Kinder das sinnentleerte Leben ihrer Eltern nachspielen. Ein neuer Wozzeck wächst heran.

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