Kultur
Musik liegt in der Therapie: Tobias Ertl debütiert in Regensburg mit seinem Projekt Talking Nerves

07.02.2024 | Stand 07.02.2024, 19:00 Uhr

„Ich hatte im Leben oft das Gefühl, zu ersaufen“: Tobias Ertl. Am Freitag erscheint sein erstes Mini-Album, am Samstag ist er mit Band in Regensburg zu erleben. Foto: David Halbritter

Lange gab er nach außen den Clown, das ist vorbei: Der Liedermacher singt über Dinge, die er selbst erlebt hat – am Samstag live in Regensburg.

Tobias Ertl war 15, als sein schwerstbehinderter Bruder starb. Ein Tiefschlag in einem angespannten familiären Umfeld, nicht der letzte. Als Ertls bester Freund 2015 an Schizophrenie erkrankte, aus einem Fenster stürzte und starb, brach schließlich auch für ihn die Welt zusammen. Jahrelang habe er „nach außen den Clown“ gegeben, sagt der Mann hinter dem Musikprojekt Talking Nerves im Gespräch in Regensburg, „innerlich hat es anders ausgesehen“. Das Innere war stärker.

Wenn der aus der Nähe von Nittenau stammende Regensburger Liedermacher heute also sagt, „die Sachen, über die ich singe, habe ich selbst oder im direkten Umfeld erlebt“, ist das nicht die gängige Branchen-Plattitüde jener, die mit einem vermeintlich „persönlichsten Album“ Authentizität vortäuschen. „Surface“ heißt nach vier Single-Vorläufern das erste Mini-Album des 36-jährigen, das am 9. Februar in den Streaming-Diensten veröffentlicht wird. Am 10. Februar stellt Ertl sein Debüt mit Band und dem Augsburger Musiker „Der Herr Polaris“ im Regensburger Kulturzentrum W1 vor.

Bislang scheint Ertls Independent-Pop Anklang zu finden. Seine Lieder beginnen gern, wie sie entstehen: mit Gitarre und Gesang. Oder wie Ertl sagt: schwarz-weiß. Die Farbe steuert später der Augsburger Produzent Max Wörle bei, der bedacht und gezielt mit Bass, Schlagzeug und Synthesizer Arrangements schafft. Wurde die erste Single „Below my feet“ noch von 3000 Menschen gestreamt, waren es bei „These cold days“, der jüngsten Veröffentlichung, schon 10000. Und das, ohne bislang nur ein Konzert gegeben zu haben.

An die 30 Lieder hat er fertig



„Ich erzähle öffentlich von mir, gleichzeitig will ich meine Ruhe haben“, sagt Ertl und lacht über sich selbst. Klar, keine Strategie mit Zukunft. Eine Club-Tour mit Bassist David Halbritter und Max Wörle als Schlagzeuger und Programmierer soll es daher werden.

An Repertoire mangelt es nicht. „Ich hatte im Leben oft das Gefühl, zu ersaufen“, sagt Ertl. Das macht wohl nebenbei kreativ. Zwar arbeitet sich auf „Surface“ der Protagonist in nur sieben Song-Kapiteln vom Grund des Meeres der Vergangenheit an die Oberfläche, um Atem und Zuversicht zu schöpfen. Doch insgesamt habe er 30 Lieder fertig – wenn man davon absieht, dass nicht alle austherapiert sind, da jeweils „mindestens acht Versionen“ existieren, irgendwie sieben zu viel. Aber: „Der Moment, wo ich mich selbst triggere, muss enthalten sein, sonst passt ein Song nicht.“

Die Schwere ist überwindbar



Triggern als psychologisches Momentum: Tobias Ertl will mit Liedern berühren, vermitteln, was er in düsteren Episoden erlitten, in Therapien erlernt, im Leben danach erarbeitet hat. „Therapie ist keine Schwäche“, sagt er. Die Schwäche sieht er darin, dass es zu wenig Therapieplätze gibt. Ihm habe externe Hilfe erst ermöglicht, sein Leben umzustellen. Zwar nicht, um den Berufswunsch Mediziner zu verwirklichen. Das hatte jedoch andere Gründe. „Ich habe bis zum Abitur keinen Strich gemacht.“ Kein Strich, kein Platz an der Uni. Die absolvierte Ausbildung zum Pfleger war’s aber auch nicht.

Heute ist Ertl im Alltag Lehrer am Sonderpädagogischen Förderzentrum der Stadt Regensburg. Ein Alltag, der ihm „Routine und Sicherheit“ gibt. Um jetzt anderen nahezubringen, was er in seinem Lied „Turtles“ besingt: Die behäbige Schwere, die einen während depressiver Phasen sich hinter dem eigenen Panzer verschanzen und vereinsamen lässt, ist überwindbar. Und wer es schafft, so Tobias Ertl, dem wünsche er eine Hoffnung stiftende Erkenntnis: Im weltweiten Vergleich sei es doch ein dankenswertes Privileg, „hier in Deutschland geboren zu werden und leben zu dürfen“.