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Das Drama der verlorenen Unschuld

Shani Boianjius Debütroman „Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst“ erzählt die knallharten Coming-of-Age-Geschichten dreier junger Israelinnen.
Von Katrin Münster

Eine junge Soldatin auf dem Cover. Shani Boianjius Debütroman „Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst“ ist schockierend und bewegend. Foto: Kiwi

Regensburg.„Ich dachte, ich wäre noch ein Mensch. Ich konnte nicht begreifen, dass ich eine Soldatin war“: Schriftsstellerin Shani Boianjiu, 1987 in Jerusalem geboren und in Westgaliläa, in einem kleinen Dorf an der Grenze zum Libanon aufgewachsen, erzählt aus Sicht von Lea, Avishag und Yeal. Sie erzählen, Kapitel für Kapitel jeweils eine andere, über ihre Zeit vor, während und nach der Armee. Eingezogen wurden sie mit 17 oder 18 Jahren und kamen in verschiedene Stützpunkte. Avishag musste ins Rekrutenlager der israelischen Streitkräfte, Yeal zum Übungsstützpunkt bei Hidna und Lea zum Checkpoint in Hebron.

Dort muss jede mit ihren Aufgaben klarkommen und hat ihre eigenen Probleme, die sie auf sich allein gestellt lösen muss. Sie scheinen überfordert, ängstlich oder gar „verrückt“. Die Mädchen wiederholen sich, stocken, fangen nochmal von vorne an. Die jungen Soldatinnen erzählen aus ihrem Leben. Und man weiß nicht, ob sie dabei weinen oder lachen – oder ihnen schon jeder Ausdruck von Gefühl verlorengegangen ist.

Der Tod wird nüchtern referiert

Anfangs sind sie Teenager, zwischendrin um die 21, am Ende etwa 30 Jahre alt. Zu diesem Zeitpunkt haben sie viel Schreckliches erlebt, sind mehr oder weniger psychisch labil. Zwischendurch gibt es Rückblenden. In ihren Geschichten sterben viele Menschen. Man sieht sie wirklich sterben; der Tod wird beschrieben, wie er eigentlich nicht beschrieben werden sollte:

aus der Sicht junger Mädchen und dabei ganz nüchtern.

Man spürt förmlich, wie die Getroffenen in den Staub sinken und langsam sterben. Man möchte fliehen, aber das Buch lässt seine Leser nicht gehen, hält in einem unbeschreiblichen Bann. Man liest unerbittlich weiter und weiter und weiter. So wie die Mädchen weitermachen müssen.

Traumatisierte junge Frauen

Zwischendurch erfährt man geschichtliche Details, etwa über die „Operation Entebbe“, bei der 1976 israelische Sicherheitskräfte die Passagiere einer Air-France-Maschine aus der Hand von Terroristen befreiten. Shani Boiajiu schafft es mit ihrem ersten Roman nicht nur, die schrecklichen Dinge, die ihren Protagonistinnen während ihrer Militärzeit zugestoßen sind, eindringlich an den Leser zu bringen. Sie regt dazu an, noch mehr über diese weltpolitischen Ereignisse recherchieren und in Erfahrung bringen zu wollen.

Ein Satz, der fast losgelöst in einem kleinen Absatz ziemlich in der Mitte des Buches steht und zusammenhanglos erscheint, ist so schockierend wie verständlich: „Als ich einundzwanzig war, da wollte ich manchmal vor allem eins. Sterben.“ Eine Erklärung gibt es dafür nicht. Doch plötzlich weiß man so viel mehr. Dieser Satz verdeutlicht den verzweifelten, nie laut ausgesprochenen Hilferuf einer Soldatin, die mit dem Erlebten nicht zurecht kommt.

Ist am Ende doch alles gut?

Umso überraschender ist, dass die Freundinnen Lea, Avishag und Yeal gegen Ende des Buches ihr Leben – wenigstens scheinbar – im Griff haben. Lea hat geheiratet und ist schwanger. Sie schreibt unter einem Pseudonym Nazi-Pornos, die sich weltweit gut verkaufen. Avishag arbeitet als Jugendleiterin der örtlichen äthiopischen Pfadfindergruppe und zeichnet nebenbei Fan-Fiction-Comics zu Emily the Strange. Yeal übersetzt Texte, auf die sie bei vorherigen Reisen gestoßen war und stellt sie kostenlos ins Netz, außerdem komponiert sie Lieder in vielen Sprachen, die sie wiederum uploaded und die jeder liebt. Ein verwirrendes Ende. Er ist nicht leicht zu lesen, und doch lohnt sich jede Minute, jede Sekunde dieses Romans.

Das Buch: Shani Boianjiu „Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst“, aus dem Englischen von Maria Hummitzsch und Ulrich Blumenbach; Kiepenheuer & Witsch, 336 Seiten, 19,99 Euro

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