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Ausstellung

Vorsicht Hirsch! Gute Kunst röhrt gern

Ein Geweih narrt Besucher in der Kebbelvilla Schwandorf. Die Arbeit von Tone Schmid ist eine der Neuerwerbungen des Jahres.
Von Helmut Hein, MZ

Andrea Lamest (links) und das Team der Kebbelvilla stellen die aktuelle Ausstellung vor, an der Wand über ihnen: der Hirsch von Tone Schmid.
Andrea Lamest (links) und das Team der Kebbelvilla stellen die aktuelle Ausstellung vor, an der Wand über ihnen: der Hirsch von Tone Schmid. Foto: MZ-Archiv

Schwandorf.Trotz allem: Nehmen Sie kein Gewehr mit zur Vernissage in der Kebbelvilla! Auch wenn dieser Hirsch unbestreitbar aggressiv ist. Wenn Sie unvorsichtigerweise in seine Nähe kommen, stößt er ein unheimliches Röhren aus, halb Brunftgeschrei, halb maschinelles Lärmen, und stößt seine beiden Geweihhälften so heftig aneinander, dass es kracht.

Der Hirschtorso samt Häuschen, der da an der Wand der Kebbelvilla hängt, stammt aus der Werkstatt von Tone Schmid. Diese – ja, was? – Plastik oder Installation ist vertrackt, roh, bezeugt hintergründigen Witz, vielleicht sogar schwarzen Humor, und ist zweifellos das Paradestück unter den Neuerwerbungen dieses Jahres: ein Hirsch, der dem Menschen den Spiegel vorhält und in seiner ureigenen Sprache eine Art Tiefendiskurs mit uns (ver-)sucht.

Die Kebbelvilla zeigt Schätze aus dem Depot – und Neuerwerbungen. Eigentlich sollen Ankäufe (auch) der Künstlerförderung dienen. Wenn der Maler aber schon tot ist, wie im Fall von Bernhard Maria Fuchs, der allzu früh an Leukämie starb, dann geht es eben um die Sicherung seines Werks – und der Qualität der Sammlung. Der Neumarkter wollte, ganz klassisch, ein Landschaftsmaler sein. Aber die Zerstörung der Natur machte ihm einen kräftigen Strich durch die Rechnung. So kommt es, dass seine Bilder unter düsteren Farb-Attacken fast zerbersten. Eindrucksvoll!

Kundig in Szene gesetzt

Die Kebbelvilla-Chefin Andrea Lamest hat die Oberpfalz-Ausstellung kundig kuratiert und vor allem in Szene gesetzt. Lamest selbst sagt zwar bescheiden, es gehe vor allem um die einzelne Arbeit. Aber die braucht einen Kontext bzw. den richtigen Ort. Das zeigt sich etwa an einer schräg-stürzenden Landschaft von Helmut Sturm, in bester Wut-Tradition der Gruppe SPUR auf die Leinwand gefetzt, aber bei aller Wildheit zart, suggestiv, fast schon psychedelisch. Dass alles so aus den Fugen gerät, erzeugt fast eine Art Schwindel. Und es fällt einem nicht mehr weiter auf, dass sich bei Sturm Raum und Gegenstand erst im Auge des Betrachters zusammensetzen.

Zur Kunst der Hängung gehört auch, Bezüge herzustellen. Das können Formen, Farben, Themen sein, oder ein Bewusstsein für Zusammenhänge, die Künstler und ihre Galeristen betreffen. Es passt sehr gut, dass sich in Sturm-Nähe eine kleine Arbeit von Rudolf Pospieszczyk findet. Pospieszczyk war selbst Künstler, vor allem aber Galerist; in den schönen Räumen, in denen heute ArtAffair residiert, pflegte er viele Jahre ein SPUR-Bewusstsein, die vielen Nachfolge-Gruppen inklusive.

Als junger Künstler kooperierte Pospieszczyk gern mit Klaus Caspers. Dessen Riesen-Plastik im Park der Villa ist längst eine Art Wahr- und Wiederkennungszeichen des Künstlerhauses geworden, sagt Andrea Lamest. Drinnen ist Caspers mit einer sehr viel zarteren, fast floralen Plastik vertreten. Noch ein Stück Traditionspflege: Frühere BBK-Vorsitzende finden ihren Platz in dieser wunderbaren Ausstellung. Vom unvergesslichen Rupert Preißl etwa ist eine spätere Arbeit zu sehen, in der er barock-vital, farbkräftig ein Bild in serieller Variation aus mehreren kleineren Arbeiten „konstruierte“.

Eine Fahne scheppert im Blecheimer

Zu Tone Schmids beunruhigendem Hirsch passt bestens Beate Engls rote Fahne, die hyperaktiv-scheppernd in einem Blecheimer rotiert. Bei Richard Vogl, der mit zwei Arbeiten aus weit auseinanderliegenden Schaffensphasen vertreten ist, zeigt sich, wie seine Bilder mit der Zeit im Wortsinn heller, im übrigen auch verspielter werden. Unbestreitbar düster, wenn auch auf eine durchaus reflexive Weise ist Jürgen Hubers de Sade-Diptychon, zweifellos eine seiner besseren Arbeiten.

Sehr düster stimmen einen die beiden Arbeiten von Karl Aichinger, obwohl sie einem form- und farbenfroh entgegenkommen und darauf warten, dass man sich auf sie einlässt. Unvergessen ist ein früher Kommentar des Künstlers zum nur vermeintlich skeptischen Betrachter: „Das Bild kommt schon noch.“ Auch Aichinger ist, viel zu früh, im Dezember 2014 gestorben.

Die Ausstellung „Sammlung Bezirk Oberpfalz“ zeigt Schätze aus dem Depot und Neuerwerbungen. Vernissage ist am Sonntag, 8. Februar, 11 Uhr, im Oberpfälzer Künstlerhaus in Schwandorf, Fronberger Str. 31, (0 94 31) 97 16.

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