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Tanz

Von Träumen und Spiegeln

Douglas Lee und Cayetano Soto gaben in Nürnberg ihre Visitenkarten ab: Mit „Made For US“ kreieren zwei Choreografen einen Abend für die eigene Truppe.
Von Alexandra Karabelas, MZ

Szene aus „Made For Us“, Choreografie von Cayetano Soto Foto: Bettina Stöß

Nürnberg. Es gibt gute Gründe, die internationale Ballettszene mit der Welt der Mode zu vergleichen. Hier wie dort gelingt es nur wenigen, sich als Luxus-Marke zu etablieren, erkennbar an einer unverwechselbaren, komplexen Formensprache und einem unnachahmlichen Stil. Auf eigene Schöpfungen aufzusatteln, geht das nicht immer gut aus. Anschauungsort ist die neue Tanzpremiere am Staatstheater Nürnberg.

Erstmals hat Ballettchef Goyo Montero, der seit sechs Spielzeiten ein herausragend psychologisch-narratives Oeuvre geschaffen und zudem wichtige zeitgenössische Tanzwerke aus dem europäischen Repertoire erobert hat, unter dem Motto „Made For Us“ zwei Choreografen für die eigene Erfolgstruppe Uraufführungen kreieren lassen: Douglas Lee und Cayetano Soto. Lee, ehemals Erster Solist des Stuttgarter Balletts, konzentriert sich seit vielen Jahren auf die Erforschung des Tänzerkörpers. Sein permanentes Suchen nach Möglichkeiten der Zergliederung von Bewegungsvorgängen ließen ihn einen Bewegungsaufbau entwickeln, der mit kühler Brillanz das klassische Vokabular neu inszeniert und für jeden Bühnentänzer eine Herausforderung darstellt. Zum Mikrokosmos seiner Reformulierung des klassischen Ballettkörpers sind das Duett und das Pas de Trois geworden; mit dem Bild vom sich transformierenden menschlichen Körper als maschinellen Träger von Informationen ist Lee darüber hinaus zeitgemäßer denn je. Auch kann man darin eine eigenständige Reminiszenz an die gleichen Überlegungen von Oskar Schlemmer erkennen, dessen Tanzerbe von vor knapp 100 Jahren aktuell in ganz Deutschland mehr denn je erinnert wird.

Nächtlicher Gedankenfluss

In Nürnberg nun wählte Lee als Titel „Doll Songs“. Als inhaltlichen Bezugspunkt nahm er für seine umwerfenden Bewegungskreaturen jene Bilderwelt, die nächtens unkontrolliert vom Verstand als nicht versiegender Fluss aus sich transformierenden, dunklen, teils gesichtslosen Figuren und mehrarmigen Gestalten vor dem inneren Auge an einem vorbeirauscht.

Tief hängen die Scheinwerfer. Podeste und leere Glaskästen werden im Dämmerlicht verschoben. Die Tänzer hauchen in Mikrofone, bis sich ihr Atem mit den einsetzenden Songs von Joan Jeanrenaud vermischt, die das bezwingende, mal hier, mal dorthin wegglibbernde, dunkeltraumartige Bewegungsgeschehen pointiert tragen.

Nur Vervielfältigung

Verwirrt reagiert man nach dieser choreografischen Meisterleistung anschließend auf Cayetano Sotos Uraufführung von „Mirrored“ – „Gespiegelt“: Tänzer mit nacktem Oberkörper und schwarzer Hose; die Hand geformt zur Kralle, die immer wieder in weitem Bogen in den Raum ausgreift; das Figurativ des Vitalen, das sich um nervöse Gesten komplettiert: Das sind Markenzeichen von Marco Goecke. Der Choreograf prägt seit Jahren die Ästhetik auf den Bühnen Europas maßgeblich mit seinem originalen Kunstverständnis. Doch der Verweis auf Goecke führt hier ins Leere, weil Cayetano nicht offensiv mit diesem „Spiegel“ umgeht und auch das Bewegungsidiom, immer zu dick untermalt von pompös klingender Minimal Music, bald ändert.

So bekommt man zwar einen herausragend getanzten State of the Art der zeitgenössischen Neoklassik im Tanz geboten, ergänzt um ein paar Effekte wie dem Hochziehen des Tanzbodens oder den sehr schönen Oberteile der Tänzerinnen; was aber Sotos spezifische Bewegungssprache ist und was sein ureigenes Thema sein könnte – darauf gibt es in Nürnberg keine Antworten. Nur Vervielfältigung.

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