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Unterwegs begegnet man sich selbst

Ein Film über Demenz? Nein, eine Suche nach dem Glück! Alexander Paynes Film „Nebraska“ ist traurig, komisch, lebenssatt – und unbedingt sehenswert.
Von Helmut Hein, MZ

Bruce Dern und Will Forte spielen in „Nebraska“ Vater und Sohn, die sich auf einem sinnlosen Roadtrip näherkommen. Foto: Bona Fide Productions

Regensburg.Ein wunderbarer Film! Kino für Erwachsene, wie man es sich immer wünscht und viel zu selten bekommt. „Nebraska“ ist beides: poetisch, witzig, voller Situationskomik; und wehmütig, tieftraurig, lebenssatt.

Den greisen Woody Grant, der meint, eine Million Dollar gewonnen zu haben und sie jetzt unbedingt und gegen alle Widerstände abholen will, obwohl ihn die meisten bloß für prä-dement halten und er seinen Führerschein längst verloren hat, spielt Bruce Dern, ein Protagonist des New Hollywood der 70er Jahre. Seine Darstellung ist souverän und reduziert. Er zeigt die komischen und die tragischen Seiten des Daseins. Er schafft es, ein langes, scheiterndes Leben in einem Augenblick, in der flüchtigsten aller Anekdoten aufscheinen zu lassen. Man ist gerührt, ohne sich von der Rührung rühren zu lassen, also kitschig zu werden.

Die Zeit der großen alten Mimen

Es fällt auf, dass seit einiger Zeit das bessere Kino eine Art Altersstil entwickelt. Mit Schauspielern jenseits ihrer Karriere, die es nicht mehr nötig haben zu gefallen, die sich auf die „conditio humana“ konzentrieren und denen alles andere ganz egal ist. Das gilt für Jean Louis Trintignant in Michael Hanekes „Liebe“, für Robert Redford in „All ist Lost“ und eben auch für Bruce Dern.Mag sein, dass das manchen Zuschauer überfordert, der stärkere Reize nötig hat und deshalb, wie schon geschehen, dem sehr zurückhaltenden, äußerst subtilen und fein-differenzierenden Robert Redford den absurden Vorwurf macht, er komme „mit einem Gesicht“ aus.

Wer nicht bereit ist, genau zuzuschauen und zuzuhören, der wird in „Nebraska“ zuerst die Farbe vermissen. Denn es handelt sich, aus guten Gründen, um einen Film in Schwarz-weiß. So kommt die Tristesse, aber auch das Weite und Erhabene der Mittelwest-Städte und -Landschaften besser zur Geltung.

Familie ist Verhängnis

Vielleicht wird er auch die Langsamkeit des Erzählens beklagen, obwohl die hier der Clou ist und für eine nie nachlassende, innere Spannung sorgt. Am Anfang sieht man, minutenlang, nur eine gesichtslose Straße, das trostlose, beständige Fließen des Verkehrs, zuerst von der einen, dann von der anderen Seite. Und dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, einen alten Mann, der auf der Standspur unterwegs ist. Ein wenig torkelnd, aber doch sehr entschlossen. Er will den weiten Weg von Billings/Montana nach Lincoln/Nebraska zu Fuß gehen, weil ihm das als die einzige Möglichkeit erscheint, seine Million abzuholen.

Aus einem Missverständnis wird ein Drama. Man lernt Woodys Familie, die Frau, die Söhne, schließlich die weitere Verwandtschaft kennen. Der erste Eindruck: Familie ist Hölle, Verhängnis, aus der man nur deshalb nicht ausbricht, weil man ahnt, dass es anderswo, mit anderen Menschen auch nicht besser ist. Die Träume und Wünsche ersticken früh. Es scheint nur ein animalischer Rest übrig zu bleiben, den Veit Loers auf einem einst für viel Aufregung sorgenden Werbebanner der Städtischen Galerie so zusammenfasste: „Fressen, Ficken, Fernsehen.“

Das Elend wird erträglicher

Das Humane, auch Tröstende von Paynes Film besteht darin, dass das Elend und die untergründige Gewalt nicht verschwinden, wenn man länger zuschaut, dass man aber die Figuren, während sie einem allmählich vertraut werden, zu verstehen beginnt. Was eben noch, für sich genommen, unerträglich schien, wird Teil einer Geschichte oder vielmehr eines Schicksals. Es wird nicht besser dadurch, aber menschlicher.

Auf den ersten Blick erinnert „Nebraska“ an ein ähnliches, schräges Road-Movie von David Lynch. Auch in der „Straight Story“ ging es darum, dass ein alter, beschädigter Mann ein letztes Mal in seinem Leben auf- und ausbricht und dadurch ein anderer ein wenig sogar gerettet wird. Aber Lynchs Pathos, ja manchmal sogar Kitsch fehlt bei Alexander Payne vollkommen. Das zerbrochene Leben kann nicht an seinem Ende plötzlich heil werden. Aber das große Entsetzen, das Altershilflosigkeit mit sich bringt, lässt sich vielleicht mildern.

Späte Loyalität mit dem Vater

Der Sohn, der durch die Beschädigungen seines Vaters – Alkohol war da nur ein Symptom – von Anfang an mitbeschädigt wurde, für den Liebe oder Zuneigung stets das Fremdeste war, erfährt plötzlich durch die gemeinsame Reise mit dem Vater, die doch völlig sinn- und zwecklos ist, so etwas wie Mitgefühl, Zugehörigkeit, Loyalität. In dieser Situation eines Gewinns, den es in Wahrheit gar nicht gibt, wird die Geschichte vieler Leben zwar nicht neu geschrieben, aber doch ein wenig bewusster.

Welcher Rest an Liebe bleibt in einer Welt voller Gemeinheit und Gier? Da ist Woodys frühe Liebe – obwohl er doch behauptet, so etwas habe es in seinem Leben nie gegeben, er habe nur „gern gevögelt“ – Peg Nagy, die für ihn vielleicht die bessere Frau gewesen wäre, die ihn aber nicht bekam, weil ihre Konkurrentin, die vollkommen katholische und vollkommen durchsexualisierte Kate (imposant: June Squibb) ihn einfach früher „ranließ“. Aber in Peg gibt es keine Spur von Wut oder Ressentiment, nur ein wenig Trauer in der Zufriedenheit über ihr ohne Woody so anderes Leben.

Zartheit und deftiger Humor

Sohn David (Will Forte) lernt, bevor es zu spät ist, seinen Vater kennen, einfach indem er ihn begleitet, die Orte der Vorfahren sieht, die Landschaften, die Häuser, die Zimmer, den Blick auf eine Scheune. Ist das Vergangene vorbei und vergessen, die Demenz nicht nur ein medizinisches, sondern ein soziales Problem? Dagegen setzt Payne eine Zartheit des Erinnerns, die den deftigeren Humor nicht scheut. Der ist nötig, damit der Blick retour nicht zur Lüge wird.

In Regensburg läuft „Nebraska“ im Garbo-Kino, Weißgerbergraben, in Nürnberg im Metropolis am Stresemannplatz

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