Blick in die Vergangenheit
Beherbergungsbetrieb für Skifahrer: Alte Chamer Hütte vor 100 Jahren eingeweiht

21.01.2024 | Stand 21.01.2024, 11:00 Uhr
Maria Frisch

Das erste Bild der Chamer Hütte aus dem Chamer Hüttenbuch, mit im Bild ist Malerpoet Achtelstetter

Der Kulturwart der Lohberger Wald-Vereinssektion, Johannes Seidl (†), hat sich zu seinen Lebzeiten mit den überlieferten Fakten der alten Chamer Hütte beschäftigt, deren Entstehung ein Jahrhundert zurückreicht. Mit einem Auszug aus einem seiner Vorträge sei sowohl an das Bauwerk selbst als auch an die akribische Arbeit des Heimatkundlers erinnert.

Die alte Chamer Hütte stand auf dem Grund und Boden der Eggersberger Bauern, wie ein Auszug aus dem Urkataster mit den Stierplätzen und Hüterhütten beweist. Ihnen gehörten 277 Hektar Waldungen vom Kleinen Arbersee bis zum Kleinen Arber. Nach dem verloren gegangenen Ersten Weltkrieg war die Inflation bereits in vollem Gange und führte zu einer radikalen Geldentwertung. „Im November 1923 kostete die Halbe Bier 80 Milliarden Mark, ein Pfund Fleisch 900 Milliarden Mark“, bezifferte Johannes Seidl.

„Die Eggersberger besaßen viel Grund und Boden und mussten daher stattliche Steuern zahlen. Darum haben sie sich entschlossen, 1920 einen Kahlhieb auf insgesamt 55 Hektar zu beantragen, der ihnen genehmigt wurde“, schilderte der Kulturwart. Im Dezember 1923 war eine Billion Mark Papiergeld nur mehr eine Rentenmark wert. Leute mit Geldvermögen – dazu zählten auch die Eggersberger Waldbesitzer - haben kräftig verloren. Die Abholzung war gestaffelt vorgeschrieben: „Das erste Jahr jeden dritten Baum, nach drei Jahren erneut jeden dritten Stamm, erst das sechste Jahr Kahlschlag.“

15.000 Festmeter Holz

„Die Waldbesitzer gingen etwas schneller zu Werke“, recherchierte Seidl. 1920 wurde begonnen, 1924 waren sie bereits fertig. „Das waren minimum 15.000 Festmeter Holz, die in drei Jahren mit den Pferdefuhrwerken über die sogenannte Schneiderebene sieben Kilometer nach Lohberghütte abtransportiert wurden“, machte Seidl die enorme „Schinderei“ bewusst, der es Respekt zu zollen gilt. „Das war ein Meisterstück.“

Für den Kahlschlag wurde eine Holzfällerhütte für die vielen Waldarbeiter errichtet. Im Sommer 1924 kaufte der Chamer Waldverein zusammen mit dem Wintersportverein das Areal von der Baumattengesellschaft München und brachte die Unterkunft auf Vordermann. Das erste Bild der Chamer Hütte stammt aus dem Hüttenbuch der Chamer Sektion. Zu sehen war darauf auch der Kunstmaler, Grafiker und Schriftsteller Georg Achtelstetter. Am 11. Oktober 1924 wurde der Holzbau im Beisein des Chamer Landrats eingeweiht.

„In den 20er Jahren war das Skifahren eine neue, ganz moderne Sportart“, so der Redner. Die Alpinen waren daher auf der Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Sie kamen mit der Bahn nach Lam und marschierten dann elf Kilometer über 600 Höhenmeter zur Chamer Hütte. „Dabei waren sie gut drei Stunden unterwegs – wohlgemerkt mit Skiern und Gepäck“, berichtete der Kulturwart.

Chamer Hütte einzige Alternative



In den 30er Jahren hielten sich auch auf dem gegenüberliegenden Bergkamm in der Jurenek-Hütte am Zwercheck viele Skifahrer, auch aus Tschechien, auf, die auf einer Freifläche talwärts bretterten. An der Chamer Hütte wurden Wettbewerbe durchgeführt. Johannes Seidl verwies auf eine Teilnehmerliste eines solchen Faschingsskirennens im Jahre 1928 „rund um den Kleinen Arber“ – mit fast sechs Kilometern Länge. Champions waren natürlich die Chamer. „Von der Chamer Hütte wurde nach einem Aufstieg Richtung Arber auch in die Bodenmaiser Mulde abgefahren. Der Arber war damals kein Skigebiet, wie man es heute kennt“, informierte Seidl. Man sei an den Bayerwaldkönig gar nicht herangekommen, weil bis 1933 keine Straße auf den Brennes führte.

Ab der Scheibe gelangte man nur über das Büchelbachtal nach Eisenstein. 1933 wurde der Lückenschluss vollzogen. Allerdings räumte niemand die verschneite Trasse, so dass sie unpassierbar war. Erst nach dem Krieg wurde die Straße im Winter freigehalten. „Einzige Alternative war vorher die Chamer Hütte.“

1928 hat die Sektion angebaut. Leo Schrenk und Hermann Roßberg engagierten sich dabei als Gönner. Das Kunststück war die Belieferung über eine beachtliche Steigung, die ausschließlich mit dem Pferd bewerkstelligt wurde. „Zum Schluss, 1935, war die Hütte 39 Meter lang.“ In einem Prospekt aus 1937 wurde mit 120 Übernachtungsmöglichkeiten geworben.

Mit dem ersten und einzigen Wirt, Franz Vogl, fanden die Besitzer einen idealen Pächter, der auch „Holzvogl“ genannt wurde. Dies rührt wahrscheinlich noch vom Kahlschlag her, den er mitkoordinierte. Die Wirtin hieß Therese Vogl. Auffallend war die feine Garderobe (mit Krawatte), mit der sich die Chamer und Einheimischen zum Skifahren begaben. Leider sei von der Inneneinrichtung der Beherbergungsstätte keine Aufnahme vorhanden.

Viel Lob für die Hütte

Aus dem Gästebuch geht aber vielfältiges Lob hervor. Ein Zitat vom Januar 1931: „Wir Vielgereisten, die wir Hütten in den Alpen, in der Rhön und im Harz kennen, müssen feststellen, dass die Chamer Hütte zu den bestbewirtschaftesten, wärmsten, zünftigsten zählt, die wir kennengelernt haben.“ Noch erhalten sei das Hüttenbuch von 1924 bis 1931, aus dem zum Teil sehr Heiteres hervorgeht. Günther Ring übertrug es aus der altdeutschen Schrift. Die Chamer Hütte war der Stützpunkt für die Chamer Bergwacht. Zum Einsatz kamen ebenso die Lamer Bergretter.

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Der Beherbergungsbau verfügte über zwei Erdkeller. Ein großes Problem waren die Mäuse, die in den Strohsäcken hausten. Humorige Einträge zeigen sowohl die kleinen Nager als auch Skifahrer, beispielsweise wie sie mit gebrochenen Skiern und Stöcken zurückkehrten oder eine Begegnung mit einem Baum hatten.

Auch die Preise des größten Beherbergungsbetriebes jener Zeit mit über 100 Plätzen sind überliefert: Nachtlager hart: 50 Pfennig, Nachtlager weich (auf Strohsäcken) 1 Mark, Nachtlager weich (mit Matratzen) 1,50 Mark. Schweinebraten 1,50 Mark, ein Liter Bier 70 Pfennige, Suppe mit Brot 25 Pfennige.

Am 29. Juni 1939 war jener verhängnisvolle Tag, an dem die Hütte abgebrannt und alles eingeäschert wurde. „Man hat nie herausgefunden, unter welchen Umständen das Feuer ausgebrochen ist“, so Johannes Seidl. Damals waren nur die Wirtin Theres Vogl, das Hausmädchen und ein Ehepaar aus Fürth im Haus. Die Flammen verschonten nichts. Aufgrund der Brandversicherung sollte eigentlich rasch wieder aufgebaut werden, doch dies scheiterte am Krieg.

Einige Pächterwechsel



Erst 1949 wurde wieder wegen des Neuaufbaus verhandelt. Da der frühere Platz Baumbewuchs aufwies, favorisierten die Verantwortlichen als neuen Standort einen Hüterplatz am Kammwanderweg, zumal man sich dort mehr Publikum versprach. „Die Brandversicherung hatte noch 12000 Mark ausbezahlt“, erzählte Johannes Seidl. Im Herbst 1949 war Richtfest.

Maria Ruhland aus Bodenmais zog am 1. Januar 1950 als Pächterin ein. Allerdings habe sich nach dem Krieg vieles verändert, beispielsweise war die Fahrt per Auto zum Brennes möglich. 1949 wurde der Arberlift gebaut. Die Chamer konnten nun mit dem Auto hin- und zurückpendeln. Dies führte zu einer rückläufigen Auslastung.

1953 warf der dritte Pächter das Handtuch, so dass die Hütte ein großes Sorgenkind und Draufzahlgeschäft des Chamer Waldvereins wurde. Deshalb verkaufte er sie 1957 an das Deutsche Jugendherbergswerk, das sie bis 1999 betrieb. Viele Chamer Schulen verbrachten hier ihre Skiaufenthalte. Aber es kam zu Unfällen auf dem vereisten Schmugglerweg. Und der Brandschutz erhielt ein immer größeres Gewicht. Deshalb stand der Bau bis 2008 leer, bis ihn der Bodenmaiser Skiclub übernahm.