Uraufführung am 25. Mai
Mit tödlicher Konsequenz: „Michael Kohlhaas“ als Oper in Regensburg

17.05.2024 | Stand 17.05.2024, 11:25 Uhr

Szene aus „Michael Kohlhaas“: Paul Kmetsch singt die Titelrolle eines gerechten Mannes, der zum Rächer wird. Foto: Marie Liebig

Michael Kohlhaas wird Unrecht getan. Auf der Suche nach Gerechtigkeit wird er zum Räuber und Mörder. In Regensburg kommt die berühmte Geschichte um einen Wutbürger jetzt als Oper auf die Bühne, komponiert im Auftrag des künftigen Staatstheaters.

Unser Grundgesetz wird 75 und Extremisten von ganz Rechts wie ganz Links nehmen es ordentlich in die Zange. Am Recht wird gerüttelt – und damit sind wir mittendrin in dem Stoff, den das Theater Regensburg in seinem neuen Auftragswerk verhandelt: der Oper „Michael Kohlhaas“, von Stefan Heucke. Uraufführung ist am 25. Mai (19.30 Uhr).

Heinrich von Kleist knöpfte sich 1808 einen Wutbürger vor. Seine Novelle basiert auf einem wahren Fall von 1532. Der Plot: Michael Kohlhaas, erfolgreicher Pferdehändler in Brandenburg, wird an der Grenze zu Sachsen von Männern des Junkers von Tronka gezwungen, zwei Rösser zurück zulassen – eine fiese, rechtswidrige Geldmasche, wie er erfährt. Unrecht türmt sich auf Unrecht: Die Pferde bekommt er mager und wertlos zurück, sein Knecht wird windelweich geschlagen, seine Frau tödlich verletzt.

Michael Kohlhaas versucht erst, legal sein Recht zu erwirken, bis er aufgibt und abbiegt in die Selbstjustiz. Der Gerechte wird ein Rächer, ein furchtbarer Mensch. Er brennt Wittenberg nieder, Unschuldige sterben, selbst die eigene Frau und die Kinder zahlen einen schrecklichen Zoll. So sehr man anfangs mit ihm fühlt und sich brennend wünscht, er möge Genugtuung erfahren, so sehr wendet man sich immer mehr ab und erschauert vor einem Menschen, der im Grunde ist wie wir, wenn wir sagen: Da stehe ich und kann nicht anders, whatever it takes. Unrecht gebiert Unrecht, und wer sich umschaut in der Welt, erkennt überall Parallelen, nicht nur im unauflöslichen Konflikt zwischen Israel und Palästina.

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Um jeden, wirklich jeden Preis: Auch Heinrich von Kleist lebte so. Er brachte sich um, erst 34 – mit sich im Reinen und im Gefühl, das Rechte zu tun, wie Dramaturgin Pia-Rabea Vornholt bei der Matinee zur Uraufführung erklärt. „Der Stoff hat mich seit meiner Schulzeit unglaublich beschäftigt“, sagt Stefan Heucke. „Die Kunst, mit der Kleist aus einem Nichts einen Weltenbrand entfacht, aus dem ganz Kleinen das ganz Große formt: Das schreit nach Musiktheater.“

Die Story ist irre verwickelt. Baustein auf Baustein zieht Kleist die Brandmauer hoch, die sein Antiheld am Ende nicht mehr überwinden kann, die ihm keinen Ausweg lässt. Im Video auf der Theater-Homepage kann man sich ein Bild machen. Michael Sommer spielt da in amüsanten zehn Minuten „Weltliteratur to go“ mit Playmobil-Figuren durch.

Stefan Heucke speckte den Stoff kräftig ab, stützte sich für seine Oper auf eine knappe Theater-Fassung und holte als Librettisten Ronny Scholz dazu, damals Opernchef in Münster, heute Chefdramaturg in Regensburg. Mit 92 Minuten Spieldauer ist beiden – Ziel waren 90 Minuten – beinahe eine Punktlandung geglückt.

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Nur drei Sänger – Paul Kmetsch als Kohlhaas, dazu Benedikt Eder und Patrizia Häusermann – bestreiten mehr als ein Dutzend Rollen, springen blitzschnell in neue Charaktere, Kostüme, Stimmen. Als Sprechchor werden sie begleitet – ein Novum – von einer Riege Studierender der Akademie für darstellende Künste Bayern (AdK). Hintergrund: Das kostspielige Unternehmen Uraufführung wird großzügig finanziert von den Theaterfreunden und vor allem der Egerland-Stiftung, die Jugendkulturarbeit fördert.

„Ich bin verliebt in Kleists Sprache“, bekennt der Komponist, „die ist für mich wie Musik.“ Der Rhythmus der Strophen lässt inneren Momenten Zeit und wechselt dann wieder in einen Wahnsinnsritt. Balladeskes schlägt in krasse Ausbrüche um. „Die Musik klingt sehr frisch und schön“ schildert Tom Woods, der musikalische Leiter, „obwohl sie fremde Harmonien mitbringt.“

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Regisseur Philipp Westerbarkei nähert sich der Oper wie einem Schauspiel, um die Sprache glänzen zu lassen und die fast schizophrenen sekundenschnellen Rollenwechsel zu bändigen. „Die Kostüme“, sagt er, „werden nur so fliegen.“ Ausstatter Kristopher Kempf steckt die Figuren in Einheitsdress, in smarte Anzüge etwa, und gibt ihnen sparsame Requisten, die – ein Hut auf, ein Bart dran – sie variabel machen. Ein toller Kniff: Die Unmenschen treten in knuffigen Stoff- und Styroporwülsten auf, die sie Stück für Stück verlieren, bis sie entkleidet sind und der nackte Mensch hervortritt.

Zur Uraufführung kommt ein besonderer Gast: Norbert Lammert, Musikfreund und früherer Bundestagspräsident, kennt alle Opern Stefan Heuckes. Bevor sich der Vorhang hebt, erzählt er im Neuhaussaal (25. Mai, 18.30 Uhr) seine Sicht auf „Michael Kohlhaas“.


Die Oper „Michael Kohlhaas“ von Stefan Heucke hat am 25. Mai (19.30 Uhr) Uraufführung im Theater am Bismarckplatz. Vorab ist Norbert Lammert zu Gast im Neuhaussaal (25. Mai, 18.30 Uhr). Der Eintritt ist mit Theaterticket frei, alle Details: www.theaterregensburg.de