Ehemaliges Hotel Stern
Gläserne Schätze aus „kompakter Scheiße“: Archäologin zeigt wertvolle Fundstücke aus Neumarkt

13.06.2024 | Stand 13.06.2024, 5:00 Uhr |
Josef Wittmann

Besonders angetan haben es Archäologin Daniela Rehberger die barock anmutenden gläsernen „Löwenkopf-Baluster“, die in Neumarkt gefunden wurden. Foto: Josef Wittmann

Vierzig Kisten mit Fundstücken kamen bei Ausgrabungen auf der Baustelle am Gelände des ehemaligen Hotels Stern in Neumarkt zusammen. Archäologin Daniela Rehberger präsentierte sie für den Historischen Verein. Die interessantesten Stücke stammen aus einer alten Latrine.

Frank Präger ist Archivar der Stadt Neumarkt und Vorsitzender des hiesigen Historischen Vereins. Den jüngsten Vortrag für seine Mitglieder „Neues aus Neumarkts Unterwelt“ musste er nun von Ende Juni auf den Dienstag dieser Woche vorverlegen.

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Grund war das große Interesse der Mitglieder, die im Bürgerhaus den großen Saal nötig machten, der am geplanten Datum nicht frei gewesen wäre.

Und wirklich waren die Stühle voll besetzt, als die studierte Archäologin Daniela Rehberger über eine Stunde lang referierte, was sie und ihre Kolleginnen und Kollegen von „Adilo“ im Untergrund des früheren Hotel Stern bei den Bauarbeiten im Geviert zwischen Bockwirtsgasse, Kastengasse und Oberem Markt ans Tageslicht gebracht haben.

Die riesige Latrine hatte es in sich

Während die Brunnen im Innenhof des 800 Quadratmeter-Areals bei den Bauarbeiten des neuen Neumarkter „Stadthotels“ weitgehend unangetastet blieben und unter dem neuen Fundament weiter einen Dornröschenschlaf träumen können, hatte es die fast vier Quadratmeter große Latrine nicht nur für die Neugier der Archäologen, sondern auch für ihren Geruchssinn wortwörtlich „in sich“. Fast vierzig Kisten fassen die geborgenen Stücke. Eine Fundgrube seien Latrinen, denn „aus der Latrine holt man nicht unbedingt wieder was raus, wenn es nicht der Ehering ist“, schwärmt Daniela Rehberger.

Eine gut fünfstellige Zahl von Glasfunden warten nun bei der Firma Adilo, die von der Schlossschanze bis zu den Gerberhöfen überall aktiv ist, wo es um die Neumarkter Geschichte geht, auf den Abtransport in die Depots des Landesdenkmalamtes in Regensburg.

Weich gebettete Schätze aus Glas



In der Latrine haben die Scherben weich gebettet die Jahrhunderte überdauert, aber in ein Museum werden sie es kaum schaffen.

„Wir haben Bodenproben des mittlerweile kompostierten Latrineninhalts zur makrobiotischen Analyse ins Labor geschickt. Von dort kam die Anerkennung: So eine kompakte Scheiße habe ich noch nie gesehen“, erinnert sich die Archäologin. Den säuerlichen Geruch hat sie noch in der Nase. „Die Latrine war wohl vom 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts in Betrieb“, vermutet sie anhand der Funde. Weil frühere Generationen beim Ausräumen auch mal mit der Schaufel „umgerührt“ haben, gehen die Jahrhunderte in den Schichten ziemlich durcheinander. „Man findet haufenweise die klassischen Butzenscheiben“, sagt die Referentin. Viel vom gefundenen Fensterglas sei damals wohl auch in den Neumarkter Glasereien der Glasergasse entstanden. Aber auch zerbrochene „Nuppengläser“ aus dem 15. Jahrhundert kamen zu Hauf zu Tage. Wie viele andere Funde stammen die wohl von der Gastronomie, die an diesem Standort belegt ist. Vom „Weizenglas“ bis zum Flaschenhals bei dem mehrere Ausgüsse geschwungen ins Glas führen zeigte die Referentin viele Fotos.

Luxusartikel landeten im Klo

Besonders angetan haben es ihr die barock anmutenden „Löwenkopf-Baluster“, deren Herkunft sie in Nürnberg vermutet. Im 17. oder 18. Jahrhundert sei das Luxus gewesen, der seinen Weg aus der Wirtschaft oder einem umliegenden „wohlhabenderen Haus“ in die Grube gefunden habe. Auch Funde aus geätztem und geschliffenem Glas oder Keramik mit Motiven, die zeigen, wie man sich damals chinesische Architektur vorstellte, gehörten in diese Kategorie, ebenso die nur zentimetergroßen Fayancebruchstücke als Porzellanimitation. Das Gros der Kisten, die nun im Lager verschwinden, sei aber Gebrauchsgeschirr ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gewesen. Scherben von Bierkrügen aus Steinzeug, wie sie heute noch den Stammtisch krönen, gab es auch in der Latrine. Unsere Vorfahren waren uns halt im Wirtshaus schon ähnlich.