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Wer den Austausch drosselt, wird krank

Peter von Matt war als Kronzeuge schweizerischer Denkfreiheit zu Gast bei der Buchmesse Leipzig.
Von Marianne Sperb, MZ

Der Literaturwissenschaftler Peter von Matt hat in seinem jüngsten Buch „Das Kalb vor der Gotthartpost“ den Hang seiner Landsleute zu Abschottung gegen Zuwanderer kritisch analysiert. Foto: Arne Dedert/dpa

Leipzig.Die Schweiz zeigt sich bei der Buchmesse Leipzig demonstrativ weltoffen. Das Votum, bei dem die Schweizer – mit hauchdünner Mehrheit, aber doch – die Zuwanderung begrenzten, stieß die Nachbarländer vor den Kopf, schockte Wissenschaft und Wirtschaft im Land und löste Schamgefühle bei den Kulturschaffenden aus. Das große Branchentreffen bietet die ideale Bühne, ein kräftiges liberales Statement zu setzen. Die Schweiz nutzt die Chance.

Im Schauspielhaus Leipzig stehen heute fünf Vorzeige-Schweizer als eine Art Bibliothek der lebenden Bücher bereit. Ein Arzt, eine Bankerin, ein Schauspieler und andere gutbürgerliche Imageträger erzählen von ihrem Alltag in dem kleinen Land mit den hohen Bergen und den vielfältigen internationalen Verflechtungen und bieten sich für den offenen Dialog an.

Schon bei der Fahrt zum Messegelände in der Tram offenbart eine Stimmencollage aus vielsprachig schweizerisch gesprochenen „Guten Morgen“ das Bewusstsein einer multikulturellen Identität.

Auf der Messe selbst, in der zentralen Glashalle, bot das Gastland 2014 gestern Nachmittag einen seiner profiliertesten Kronzeugen für Denkfreiheit nach Schweizer Art auf. Christine Lötscher hatte zum Parlando am Schweiz-Stand Peter von Matt neben sich auf der Bank. Der Literaturwissenschaftler hatte in seinem jüngsten Buch „Das Kalb vor der Gotthartpost“ den Hang seiner Landsleute zu Abschottung gegen Zuwanderer kritisch analysiert. Das war 2012 und schon sehr hellsichtig. Von Matt erhielt damals für das Buch den Jahrespreis der Schweiz. Christine Lötscher lotste von Matt erst zu Dada, zu der Kunstbewegung, die vor 100 Jahren Zürich rockte. Viele deutsche Intellektuelle trieb es fort von den Zuständen daheim; es zog sie in den benachbarten Freidenkraum Schweiz, wo sie die Menschen mit ihren Ideen infizierten und sich umgekehrt anstecken ließen. So entstand, wie von Matt schilderte, ein bis heute pulsierender deutsch-schweizerischer Blutkreislauf. Dada war dabei übrigens nur ein Höhepunkt, kein Ausgangspunkt. Den grenzüberschreitenden Kulturtransfer hatten zuvor auch Goethe und Wagner exerziert.

Dada pflanzte sich fächrig fort, die Ideen durchdrangen auch Berlin und andere Kunstnester. Und das Schauspielhaus Zürich wurde zum Sammelbecken der deutschen Kreativen, die sich wiederum gegenseitig animierten. Der Schweizer Nationaldichter Gottfried Keller war so ein Dazugekommener, erinnerte Von Matt. Und er nannte Max Frisch, der in dieser Reihe steht. „Die Literatur eines Landes ist nicht in ein Marmeladenglas verpackt“, sagte der Schriftsteller. Der Austausch lässt sich nicht begrenzen. Und deshalb sind Abgrenzungen auch so fragwürdig.

Die Nationen versuchen die Grenzziehungen aber trotzdem. Und sie haben es gar nicht so gern, ihren Autoren außerterritorial wurzelnde Einflüsse zuzugestehen. „Jeder frische Autor wird auf Strich und Faden untersucht, wie er denn von Gottfried Keller herkommt.“ Der große Einfluss zum Beispiel amerikanischer Literaten wird gern geleugnet. „Das ist auch für die Lehrer sehr praktisch“, sagt von Matt. „Aber Literatur ist eine viel kosmopolitischere Sache, als man denkt.“

Der Gegenwart musste der Schweizer aus Luzern nicht einmal nahe kommen, und das Wort Zuwanderung auch nicht nennen: Klar wurde auch so, dass der, der den Austausch drosselt, bald heftige Probleme mit dem Stoffwechsel haben wird.

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