MyMz

Theater

Zehn Jahre Spektakel im Turm

Das Regensburger Turmtheater feiert Jubiläum. Die Bühne begeistert mit Eigenproduktionen und erfindet sich immer wieder neu.
Von Susanne Wiedamann

So lässig wie das aussieht, ist das Theatermachen nicht. Intendant Martin Hofer und Geschäftsführer Oliver Kammann (r.) müssen sich einiges einfallen lassen, um gerade auch junges Publikum ins Turmtheater zu ziehen. Foto: altrofoto.de
So lässig wie das aussieht, ist das Theatermachen nicht. Intendant Martin Hofer und Geschäftsführer Oliver Kammann (r.) müssen sich einiges einfallen lassen, um gerade auch junges Publikum ins Turmtheater zu ziehen. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Hofers Turmtheater ist fast pleite, eine WG treibt im sechsten Stock des Goliath-Turms ihr Unwesen und Heinz Müller geistert durch die bröckelnde Theaterlandschaft. Bestürzende Einblicke für die Besucher der „Turm-WG“. Doch alles Mumpitz! Ein spitzbübischer Plot für das neue Soap-Format, mit dem das Turmtheater seit Oktober vor allem auch das junge Publikum in den nur 79 Plätze zählenden Zuschauerraum locken möchte.

Beglückende Begegnungen

Vor zehn Jahren haben der ehemalige Star des Stadttheaters, Martin Hofer, und seine Frau Susanne Senke-Hofer die kleine Bühne über den Dächern von Regensburg übernommen. Zehn Jahre voller aufregender Ereignisse und beglückender Begegnungen, aber auch Jahre, in denen der Intendant viel Lehrgeld zahlen musste, in denen sich der Künstler auch als kaufmännisch denkender Kopf bewähren musste.

Auf der Suche nach Neuland

Am 9. und 10. Januar wird das Jubiläum groß gefeiert: am ersten Abend im geschlossenen Kreis und tags darauf mit einer öffentlichen Vorstellung. 14 bis 15 Darsteller werden auf der Bühne sein. Nein, Bibi Fellner alias Adele Neuhauser, der Mephisto aus Bleiziffers legendärer „Faust-Inszenierung“ mit Martin Hofer, ist nicht dabei. Sie kommt dafür im Februar zu mehreren Lesungen.

Porträt

Der Schauspieler mit Lust am Experiment

Zunächst wollte Martin Hofer Pianist werden. Doch der Schauspieler wurde als Faust eine Regensburger Institution.

Dafür kommen Lieblingsdarsteller des Turmtheaters auf die Bühne, von Titus Horst, Undine Schneider, Heike Ternes und Eva Sixt bis zu Georg Lorenz -– und den Professoren Zulley und Wiegard, die gemeinsam mit den Schauspielern in der erfolgreichen Serie „Fröhliche Wissenschaften“ für neue Erkenntnisse sorgten.

Handwerklich hohes Niveau

„Wir sind immer auf der Suche nach neuen Formaten“, sagt Martin Hofer. Das Publikum, gesteht Geschäftsführer Oliver Kammann, ist mit dem Ensemble älter geworden. Gerade die jüngere Generation gilt es zu überzeugen. Von Anfang an, seit der Übernahme des Theaters aus den Händen von Kinobetreiber Werner Hofbauer, bemüht sich Hofer, Neues zu entdecken, zu experimentieren und dem Publikum Überraschendes anzubieten: in jedem Fall handwerklich niveauvolles Theater.

Turmtheater Regensburg

  • Erfolgsstücke: Der Humor macht’s! Komödien wie Daniel Glattauers „Die Wunderübung“ kommen bei den Zuschauern im Turmtheater immer gut an. Der Bairisch-Crashkurs mit Prof. Zehetner „Mei Fähr Lady“ mit über 260 Vorstellungen ist beim Publikum Kult.

  • Erfolgsduo: Sängerin Steffi Denk und Schlagzeuger Gerwin Eisenhauer sind dem Turmtheater eng verbunden. Hier brachten sie unter anderem das Weihnachtsgeistermusical „Scrooge“ mit Denk als Ebenezer Scrooge auf die Bühne. Und viel weiteres „UnDENKbares“.

  • Lieblingsgäste: Das Duo Calva, die beiden Cellisten Alain Schudel und Daniel Schaerer, zählt ebenso wie das Duo Faltsch Wagoni zu den Favoriten des Turmtheater-Publikums. Das Duo Calva eröffnet am 3. und 4. Januar mit „Im Himmel“ das Programm 2019.

  • Jubiläumsshow: Mit zahlreichen Stars des Turmtheaters und Ausschnitten aus beliebten Stücken gibt es bei der Jubiläumsshow am 10. Januar ein Wiedersehen: so mit der sagenumwobenen Schlafschule von Prof. Zulley: „Hofer & Müller zum Einschlafen“.

  • Service: Der Spielplan des Regensburger Turmtheaters, am Watmarkt 5, ist im Internet zu finden unter www.regensburgerturmtheater.de/spielplan . Karten gibt es unter Telefon (09 41) 56 22 33.

1990 bis ’97 pflegte Peter Nüesch hier sein unbändiges Boulevard-Theater. Dann gab es Kino und ab 2009 Hofers theatrale Wundertüte mit Bühnenkunst unterschiedlichster Art. Die Mischung macht’s! Künstlerisch wie pekuniär. „Wir finanzieren uns quer“, sagt Kammann. Eigenproduktionen und hier vor allem Komödien liebt das Publikum. „Die Wunderübung läuft super“, sagt Hofer. Dafür „leistet“ er sich dann auch etwas schwerere Bühnenkost wie Becketts „Endspiel“ (Regie: Michael Bleiziffer), das am 18. Januar Premiere hat – mit Hofer, Paul Kaiser, Undine Schneider und Heinz Müller, der seit den ersten Turmtheater-Tagen an Hofers Seite ist.

Ständige Selbstreflexion

Turmtheater – das bedeutet ständige Selbstreflexion und die Suche nach Nischen. „Wir sind enorm gefordert! Wir müssen nach etwas suchen, was das Stadttheater nicht macht“, sagt Hofer. Er wird oft fündig. Schon im zweiten Jahr entstand die Reihe „Fröhliche Wissenschaften“, zunächst mit dem Schlafexperten Prof. Jürgen Zulley. „Heinz und ich wollten eigentlich eine Gaudi-Lesung übers Einschlafen machen und haben Zulley besucht. Daraus ist diese Reihe entstanden.“

Natürlich wurde nicht alles gleich zum Hit. Hofer erinnert sich an den Abend einer neuen Talk-Reihe, des Politischen Mittwochs. An jenem denkwürdigen Tag kam kein einziger zahlender Kunde. Nur ein Pressevertreter ließ sich von dem Thema berauschen – so sehr, dass Hofers Ausführungen sogar in einen Pressebericht mündeten.

Kulisse abtransportiert

„Ich habe viel dazugelernt: Wie man mit Menschen umgeht, und auch, Verantwortung zu tragen“, sagt Hofer. Trotzdem wird er immer wieder überrascht. Wie kurz vor der Premiere zur Komödie „Butterbrot“: Im Bühnenbild hatten die Ausstatter extra leere Bierkästen eines Sponsors verbaut. Doch am Nachmittag wurden Getränke geliefert – und der Lieferant nahm das Leergut von der Bühne mit.

Auch dass man sich eindeutig äußern muss, weiß Hofer nun genau. Seine ironisch gemeinte Einlassung am Eröffnungsabend 2009, er wünsche keine Subventionen, machte noch jahrelang in Stadtratskreisen als vermeintlicher Fakt die Runde. Vielleicht lag es daran, dass das Turmtheater laut Hofer erst relativ spät in den Genuss nennenswerter Unterstützung kam.

200 Vorstellungen pro Jahr

Drei bis vier Eigenproduktionen stellt das Turmtheater jedes Jahr auf die Bühne. An etwa 200 Tagen wird laut Oliver Kammann gespielt. Rund 16 000 Zuschauer kommen pro Jahr in den Turm. Sponsoring und Werbung wurden deutlich gesteigert, ein Abonnement eingeführt.

Zehn Jahre Turmtheater

Doch nichts geht über Mundpropaganda! Ob die bisher 260-mal ausverkaufte „Mei Fähr Lady“ aus Joseph Berlingers Feder, „Der kleine Prinz“, „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ mit Silvia van Spronsen und Olaf Schmidt, „Misery“ nach Stephen King mit Steffi Denk und Martin Hofer, das Gerwin Eisenhauer inszeniert hat, oder die Gastspiele vom Café del Mundo oder dem Duo Calva – sie alle stehen bei den Zuschauern in extrem hoher Gunst und kommen auch im Jubiläumsjahr 2019 wieder auf die Bühne. Hofer ist stolz auf seine Künstler. Die zehn Jahre als Intendant waren anstrengend, aber Hofer hat den Wechsel in die Selbstständigkeit nie bereut. „Wir sind extrem gefordert, aber das hält jung!“

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht