Runder Tisch mit Experten
Landkreis Schwandorf: Aktuelle Versorgungslage für Babys, Kinder und ihre Eltern ist ein Alarmsignal

01.12.2023 | Stand 01.12.2023, 5:00 Uhr

Zur Versorgung von Neugeborenen und ihren Müttern sind aktuell im Landkreis Schwandorf 24 Hebammen gemeldet. Deren Kapazitäten sind oft Monate im Voraus ausgebucht. Symbolbild: Marcus Brandt, dpa

Die Versorgung von Neugeborenen, (Klein-)Kindern und deren Familien wird im Landkreis Schwandorf immer schwieriger. Bei einem runden Tisch zeigten Hebammen, Ärzte und Netzwerkpartner Defizite auf und entwickelten Lösungsansätze.

Nicht nur werdende Mütter auf der Suche einer Hebamme oder Eltern, die einen Kinderarzt brauchen, spüren die Defizite. Seit geraumer Zeit beobachten auch Fachkräfte die angespannte Versorgungslage, wie es in einer Mitteilung des Landratsamts heißt.

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Dieses „Alarmsignal“ nahmen Vertreterinnen der Koordinationsstelle frühe Kindheit (Koki), der Leiter des Kreisjugendamts Martin Rothut und die Leiterin des Gesundheitsamtes Stefanie Bauer zum Anlass, Hebammen, Ärzte, Kinderkrankenschwestern und Vertreter der Frühförderstelle, der Erziehungsberatungsstelle, der Schwangerenberatungsstelle und von weiteren Fachdiensten des Gesundheitsamtes zu einem runden Tisch einzuladen. Ziel des Gespräches war, mehr Transparenz zur aktuellen Situation aus dem Blickwinkel der einzelnen Beteiligten zu schaffen, bestehende Probleme zu benennen und Lösungsansätze auszuarbeiten. Die Resonanz war groß.

Aufgaben werden in den ambulanten Bereich verlagert

Zur Situation der Hebammen wurde erläutert: Im Landkreis Schwandorf sind derzeit 24 Hebammen gemeldet. Die an sie gestellten Anforderungen unterliegen einem ständigen Wandel, einhergehend mit einem kontinuierlichen Anstieg der zu tragenden Verantwortung. „Ein in der öffentlichen Wahrnehmung viel zu wenig bekannter Grund hierfür mag die sukzessive Kürzung der stationären Krankenhausaufenthalte nach der Entbindung sein“, so die Mitteilung. Noch bis vor einigen Jahren seien junge Mütter nach der Geburt „multiprofessionell gut versorgt im Krankenhaus“ in Pflege und Betreuung der Säuglinge durch Hebammen eingewiesen worden. Dieser Lern- und Lehrprozess sei inzwischen weitgehend in den Bereich der ambulanten Hebammennachsorge verlagert.

„Diese wird allerdings nicht – wie leider oft fälschlicherweise angenommen – automatisch jeder Wöchnerin zugeteilt“, so das Landratsamt. Erschwerend wirke sich auch das pauschale Abrechnungssystem für den Hebammen-Hausbesuch aus. Der Standardbetreuung würden demnach nicht mehr als 20 bis 25 Minuten eingeräumt – eine Zeitspanne, die oft bei Weitem nicht reiche, alle Unsicherheiten und Fragen zu klären, geschweige denn Mutter und Kind umfassend zu untersuchen, schilderten Teilnehmerinnen aus ihrem Alltag. Dass sie dringend Hilfe brauchen, würde häufig von Betroffenen zu spät erkannt – und dann gibt es keine freie Hebammenkapazitäten, da diese be-reits Monate im Voraus ausgebucht sind.

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Mit nur fünf Kinderarztpraxen im Landkreis, die oft zusätzlich mit dem Problem des Fachkräftemangels in Hinblick auf medizinische Fachangestellte zu kämpfen haben, ist auch die pädiatrische Versorgung angespannt. Aufnahmestopps und lange Wartezeiten bei der Terminvergabe (in der Telefon-Warteschleife) sind keine Seltenheit. Letztere könnten auch durch Digitalisierungsoptionen wie der Online-Terminvergabe nicht immer zufriedenstellend abgefangen werden. Um gerade die frühen Untersuchungen der ganz Kleinen sicherzustellen (U2/U3), sind daher ein vorausschauendes Planen und eine Abstimmung der Akteure untereinander sowie mit den werdenden Eltern enorm wich-tig, so der Tenor.

Die niedergelassenen Ärzte und die Geburtsklinik des Landkreises seien nicht nur für das Thema sensibilisiert, sondern auch um Lösungsansätze bemüht. So bietet das St. Barbara-Krankenhaus bei frühzeitiger Entlassung die „ambulante U2“ an; bei vielen Kinderärzten werden Kinder, die eine U2/U3 benötigen, vorrangig behandelt.

Einstimmigkeit bei allen Beteiligten herrscht, dass die Sprachbarriere bei der Betreuung der zahlenmäßig kontinuierlich steigenden Klientel mit Migrationshintergrund eine enorme Herausforderung – wenn nicht Überforderung – darstellt. So bleibe trotz des hohen Zeitaufwands nicht selten das mulmige Gefühl bei den Verantwortlichen zurück, die Versorgung der Schutzbedürftigen nicht ausreichend gewährleisten zu können.

Wunsch nach Übersetzern

Die Fachkräfte wünschen sich, dass Entlastung geschaffen wird, indem eine ausreichende Anzahl von kompetenten Übersetzern und festangestellten Sozialarbeitern sowie Hebammen, insbesondere für die Betreuung von Müttern und ihre Neugeborenen bzw. (Klein)Kindern in Gemeinschaftsunterkünften, bereitgestellt werden.

Im Ausblick stimmte die Teilnehmer optimistisch, dass das Studienangebot für Hebammen mit Ableistung der praktischen Studienphase am St. Barbara-Krankenhaus in Schwandorf gut angenommen wird. So werde es „hoffentlich gelingen, die Hebammenzahl im Landkreis im Verlauf der kommenden Jahre sukzessive aufzustocken und sichern“. Dass aus diesem runden Tisch ein regelmäßiger interprofessioneller Austausch wird, war der Wunsch der Teilnehmer.

Als Fazit des Treffens lässt sich laut Mitteilung des Landratsamts festhalten, dass „alle Akteure – selbst in belastenden Zeiten dauerhafter Krisen, personeller Engpässe und finanzieller Unsicherheit – standhaft der Resignation trotzen, nach alltagstauglichen Lösungen suchen und den Wunsch haben, die jungen Familien in dieser sensiblen Lebensphase bestmöglich zu unterstützen“.

Tipps für werdende Eltern



Kontaktaufnahme: Aktuell sollte bereits mit Feststellung einer Schwangerschaft unbedingt Kontakt zu einer Hebamme zur Klärung der zukünftigen Versorgungssituation hergestellt werden, so der Rat der Experten. Dies müsse über alle möglichen Kanäle deutlicher kommuniziert werden.

Vorbereitung: Außerdem sollten werdende Mütter bzw. Eltern motiviert werden, intensiver vorgeburtliche Angebote wie Geburtsvorbereitungskurse von Hebammen sowie der Elternschule am St.Barbara Krankenhaus in Schwandorf wahrzunehmen – unabhängig vom Wohnort.

Entlastung: „Viele Fragen und Unsicherheiten lassen sich in diesem Rahmen bereits im Vorfeld bearbeiten und ent-lasten damit die intensive Nachsorgephase“, teilt das Landratsamt mit.