Hassgewalt gegen Obdachlose
Brutale Angriffe auf offener Straße – Nürnberger Politologe fordert mehr Bildung und Prävention

03.12.2023 | Stand 03.12.2023, 14:58 Uhr

Menschen, die ohne Wohnung sind und wie hier in Nürnberg unter der Brücke leben, sind oft Ziel politisch motivierter Gewalt. Foto: imago

Politologe Martin Stammler ist nicht besonders optimistisch: „Rechte Hassgewalt gegen Wohnungs- und Obdachlose ist jederzeit möglich.“ Zwar seien in letzter Zeit weder in Nürnberg noch in Bayern schwere Übergriffe bekannt geworden. Aber für den Bildungsreferenten für die Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus in Nürnberg ist das nur bedingt beruhigend: „Das Dunkelfeld ist groß.“

Bundesweit endet Gewalt gegen wohnungslose und obdachlose Menschen in etwa 20 Fällen pro Jahr tödlich. Ende Oktober attackierten drei Jugendliche im Alter von 14 und 15 Jahren im nordrhein-westfälischen Horn-Bad Meinberg einen Obdachlosen mit Fäusten und Messern, bis er ums Leben kam. In einem anderen Fall wurde in Mannheim ein Angeklagter zu dauerhafter Unterbringung in einer Psychiatrie verurteilt. Er hatte einen obdachlosen Rollstuhlfahrer so stark getreten und geschlagen, dass dieser an den Folgen starb.

Mehr Kultur fürs Hinschauen

Daher macht sich Stammler mit seiner Bildungsarbeit für eine höhere Sensibilität und eine Kultur des Hinschauens stark: „Unsere Gesellschaft bestimmt, ob Neonazis sich berufen fühlen, zu töten.“ Politisch motivierte Gewalt hänge immer vom gesellschaftlichen Diskurs ab. Dadurch fühlten sich potenzielle Täter gestärkt, zur Tat zu schreiten.

Rechte Gewalttaten gegen ausländische Mitbürger der 1990er-Jahre sind als „Baseballschlägerjahre“ in die bundesdeutsche Geschichte eingegangen. Auch jetzt sieht der Politologe viele Anzeichen für eine „Diskursverschiebung, die rassistischen oder antisemitischen Aggressionen Vorschub“ leisten.

Neuer Sozialdarwinismus

Hinzu kommt laut Stammler, dass Überzeugungen des „Sozialdarwinismus“ sich immer wieder in der Gesellschaft finden. Dahinter steht ein Weltbild, das innerhalb einer Gesellschaft bestimmte Menschen oder Gruppen abwertet: „Da gibt es eine Kontinuität zur Ideologie der Nationalsozialisten.“ In Umfragen würden zehn bis 20 Prozent eine Nähe zu diesen Überzeugungen einräumen. Sie verneinen, dass jedes Menschenleben gleich schützenswert ist. Stattdessen halte sich das sozialdarwinistische Denken, dass es beim vermeintlichen „Konkurrenzkampf in der Natur“ auch Verlierer geben müsse.

„So verfestigt sich das Bild, dass Wohnungslose in einer Stadt fehl am Platz seien.“ Sie würden pauschal als arbeitsscheu eingestuft und als einer Gesellschaft nicht nützlich. In der Gedankenwelt von Neonazis verbinde sich diese diskriminierende Einstellung mit der Überzeugung, dass etwa die Wirtschaft vor allem für die Deutschen da sei, dass die Politik zuerst den „Volksgenossen helfen“ müsse.

Keine Anzeigen, keine Ermittlungen

Auf Aggression und Gewalt gegen Wohnungslose folgten zudem nur in seltenen Fällen Ermittlungen durch die Polizei – mangels Anzeigen. Das resultiere etwa aus der Sorge, dass man bei der Behörde nicht ernst genommen werde. Oder weil die Betroffenen aufgrund früherer Delikte den Kontakt scheuten. Noch wichtiger sei aber der Grund, dass man als Erstatter einer Anzeige keinen geschützten Rückzugsort habe. Wer auf der Straße lebt, ist wesentlich angreifbarer und muss befürchten, dass er erneut auf seine Peiniger trifft.

Seit Jahren wird von zivilgesellschaftlichen Organisationen gefordert, vor allem die Datenlage zu verbessern. Das betrifft einerseits die polizeiliche Ermittlung, die verstärkt auch mögliche rechtsextreme Motivationen von Tätern erfassen sollte. Bislang fehlen bundesweit zuverlässige Zahlen zur Hasskriminalität gegenüber Wohnungslosen. Andererseits gilt auch die empirische Forschung zu Wohnungs- und Obdachlosigkeit als stark unterentwickelt.

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Zudem will Stammler die Gesellschaft zu aktivem Hinschauen motivieren. Beobachter von Gewalt sollten sich als Zeugen bei der Polizei melden, „hier brauchen wir eine höhere Sensibilität“. Mit seiner Bildungsarbeit will er dazu beitragen, dass sich gesellschaftliche Diskurse wieder humanisieren. Dafür sei schon eine sorgsame Wortwahl wichtig: „Sprache bildet und schafft eine Realität, stereotype Abwertungen können zur Gewalt führen.“

Rolle der Neuen Medien

Für den Politologen spielen auch das Internet und die sozialen Medien eine zunehmend wichtigere Rolle. Bei den Tätern müsse man nicht nur rechtsextreme Gruppen und Organisationen im Blick haben. „Seit den Anschlägen von Halle und Hanau gibt es auch den vermeintlichen Einzeltäter“, der sich online „ohne Kameradschaftstreffen“ radikalisiert. „Auf diese Veränderung müssen wir mit Bildung für eine humanere Gesellschaft begegnen“, so Stammler.

epd