Lehrermangel
„Das ist nur Augenwischerei“: Neumarkts BLLV-Vorsitzender Semmler über die Pläne für die Grundschule

14.05.2024 | Stand 14.05.2024, 15:33 Uhr

Mehr Lehrkräfte an Schulen auch in Neumarkt – das fordert der BLLV seit langem. Nur so könnten Lücken wirklich aufgeholt werden, weil dann in kleineren Gruppen gearbeitet werden könnte. Foto: picture alliance/dpa/Bernd Weißbrod

Zu wenig Personal, zu große Herausforderungen – und kein Lichtblick am Horizont. Das aktuelle Schulbarometer – eine repräsentative Forsa-Studie – blickt düster in die Zukunft der Schule. Wie schlimm ist es in der Region Neumarkt? Das sagt Albert Semmler, Vorsitzender des BLLV Neumarkt, dazu.

Überforderung, Gewalt und die Frage nach Bildungsgerechtigkeit – die Begriffe, mit denen der BLLV das Schulsystem nach der Veröffentlichung der aktuellen Studie beschreibt, sind Schlagworte mit Sprengkraft. In Neumarkt hofft man hingegen häufig, hier noch in einer „heilen Welt“ zu leben. Teilen Sie diese Ansicht?
Albert Semmler: Von einer „heilen Welt“ kann man auf keinen Fall sprechen. Die Schwierigkeiten betreffen die Region Neumarkt genauso. Natürlich ist es in der Stadt Neumarkt vielleicht anders als in kleinen Schulen auf dem Land, aber gerade beim Thema Heterogenität ist es auch in den Grundschulen auf dem Land schwierig. Da kommen fünf Kinder aus der Ukraine in die Klasse und zum Lehrer wird gesagt: Mach mal. Oder auch beim Thema Lese-Rechtschreibstörungen: Da gibt es keine einzige Förderstunde. Es gibt zwar Zusatzkräfte, die an Bord sind, und die brauchen wir auch dringend, aber es sind eben keine Lehrkräfte. Das wird oft vergessen.

In der aktuellen Studie beschreiben 51 Prozent der Grundschullehrkräfte den Personalmangel als größtes Problem – das geht vermutlich direkt mit dem Thema der heterogenen Klassen einher.
Semmler: Ja. Der BLLV fordert eine zweite Lehrkraft in der Klasse, zumindest für bestimmte Stunden. Kinder brauchen mehr individuelle Unterstützung. Lesen lernen Kinder in der Kleingruppe, nicht indem ich sage: Öffne das Buch und lies mal. Beim Rechnen ist es im Prinzip genauso: Kinder müssen nach gemeinsamen Lernstand gefördert werden. Wenn ich in fünf Stunden eine zweite Lehrkraft dabei hätte, wäre schon viel gewonnen.

Das könnte Sie auch interessieren: Der Mythos Mutter und bedürfnisorientierte Erziehung: Nora Imlau erklärt, was wirklich dran ist

Als Konsequenz aus den schlechten Pisa-Ergebnissen wird es künftig mehr Mathe- und Deutschstunden geben, dafür wird bei musischen Fächern und Englisch gespart. Eine gute Idee?
Semmler: Das ist nur Augenwischerei, denn es ändert das grundsätzliche Konzept nicht. Da werden die Schwachen wieder untergehen. Ein reines Mehr an Zeit bringt nicht mehr Lernerfolg – man müsste das grundsätzlich anders gestalten. Also durch kleinere Gruppen und individuellere Förderung. Das funktioniert aber nur über mehr Personal. Und dann wieder diese ewige Diskussion über Englisch. Die Wissenschaft sagt: Man braucht Englisch ebenso wie die kreativen Fächer, das ist wichtig für die Entwicklung der Kinder.

Das Personal fehlt aber aktuell oft jetzt schon im Schulbetrieb.
Semmler: Ja, Personal ist knapp und wenn es keine mobile Reserve gibt, werden die Klassen einer kranken Lehrkraft auf andere aufgeteilt. Das sind Probleme, die wir überall vor Ort haben und ist mittlerweile fast schon Normalität. Das ist ein Konzept, das die Versorgung und Betreuung sichert, aber sicher keinen qualitativen Unterricht. Wenn eine Lehrkraft über einen längeren Zeitraum ausfällt, ist das ein großes Problem. Theoretisch sollen die kranken Lehrer die Kinder dann von zu Hause mit Material versorgen, aber das geht auch nicht. Lehrer kommen oft sowieso auch dann in die Schule, wenn es ihnen nicht gut geht, weil sie die Kolleginnen und Kollegen und die Kinder nicht im Stich lassen wollen.

Das könnte Sie auch interessieren: Lehrer, Rektor, Schulamtsdirektor: Am 15.April geht Christoph Weigert in den Ruhestand

Viele Kinder kämpfen mit großen Herausforderungen in ihren Familien – und diese äußern sich in der Schule dann häufig in gewalttätigem Verhalten. Laut der aktuellen Studie sagen 47 Prozent der Lehrkräfte, dass es an ihrer Schule Probleme mit psychischer oder physischer Gewalt gibt.
Semmler: Dass die Anzahl der herausfordernden Kinder auch in der Region Neumarkt zunimmt, kann ich nur bestätigen. Das hängt zum einen mit der sich verändernden Gesellschaft zusammen – es wird alles an die Schule abgegeben. Zum anderen nimmt die Inklusion zu. Eltern haben das oberste Recht zu entscheiden, wo ihr Kind beschult wird. Daraus folgend bräuchte es aber mehr Personal. Denn wie soll ein Lehrer das bewerkstelligen, wenn er drei, vier herausfordernde Kinder in der Klasse hat. Es gibt zwar Schulsozialarbeiter, Schulpsychologen und Beratungslehrer, aber es steht viel zu wenig Zeit und Personal zur Verfügung. Gerade in akuten Situationen bräuchte es jemanden, der sofort verfügbar ist.

Der BLLV fordert die Politik dazu auf, sich der Realität zu stellen. Was bedeutet das?
Semmler: Letztendlich, dass man die Situation nicht einfach schönredet. Natürlich ist es in Berlin oder Hamburg anders. Aber gerade an unseren Mittelschulen passiert aktuell genau das gleiche, nur zeitlich versetzt. Es gibt kaum mehr Lehramtsstudenten, nur noch Quereinsteiger. Langfristig wird das zu einer Entprofessionalisierung führen. Und dazu, dass immer weniger Personal tatsächlich mit herausfordernden Kindern und Jugendlichen umgehen kann. Denn die Quereinsteiger haben das alles ja nicht gelernt. Es heißt immer, dass es noch nie so viele Lehrer gab wie jetzt, aber das liegt daran, dass als Lehrkraft auch zählt, wenn ich einen Studenten im dritten Semester einstelle. Da kommt man natürlich zu diesen Zahlen.

Was bedeutet das für die Lehrer, die den Beruf studiert haben?
Semmler: Die, die das gelernt haben, müssen immer mehr leisten, weil sie auffangen müssen, was andere nicht machen dürfen – Quereinsteiger etwa dürfen keine Kernfächer unterrichten. Auch den pädagogischen Hintergrund haben nur die Profis und auf die wird immer mehr übergestülpt, gerade im Mittelschulbereich, aber auch im sonderpädagogischen Bereich oder an Realschulen.

Das könnte Sie auch interessieren: Jan-Uwe Rogge: So überstehen Eltern und ihre Teenager die Pubertät

Dazu passt das Ergebnis der Studie, dass ein Drittel der Lehrkräfte sich erschöpft fühlt und immerhin ein Viertel sich vorstellen kann, einen anderen Beruf auszuüben.
Semmler: Für die Erschöpfung gibt es mehrere Gründe. Zum einen ist es der gesellschaftliche Wandel, der immer mehr herausfordernde Kinder mit sich bringt. Zum anderen liegt es noch an den Notmaßnahmen aus dem Jahr 2020, als das Arbeitszeitkonto an der Grundschule eingeführt wurden. Zuvor gab es viele Kräfte im System, die in Teilzeit super gearbeitet haben, dann wurde gesagt: Das geht nicht mehr. Diejenigen, die ihre Stunden aufstocken mussten, stoßen immer mehr an ihre Grenzen. Die haben sich ja bewusst für Teilzeit entschieden. Wenn das noch über Jahre so weitergeht, führt das bei vielen Lehrkräften in den Burnout. Diese Notmaßnahmen müssen daher zurückgenommen werden. Der Beruf wird immer anspruchsvoller und anstrengender, gerade in der Altersgruppe 50 bis 60 macht sich Erschöpfung breit.

Der Beruf des Lehrers wurde in der Gesellschaft noch vor wenigen Jahren vor allem als der Beruf angesehen, in dem man quasi dauernd Ferien hat und sich ansonsten auch kein Bein ausreißt. Hat sich dieses Bild gewandelt?
Semmler: Ich persönlich nehme es nicht so wahr, dass Lehrer so gesehen werden. Im Gegenteil höre ich oft die Aussage: Ich möchte kein Lehrer sein. Andererseits schürt natürlich die Politik die Meinung dadurch, dass sie sagt: Lehrer bräuchten nur ein bisschen mehr zu arbeiten und die Probleme hätten sich erledigt. Die Politik hat nicht verstanden: Die Lehrer sind am Limit. Und eine Stunde mehr Unterricht bedeutet ja nicht nur eine Stunde mehr – da gehört auch eine Stunde Vor- und Nachbereitung dazu.

Gibt es etwas, was sich in den letzten Jahren positiv verändert hat?
Semmler: Da muss ich wirklich nachdenken. Als BLLVler muss ich sagen: Wenn die Arbeitsbedingungen gut sind, geht es auch den Kindern gut. Da ist leider in allen Schularten nicht viel passiert. Positiv ist, dass die Gleichwertigkeit der Lehrer hergestellt ist und alle gleich bezahlt werden. Und dass es Unterstützungskräfte gibt. Und natürlich, dass alle Lehrkräfte ihr Bestes geben, der Kinder und der Jugendlichen wegen.

Das Schulbarometer:

Befragung: Die Robert Bosch Stiftung lässt nach eigenen Angaben seit dem Jahr 2019 repräsentative Befragungen zur aktuellen Situation der Schulen in Deutschland durchführen, die unter dem Namen „Deutsches Schulbarometer“ jährlich veröffentlicht werden. Für die aktuelle Studie fand die Befragung im November und Dezember statt.

Lehrkräfte: Die forsa Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen mbH befragte online bundesweit 1608 Lehrkräfte: 18,5 Prozent Lehrkräfte an Grundschulen, 31 Prozent Lehrkräfte an Haupt-, Real- und Gesamtschulen, 25 Prozent Lehrkräfte an Gymnasien, acht Prozent Lehrkräfte an Förder- und Sonderschulen, 16 Prozent Lehrkräfte an berufsbildenden Schulen. Bei der Befragung handelte es sich um eine Zufallsstichprobe, so die Bosch-Stiftung. Das bedeutet, dass alle Lehrkräfte die gleiche Wahrscheinlichkeit hatten, für die Befragung ausgewählt zu werden. Im Schnitt waren die teilnehmenden Lehrkräfte zu 59,7 Prozent weiblich und 51,7 Jahre alt.

Themen: Im Fokus standen unter anderem die größten Herausforderungen, die dringendsten Bedarfe an der eigenen Schule, Umgang mit Heterogenität und Inklusion, berufliche Zufriedenheit und Belastung, Umgang mit digital gestütztem Unterricht, psychosoziale Unterstützung und Beziehungsqualität zu den Schülerinnen und Schülern.