Nachruf
Abschied von einer Brücken-Bauerin – Alma Raile setzte sich unermüdlich für Russlanddeutsche ein

12.06.2024 | Stand 12.06.2024, 20:06 Uhr |

Alma Raile kam 1985 nach Regensburg. Foto: Valentina Wudtke

Alma Raile ist tot. Sie lebte seit 1985 in Regensburg und stand jahrzehntelang im Dienste ihrer Landsleute aus der ehemaligen Sowjetunion. Dank ihrem beachtlichen ehrenamtlichen Engagement war der Name Raile für viele russlanddeutsche Regensburger zum Synonym für die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland (LmDR) geworden. Am 6. Juni verstarb sie nun.

Sie gehörte zu den immer weniger werdenden Zeitzeugen, die als Deutsche in der Sowjetunion schon in jungen Jahren unermessliches Unrecht und Leid erfahren mussten. Ihr Leben und Schicksal ist ebenso ereignis- und erkenntnisreich wie auch kennzeichnend für unzählige ähnliche schwarzmeerdeutsche beziehungsweise russlanddeutsche Schicksale und Lebensläufe in der Sowjetunion des 20. Jahrhunderts.

1936 in der deutschen Kolonie Klein-Neudorf bei Odessa geboren



Raile wurde am 10. September 1936 in der deutschen Kolonie Klein-Neudorf bei Odessa, Ukraine, geboren. Im Krieg kam die westliche Ukraine, auch Klein-Neudorf, ab Spätsommer 1941 unter deutsche Besatzung. Daraufhin wurden etwa 350000 Menschen umgesiedelt – darunter auch die Familie Raile. Die Trecks waren großen Strapazen und Gefahren ausgesetzt. Nach drei Monaten Fußmarsch und einer nicht minder gefährlichen Bahnstrecke kamen sie im Warthegau im heutigen Polen an. Alma Raile war damals gerade mal acht Jahre alt. Nach Kriegsende mussten um die 280000 Russlanddeutsche in sowjetischen Lagern schuften. Die Familie Raile landete im Zuge der Rückführung im Oktober 1945 in Kasachstan, in einer Siedlung im Gebiet Karaganda.

Hier ging Alma zur Schule, die sie mit mittlerer Reife abschloss. Später gründete sie eine Familie und arbeitete als Lehrerin. Ende der 1970er Jahre zog sie mit ihren Kindern nach Moldawien, wo sie Verwandte hatte. Hier war sie als Schuldirektorin tätig. Ihre Anträge auf Auswanderung nach Deutschland wurden mehrfach abgelehnt. Erst 1980 wurde es ihr erlaubt.

In Landshut hatte sie ihre erste Bleibe, hier trat sie schon 1980 der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland bei. 1985 zog Raile nach Regensburg und war all die Jahrzehnte aktiv in der Orts- und Kreisgruppe Regensburg. Dabei übernahm sie zahlreiche Aufgaben – zwischenzeitlich war sie sogar Ortsgruppenvorsitzende. Zwischen 1986 und 2018 bewährte sie sich auch als sachkundige Sozialreferentin und konnte gerade in den Jahren, als die Zuwanderung der russlanddeutschen Aussiedler in den 1990er Jahren auf ihrem Höhepunkt war, zahlreichen Landsleuten helfen und dadurch ihre Integration erleichtern. Zudem saß sie im Integrationsbeirat.

Lange als Lehrerin gewirkt



Auch als Lehrerin konnte sie Anschluss finden. Sie wirkte lange als Lehrerin an der Euro-Schule, hat Landsleuten die deutsche Sprache beigebracht. Zusätzlich bot sie kostenlose Deutschsprachkurse an. Für ihren Einsatz für die Belange der Deutschen aus Russland wurde Alma Raile 2003 mit der silbernen und 2006 mit der goldenen Ehrennadel der Landsmannschaft ausgezeichnet. Neben weiteren Auszeichnungen erhielt sie 2009 das „Ehrenzeichen des Bayerischen Ministerpräsidenten für Verdienste von im Ehrenamt tätigen Frauen und Männern“.