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Gustl Mollath schrieb Justizgeschichte

Sein Schicksal erschütterte viele Menschen. Gustl Mollath saß sieben Jahre gegen seinen Willen in der Psychiatrie. Der Peozess wird neu aufgerollt.

Der „Fall Mollath“ hatte 2013 bundesweit für Aufsehen gesorgt. Foto: dpa

Nürnberg.Kaum eine Szene charakterisiert Gustl Mollath besser: Mehr als vier Stunden hat der heute 57-Jährige an diesem heißen Augusttag die Journalisten vor dem Bayreuther Klinikum warten lassen. Dann erscheint er lässig in Jeans und blauem Polo-Shirt, schwitzend, die Haare leicht zerzaust – unter dem Arm eine üppig wuchernde Topfpflanze. Das Orangenbäumchen, so erklärt er den Reportern und Kamerateams, hat er in seinem Patientenzimmer aus einem Orangenkern selbst gezogen. Klar, dass er die Pflanze nicht einfach so zurücklassen könne.

Einer, der nach sieben Jahren Zwangspsychiatrie wieder ein freier Mann ist, spricht im Moment seiner lange ersehnten Entlassung von seinen botanischen Erfolgen. Andere hätten Freudensprünge gemacht oder Sektkorken knallen lassen. Nicht Gustl Mollath. Der beschränkt sich auf ein angedeutetes Lächeln – und erzählt lieber von seiner „Dattelorange“.

Der Nürnberger, der mit seiner Beharrlichkeit die Grundfesten der deutschen Gerichtspsychiatrie erschüttert hat und damit Justizgeschichte schrieb, hat seinen eigenen Kopf. Der friedensbewegte Endfünfziger passt in kein Schema. Er scheint gern damit zu spielen, die Erwartungen seines Gegenübers zu enttäuschen. Eine Charakterbeschreibung fällt selbst jenen schwer, die ihn häufiger persönlich erlebt haben. Das liegt auch daran, dass Mollath selten über sich selbst spricht. Und wenn, dann leitet er meist schon nach wenigen Sätzen zum „Fall Mollath“ über.

Erst dann ist er in seinem Element. Weit ausholend zieht er vom Leder über voreingenommene Staatsanwälte, schlampig arbeitende Gerichte und verantwortungslose psychiatrische Gutachter – dazwischen biografische Einsprengsel und globale politische Analysen. Aus allem spricht tiefes Misstrauen.

Gutachten disgnostizierten ihm Wahnvorstellungen

Ein „bisschen knorrig und skurril“ sei Mollath – das räumte unlängst auch sein Anwalt Gerhard Strate ein. Er habe eben „Angewohnheiten, die nicht jeder hat“, beschrieb ihn der prominente Hamburger Strafverteidiger in einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“. So schreibe er unter seine Briefe häufig Hinweise auf historische Ereignisse, die zum gleichen Datum stattgefunden hätten. Mitteilungen an Journalisten kritzelt er gerne auf Werbesendungen. Für ein nettes Gespräch bedankt er sich nachträglich schon mal mit einer Tafel Schokolade.

Mollath habe „gefährliche Wahnvorstellungen“. Das hatten ihm psychiatrische Gutachter über Jahre hinweg attestiert – und damit die Weichen für seine gerichtlich angeordnete Einweisung in die Psychiatrie gestellt. Aufgekommen waren die Zweifel an seiner psychischen Gesundheit, als Mollath massiv Schwarzgeld-Geschäfte seiner damals bei der HypoVereinsbank beschäftigten Ehefrau anprangte – zunächst am heimischen Abendbrottisch, später in zahllosen, oft verworrenen Briefen an Behörden, Staatsanwälte, die HypoVereinsbank, seine Frau, den Papst, Kofi Annan und andere.

Was Mollath selbst als seine staatsbürgerliche Pflicht begriff, erlebten die Empfänger seiner Schreiben immer häufiger als Querulanz und Verfolgungswahn – und ignorierten dabei auch Hinweise, die eine genauere Prüfung verdient hätten.

Dokumente belegten Mollaths Vorwürfe

Das Blatt wendete sich erst, als 2012 ein älterer Revisionsbericht der HypoVereinsbank auftauchte. Er belegte einige der von Mollath behaupteten Schwarzgeld-Geschäfte des Bankinstituts. Mit einem Mal geriet selbst die damalige bayerische Justizministerin Beate Merk (CSU) unter Druck. Sie soll schon frühzeitig von dem internen Bankbericht gewusst haben. Merk bestritt das stets. Der Fall Mollath beschäftigte sogar einen Untersuchungsausschuss des bayerischen Landtags. Der bescheinigte der Justiz im Freistaat schließlich, den Fall Mollath nur oberflächlich behandelt zu haben.

Von 7. Juli an will das Landgericht Regensburg das Strafverfahren gegen Mollath aus dem Jahre 2006 noch einmal aufrollen. 15 Termine hat die 6. Strafkammer dafür anberaumt. Im damaligen Verfahren hatte das Landgericht Nürnberg-Fürth Mollath wegen mangelnder Schuldfähigkeit freigesprochen, ihn aber in die Psychiatrie eingewiesen.

Das Gericht will Mollath auch noch einmal psychiatrisch begutachten lassen. Es hat damit den Münchner Psychiater Norbert Nedopil beauftragt. Das Gericht begründete die Bestellung des Gutachters mit der „Vorgeschichte“ des Falls Mollath. Der 57-Jährige Nürnberger hat inzwischen im Gespräch mit dpa unmissverständlich klargemacht, dass er sich „auf keinen Fall persönlich Herrn Neodopil ausliefern“ will. Wenn dieser ihn begutachten wolle, müsse er das auf Aktengrundlage machen. (dpa)

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