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Kurswechsel durch Corona?

Der Großteil der Wissenschaftswelt stützt sich auf Tiere – dabei sind die Ergebnisse kaum auf Menschen übertragbar.
Julia Radzwill, Diplom-Biologin

Foto: Gustav Kuhweide FOTO-KUHWEIDE./Kuhweide Köln

München.Der Großteil der Wissenschaftswelt stützt sich auf Tiere – dabei sind die Ergebnisse kaum auf Menschen übertragbar. Was sich jetzt ändern muss. Es liest sich wie ein Beitrag von vergangener Woche: Erbgut erfolgreich in kürzester Zeit entschlüsselt, erste Versuche in Affen waren vielversprechend, schon bald soll der Impfstoff an Menschen getestet werden. Tatsächlich handelt es sich um einen Bericht von 2003 in Zusammenhang mit der SARS-CoV-Infektion, die 2002 in China entstand. Dies zeigt mehr denn je, dass Tierversuche in der Forschung nicht sinnvoll sind – einen Impfstoff gegen das erste SARS-Virus gibt es bis heute immer noch nicht.

Auf diesen Forschungen baut die aktuelle Impfstoffforschung nun auf – allerdings sind sich die meisten Experten einig, dass frühestens 2021 mit einem Impfstoff zu rechnen ist. Dabei ähnelt das neue, also SARS-CoV-2-Virus, dem „alten“ stark und nutzt die gleiche Eintrittspforte in Zellen. Damit offenbart sich, neben der kaum gegebenen Übertragbarkeit der Tierversuchsergebnisse auf Menschen, ein weiteres Problem: Tierversuche sind Zeit- und (Steuer-)Geldfresser. Gleichzeitig gibt es vielversprechende Erkenntnisse aus menschenfokussierter Forschung: Mittels menschlicher Zellen können Mini-Organe im Labor gezüchtet werden, an denen sowohl der Infektionsweg als auch die Wirkung von möglichen Medikamenten nachvollzogen wird. So kann auch herausgefunden werden, welche weiteren Organe das Virus noch befallen kann – Covid-19 beschränkt sich nicht nur auf die Lunge, sondern es werden auch Nieren- und Herzversagen beobachtet, sowie Infektionen des Magen-Darm-Traktes. Ein internationales Forscherteam zeigte in Wien, dass in vitro gezüchtete menschliche Mini-Nieren und -Blutgefäße ebenfalls infiziert werden, was somit die klinischen Symptome vieler Patienten erklärt. An humanen Darmorganoiden lässt sich die Infektion des Darms untersuchen, die bis zu ein Drittel der Patienten betrifft. Wie wichtig diese menschenbasierte Forschung ist, wird zudem dadurch deutlich, dass das Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin seine Lungenorganoide als „ideales Testsystem“ bezeichnet.

Vielversprechende, schnelle, günstige und menschenrelevante Ergebnisse gegenüber nicht übertragbaren, teuren, langwierigen und qualvollen Tierversuchen: Mehr braucht es nicht, um einen Kurswechsel zu befürworten. Es bleibt zu hoffen, dass dies weitläufig erkannt wird – im Interesse von Mensch und Tier.

Die Autorin Julia Radzwill ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Ärzte gegen Tierversuche e.V.

Die Außenansicht gibt die subjektive Meinung des Autors wieder und nicht unbedingt die der Redaktion.

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