Miteinander reden, miteinander weinen
Die Tiefenbacherin Eike Effenberger versucht, in Waldmünchen ein Trauercafé aufzubauen

19.11.2023 | Stand 19.11.2023, 11:00 Uhr

Eike Effenberger in ihrem Therapieraum. Der Baum gehört zu ihrer Arbeit mit Trauernden. Foto: Martin Hladik

Eike Effenberger will im Mehrgenerationenhaus in Waldmünchen einen Treffpunkt für Trauernde schaffen. Das nächste Trauercafe findet am 29. November von 17 bis 19 Uhr statt.

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„Es ist schwierig in unserer Gesellschaft, über Tod und Trauer zu sprechen“, sagt Effenberger. Die Gesellschaft vermittle das Gefühl, Trauer solle man mit sich selber ausmachen. Trauernde wiederum wollen andere mit ihrer Trauer nicht belasten. Gerade nach Corona hätten viele Menschen Verluste zu verarbeiten. Nicht nur solche um Menschen, die verstorben seien, sagt die 57-Jährige. In den alten Mehrgenerationenfamilien habe Leben und Tod mehr zusammen gehört und man habe vor allen Dingen nicht alleine trauen müssen. Jetzt seien viele allein in einem großen Haus und die Kinder lebten woanders. Also brauche es heutzutage einen geschützten Raum wie das Trauercafe im Mehrgenerationenhaus in Waldmünchen, um mit anderen trauern zu können, argumentiert Effenberger.

Ein Treffen Gleichgesinnter

Hier gebe es die Möglichkeit, miteinander zu reden und auch miteinander zu weinen. So kämen Menschen zusammen, die in der gleichen Situation seien. Es sei ein Treffen Gleichgesinnter.

Eines sei das Trauercafe aber nicht, eine Therapie, sagt Effenberger. Die biete sie zwar auch an, da sie psychologisch-therapeutische Beraterin sei. Aber das Trauercafe sei für sie ehrenamtliche Arbeit auf Spendenbasis. Früher habe sie als Betreuerin in der offenen Psychiatrie gearbeitet. In Tiefenbach, wo sie ihre Praxis als Beraterin betreibt, lebe sie mit ihrem Mann erst seit 1,5 Jahren. Vorher hätten sie bei Miesbach gelebt. Sie habe eine Ausbildung als Trauerbegleiterin gemacht und sich auch als Hospizbegleiterin schulen lassen. Sie habe großen Respekt vor der Hospizarbeit, sagt Effenberg, sie selbst würde aber lieber mit den Hinterbliebenen arbeiten.

Sie und ihre Kolleginnen hätten aber feststellen müssen, dass dies in ländlichen Gebieten gar nicht so einfach ist. Eine Kollegin habe in einer Instagramgruppe einmal festgestellt, dass sie fast nur Kunden aus der Stadt habe. „Die vom Land machen das offenbar mit sich selber aus, obwohl sie nicht so leiden müssten“, sagt Effenberger. Sie habe es erlebt, dass eine Frau nach dem Verlust ihres Mannes nach einer langjährigen Ehe und einem gewissen Abstand von ihrem Verlust gefragt hat „Darf ich noch weinen!“ „Da fehlen mir die Worte“, sagt Effenberger. Dies zeige den gesellschaftlichen Druck auf eine Trauerende. In einer andern Trauerphase sei man wütend auf die verstorbene Person. Es gebe Gedanken wie „Wie konnstet du mich allein lassen!“ und ähnliches. Auch mit dieser Emotion hätten viele Probleme. Ein „Das darf nicht sein“ gebe es bei Trauer nicht, man dürfe weinen, man dürfe aber auch wütend sein. Grundsätzlich sei in etwa das erste Jahr das schwierigste für die trauernde Person.

Rituale abwandeln

Manchmal helfe es, in der Trauer Rituale zu verändern. Beispielsweise an Allerheiligen den Ablauf umzudrehen. Statt des Spaziergangs nach dem Gräberbesuch den Spaziergang davor zu machen. Dann komme vielleicht der eine Gedanke nicht: „Vor einem Jahr, da war der Opa, der Ehemann, der Lebenspartner, noch mit dabei.“ Und schon so etwas könne helfen.

In ihrer Gesprächstherapie nach Rogers wolle sie aber nicht die Tipps geben, vielmehr gebe es nach dem amerikanischen Psychologen den Grundsatz: „Alle Antworten auf dein Problem findest du in dir.“ Die Verantwortung liege also bei einem selbst.