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Meinung

Meinungsfreiheit ist anstrengend

Mit Meinungsvielfalt kommt nicht jeder klar. Am Tag der Pressefreiheit sollte man überlegen, wie Deutschland ohne aussähe.
Claudia Bockholt

Claudia Bockholt
Claudia Bockholt

Regensburg.Kann es 80 Millionen verschiedene Wahrheiten geben? Wohl kaum. Aber 80 Millionen unterschiedliche Wahrnehmungen, die hält mittlerweile jeder für möglich, der in den Sozialen Medien unterwegs ist. Die Nachrichtenwelt hat sich nicht nur beschleunigt, in ihr melden sich auch immer mehr individuelle Einzelstimmen zu Wort. Es ist großartig und eine Gnade, in einem Land zu leben, in dem jeder denken und weitgehend sagen kann, was er will. Doch immer mehr Menschen scheinen die Vielfalt der Stimmen als unerträgliche Kakophonie zu empfinden. Und statt den breiten Diskurs als Bereicherung zu empfinden, schreien und schreiben sie Andersmeinende nieder. Doch so ist halt die Demokratie: Jeder darf mitreden, jede Stimme zählt.

„Es wächst die Unfähigkeit und der Unwille, andere Meinungen anzuhören, überhaupt zu ertragen.“

Was für eine Ironie: Nie war die deutsche Gesellschaft pluralistischer, nie konnte sich die Vielfalt der Meinungen und politischen Ansichten besser öffentlich entfalten. Und parallel wächst die Unfähigkeit und der Unwille, andere Meinungen anzuhören, überhaupt zu ertragen. Ganz so, als wäre eine andere, also „falsche“ politische Meinung hochansteckend, toxisch geradezu. So gefährlich, dass man sie auf keinen Fall auch nur in seine Nähe lassen darf. Eindrucksvoll zu beobachten gerade an der Goethe-Universität Frankfurt, wo Studenten die Entlassung einer Professorin fordern. Ihr Vergehen: Sie lud zu einer Podiumsdiskussion zum Thema Kopftuch und bat auch Islamkritiker auf das Podium. Pfeilgrad lautet der Vorwurf der bunten Studentenschaft: Rassismus. Man muss nicht Habermas‘ herrschaftsfreien Diskurs studiert haben, um zu wissen: Hier läuft etwas in eine ganz verkehrte Richtung. Vielleicht haben die, die 50 Jahre nach dem Faschismus geboren wurden, den absoluten Wert der Freiheit aus den Augen verloren, die ja nach Rosa Luxemburg immer die der Andersdenkenden ist.

Pressefreiheit

Wichtiger Verstärker der Demokratie

Der Geschäftsleiter des Mittelbayerischen Druck- und Logistikzentrums, Bernd Riffel, über die Bedeutung des Zustellnetzes

ARD und ZDF, Spiegel und FAZ waren noch vor 20 Jahren Instanzen. Heute brüllt auch diesen Redaktionen ein vielstimmiges „Lügenpresse“ entgegen, sobald ein Redakteur einen Fehler macht – oder auch nur schreibt und berichtet, was dem Leser oder Zuschauer gerade nicht in den Kram passt. Der Vorwurf der „Fake News“, der gefälschten Nachricht, ist schnell bei der Hand. Natürlich: Es ist schon mancher Unsinn in die Welt gesetzt worden. Nicht jeder, der sich Journalist nennt, hat das Handwerkszeug gelernt. Nicht jeder hat begriffen, dass er besser informieren sollte, statt selber Politik zu machen. Journalisten und Politiker teilen sich eine isolierte Hemisphäre: Ich twittere, also bin ich. Vieles, was da so durchs Netz schwirrt, ist kaum mehr als Ausdruck von Gefallsucht.

„Schimpfen Sie über jeden Artikel, der Sie ärgert. Und seien Sie froh, dass er geschrieben werden durfte.“

Trotzdem: Die Pressefreiheit ist ein hohes Gut, das man nicht leichtfertig diskreditieren sollte. Wenige Länder der Welt haben eine derart reiche Medienlandschaft wie Deutschland: Zeitungen von ganz links bis ganz rechts, hervorragende Hörfunkprogramme, ein öffentlich-rechtliches Fernsehen, das sich um seine Zuschauer bemüht. „Heute“-Anchorman Claus Kleber hat gerade kritisch reflektiert, dass man die aktuelle „Mitte“-Studie, die 50 Prozent der Deutschen pauschal als rassistisch und rechtsorientiert verortet, doch mit einiger Skepsis betrachten muss. Offenbar doch kein auf Merkel-Kurs abonnierter „Staatsfunk“. All denen, die diesen Unfug in den Facebook-Kommentarspalten verbreiten, muss man eigentlich nur entgegenhalten: Wäre es so, dürftest Du Deine krude Ansichten hier gar nicht unter die Menschheit bringen. Denn dort, wo es keine Freiheit gib, wird das Internet auch einfach mal abgeschaltet und werden missliebige Journalisten inhaftiert. Deshalb, auch und gerade am Tag der Pressefreiheit: Schimpfen Sie über jeden Artikel, der Sie ärgert. Und seien Sie froh, dass er geschrieben werden durfte.

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