Manchester-Triage-System (MTS)
Wann bin ich in der Notaufnahme richtig? – Neuer Chamer Chefarzt gibt Antworten

16.02.2024 | Stand 16.02.2024, 15:50 Uhr |

In der Zentralen Notaufnahme am Chamer Krankenhaus werden die Patienten nach dem Manchester-Triage-System (MTS) eingestuft. Foto: David Salimi

Wann der Weg zur Notaufnahme wirklich notwendig ist und wann man vielleicht besser zunächst bei einem niedergelassenen Arzt oder dem ärztlichen Bereitschaftsdienst vorstellig wird, erklärt der neue Chefarzt der Chamer Zentralen Notaufnahme, Dr. Christoph Sellier, in einem Interview.



Viele Patienten mit Erkrankungen wie grippalen Infekten, Rückenschmerzen oder Zeckenstich suchen die Notaufnahme auf, obwohl derartige Beschwerden häufig sehr gut durch den Hausarzt oder auch vom Ärztlichen Bereitschaftsdienst behandelt werden könnten. Wann der Weg zur Notaufnahme wirklich notwendig ist und wann man vielleicht besser zunächst bei einem niedergelassenen Arzt oder dem ärztlichen Bereitschaftsdienst vorstellig wird, erklärt der neue Chefarzt der Zentralen Notaufnahme, Dr. Christoph Sellier, in einem von Sana geführten Interview.

Herr Dr. Sellier, wann muss ich in die Notaufnahme?
Sellier: Diese Frage lässt sich tatsächlich gar nicht so pauschal beantworten. Rechtlich heißt es beispielsweise, dass eine Notfallbehandlung erforderlich ist, wenn dem Patienten ohne die sofortige medizinische Behandlung schwere, gegebenenfalls bleibende Schäden oder gar der Tod drohen, wenn wichtige Lebensfunktionen eingeschränkt sind oder er unter starken Schmerzen leidet. Oftmals kann ich das ohne weitere Maßnahmen gar nicht sicher objektivieren.

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Was sind Gründe für die Notaufnahme?



Ab wann liegt also ein Notfall vor und inwieweit kann oder darf der Patient dies für sich selbst definieren oder beanspruchen? Aber sicher gibt es „klassische“ Symptome, die auf typische Erkrankungen schließen und dadurch an einen potenziell lebensbedrohlichen Notfall denken lassen und es damit auch definitiv notwendig machen, sofort den Rettungsdienst zu verständigen oder direkt die Notaufnahme aufzusuchen. Dies können beispielsweise sein:
Allein schon hinter einer Atemnot können zahlreiche ernsthafte Erkrankungen, wie zum Beispiel ein Herzinfarkt, eine Lungenarterienembolie, eine Herzschwäche oder eine Lungenentzündung, stecken.
Schmerzen in der Brust, im Oberbauch oder im Rücken zwischen den Schulterblättern können ebenfalls auf einen Herzinfarkt hindeuten.
Starke Bauchschmerzen können einem harmlosen Magen-Darm-Infekt zugrunde liegen, ebenso aber auch auf Entzündungen der Gallenblase, der Bauchspeicheldrüse, des Dickdarms hinweisen. In der Regel harmlose Steinleiden der Gallenblase oder der Nieren können furchtbare kolikartige Schmerzen verursachen.
Bewusstlosigkeit bzw. Ohnmacht oder anderweitige Veränderung der Bewusstseinslage bei anderen kann ebenso viele Ursachen, wie etwa einem Schlaganfall, einem Herz-Kreislauf-Stillstand, einem Krampfanfall, einer Vergiftung oder einer Schädelverletzung haben.
Bei Sprachstörungen oder einseitigen Lähmungen, z. B. im Sinne einer fehlenden Sprachproduktion, einer verwaschenen Sprache und/oder einseitigen Lähmung der Gesichtsmuskulatur bzw. Kraftlosigkeit einer Extremität (Arm und/oder Bein) liegt möglicherweise ein Schlaganfall vor.
Sie sehen, es ist häufig alles andere als leicht, eine schwere Erkrankung ohne Berücksichtigung anderer Informationen zum Patienten, ohne eine körperliche Untersuchung oder eventuell weiterführende diagnostische Maßnahmen direkt auszuschließen.

Man liest immer wieder, dass häufig Menschen mit harmlosen Symptomen in die Notaufnahme kommen? Ist da was dran?
Es ist durchaus so, dass viele der Patienten, die wir behandeln oder die teils auch selbstständig die Notaufnahme aufsuchen – insbesondere auch während der Nachtstunden – formal keinen Notfall darstellen bzw. recht offensichtlich keinen notfallmäßigen Behandlungsbedarf haben. Dies ist nicht neu und betrifft auch nicht nur uns in Cham, hat aber auch ganz vielfältige Gründe.

Prinzipiell ist die Behandlung in einer Notaufnahme, wie gesagt, den Notfällen vorbehalten. Dies bedeutet, dass auch eine sofortige ärztliche Behandlung erforderlich sein muss, welche sich auf die Akutversorgung beschränkt. Es dürfen rechtlich nur diejenigen diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen ergriffen werden, die notwendig sind, um die Zeit zu überbrücken, bis der Patient im Rahmen der regulären Versorgung hinreichend behandelt werden kann.

Insbesondere außerhalb der Regelversorgungszeiten durch die niedergelassenen Vertragsärzte ergibt sich für die Notaufnahmen aber eben auch eine „Auffangfunktion“ für Notfallbehandlungen, während der wir von vielen als „Regelversorger“ in Anspruch genommen werden. Und letztlich muss man aber auch sagen, dass sich die meisten Patienten mit ihren Beschwerden selbst durchaus als Notfall wahrnehmen. Die Schwierigkeit ist halt, dass man oft erst hinterher beurteilen kann, ob der Weg zum niedergelassenen Arzt oder in die Bereitschaftspraxis angemessener gewesen wäre.

Für den Patienten ist es nicht einfach, diese Entscheidung zu treffen, und auch wir haben häufig erst nach einer Untersuchung und Diagnostik ein vollständiges, sichtbares Bild vom Patienten. Wir tragen aber nun mal auch die Verantwortung, sollten wir eine Fehleinschätzung treffen.

Belasten solche Patienten die Notaufnahme?
Ich möchte Patienten jetzt nicht als Belastung bezeichnen – die allermeisten kommen über den Rettungsdienst, auf eine fachärztliche Zuweisung oder mit berechtigter bzw. zumindest offenkundiger Sorge. Aber natürlich gibt es eben auch viele Patienten, welche direkt die Notaufnahme beanspruchen, um sich die Wege oder Wartezeiten beim Vertragsarzt zu sparen, weil sie gar keinen Hausarzt haben oder nicht zu dessen Vertretung gehen wollen, weil es innerhalb der Strukturen eines Krankenhauses leichter ist, an verschiedene diagnostische Maßnahmen zu kommen oder welche, die offenkundig länger bestehende Beschwerden oder Bagatellen plötzlich abgeklärt wissen wollen. Diese Patienten beanspruchen natürlich ebenso das Personal und die räumlichen und strukturellen Ressourcen der Notaufnahme.

Wenn schon im Rahmen der Ersteinschätzung durch unser geschultes Pflegepersonal und durch einen ersten Arztkontakt ausgeschlossen werden kann, dass es sich um einen Notfall handelt, verweisen wir Patienten möglichst direkt an die für sie richtige Versorgungsebene. Nur leider reagieren viele der Patienten eben nicht verständnisvoll, auch wenn wir uns bemühen, ihnen unsere Situation und die auch für uns geltenden Rahmenbedingungen darzulegen.

Beschimpfungen, Drohungen und Eskalationen gehören in den meisten medizinischen Einrichtungen mittlerweile zum täglichen Brot des Personals. Gehört es für die Chamer Notaufnahme auch schon zum Alltag?
Eine leicht ansteigende Tendenz zu vermehrter Aggression gegenüber Mitarbeitern in Notaufnahmen besteht schon seit mehreren Jahren, ja. Verbale Entgleisungen seitens der Patienten gibt es fast täglich. Von Beleidigungen bis hin zu wüsten, teils vulgären Schimpfworten und auch Drohungen ist alles dabei. Unsere Patienten und Angehörige dürfen nie vergessen, dass hier auch nur Menschen arbeiten.

Gefährdet die Vielzahl von Patienten die Versorgung echter Notfälle?
Diese harmlosen Fälle fordern zwar mitunter das System Notaufnahme, aber gefährden die Versorgung von Notfallpatienten nicht. Wir behandeln Patienten nicht nach der Reihenfolge, in der sie in der Notaufnahme erscheinen, sondern nach Dringlichkeit. Hierfür werden die Patienten bei uns zunächst administrativ erfasst, anschließend wird innerhalb von maximal zehn Minuten eine medizinische Ersteinschätzung, die sogenannte Triage, durch hierfür geschultes Pflegepersonal vorgenommen. Auch der erste Arztkontakt innerhalb der sich hieraus ergebenen Zeitspanne ist unser klares Ziel, lässt sich je nach Patientenaufkommen aber leider nicht immer realisieren. In diesem Fall erfolgt dann aber gegebenenfalls eine erneute Einschätzung, um eine mögliche Zustandsverschlechterung des Patienten frühzeitig zu erfassen.

Sie sprechen von einer Triage. Wie läuft das Ganze ab?
Bei Ankunft in der Notaufnahme stuft eine speziell ausgebildete Pflegekraft die Dringlichkeit der Behandlung mit Hilfe verschiedener Parameter wie z.B. den geschilderten Symptomen und den erfassten Vitalwerten ein. Mit Hilfe eines Ampelsystems (Triage) wird die Dringlichkeit dann abgebildet. Diese, nach internationalen Regeln festgelegte Einschätzung, dient dazu, aus einer großen Zahl an Patienten möglichst schnell und sicher diejenigen zu finden, die aufgrund der Art und vermeintlichen Schwere ihrer Erkrankung zuerst behandelt werden müssen. Jeder Stufe unterliegt eine Zeitvorgabe, innerhalb derer es zum ersten Arztkontakt kommen soll – von „sofort“ bis „zwei Stunden“. Es gibt im deutschsprachigen Raum zwei solcher Triage-Systeme, die sich bisher etabliert und weitgehend durchgesetzt haben, hier in Cham verwenden wir das Manchester-Triage-System (MTS):
Rot: Schwerste Fälle mit Lebensgefahr (Schlaganfall, Herzinfarkt etc.)
Orange: Fälle mit einer Verletzung, die lebensgefährlich werden kann
Gelb: Fälle ohne Lebensgefahr, aber mit ernsten körperlichen Schäden (Knochenbrüche etc.)
Grün: Normal dringliche Fälle ohne Lebensgefahr und ohne ernste körperliche Schäden (z.B. leichte Schnittverletzungen, Platzwunden)
Blau: Fälle ohne sofortigen Behandlungsbedarf (z.B. leichte Grippe, Magenbeschwerden)
Je schwerer die Verletzung oder Erkrankung, desto rascher erfolgt die ärztliche Versorgung. Aus diesem Grund müssen einige Patienten länger warten als andere. Denn nicht jeder, der zuerst kommt, mahlt auch zuerst. Meist kann dann erst zum Abschluss einer Behandlung entschieden werden, ob ein Patient ambulant behandelt werden kann oder stationär aufgenommen wird.

Was passiert, wenn sich herausstellt, „ich bin kein Notfall“?
Wie bereits oben erwähnt, unterläuft jeder Patient, der die Notaufnahme aufsucht, dem Triage-Prozess. Hieraus kann es sich durchaus ergeben, dass uns immer wieder neue, dringlichere Notfälle erreichen, so dass einzelne Patienten unter Umständen leider mit langen Wartezeiten rechnen müssen, bis es zu einer Behandlung kommt. Dies führt verständlicherweise nicht selten zu Missmut, lässt sich im Falle eines hohen Patientenaufkommens aber leider manchmal nicht vermeiden.

Bei eindeutiger Indikation für die ambulante Versorgung durch einen Regelversorger verweisen wir Patienten dorthin und, was noch immer viel zu wenige Patienten wissen: Der ärztliche Bereitschaftsdienst, der ihnen außerhalb der Sprechstundenzeiten von Regelversorgern und KV-Bereitschaftspraxis beratend zur Seite steht, ist rund um die Uhr unter der Telefonnummer 116117 erreichbar!