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Fall Malina bewegte ganz Deutschland

Im März verschwindet eine Regensburger Studentin nach einer Partynacht. Der Vermisstenfall bewegt die Nation.
Von Isolde Stöcker-Gietl

An dieser Stelle beim Regensburger Herzogspark verlor sich die Spur von Malina. Hier ist sie in die Donau gefallen und ertrunken. Foto: Lex
An dieser Stelle beim Regensburger Herzogspark verlor sich die Spur von Malina. Hier ist sie in die Donau gefallen und ertrunken. Foto: Lex

Regensburg.Es ist ein regnerischer und stürmischer Sonntagmorgen in Regensburg. Die Straßen sind noch dunkel als sich Malina am 19. März gegen fünf Uhr auf den Nachhauseweg macht. Es ist ihr erstes Wochenende in Regensburg. Vor wenigen Tagen hat die 20-Jährige ihr Studium für „Soziale Arbeit“ aufgenommen. Nun feiert sie mit Freunden den Start in ihre Studentenzeit bei einer Elektro-Party in der Alten Mälzerei. Die Stimmung ist ausgelassen, es wird auch getrunken, irgendwann verliert sich die Clique im Partygetümmel aus den Augen. Die 20-Jährige macht sich alleine auf den Nachhauseweg – und verschwindet.

20 Tage lang bangen Menschen in Deutschland und sogar im benachbarten Tschechien mit der verzweifelten Familie. Während die Polizei früh einen Unglücksfall befürchtet, befeuern Hobbyermittler, Hellseher und Verschwörungstheoretiker mit wilden Spekulationen die Diskussionsplattformen in den Sozialen Netzwerken. Bis heute sind manche nicht verstummt.

Im Netz kursieren wilde Spekulationen

Es ist ein Phänomen, mit dem sich die Polizei immer häufiger in ihrer Ermittlungsarbeit konfrontiert sieht. Da gibt es die Zweifler, die – trotz fehlender eigener Erkenntnisse – jede Aussage kritisch hinterfragen. Hobbyermittler, die aus den Informationen, die die Polizei an die Presse weitergibt, ihre eigenen Ermittlungsergebnisse ziehen. Und dann noch jene besorgten Bürger, die auch im Fall Malina versuchten, eine Flüchtlingsunterkunft in das mysteriöse Verschwinden der jungen Frau hineinzuziehen.

„Im Fall Malina war der Einfluss der Sozialen Netzwerke schon auffallend groß.“

„Im Fall Malina war der Einfluss der Sozialen Netzwerke schon auffallend groß“, sagt Albert Brück, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberpfalz. Einerseits sei es hilfreich, wenn durch die schnelle Verbreitung von Vermisstenmeldungen rasch ein großer Personenkreis erreicht werde. Andererseits würden in den Sozialen Netzwerken auch eigene, zum Teil wilde Theorien über die Geschehnisse entwickelt. „Im Fall Malina war es wirklich schwierig für uns als Polizei, das zu handhaben.“

Taucher suchten die Donau nach der Vermissten ab. Foto: Klein
Taucher suchten die Donau nach der Vermissten ab. Foto: Klein

Dabei war das Verschwinden der jungen Frau nicht so mysteriös, wie man im Netz glauben wollte. Es gab mehrere Hinweise und Spuren, die auf einen Unglücksfall hindeuteten. Die Donau führte an jenem Sonntag aufgrund der heftigen Regenfälle hohes Wasser, das fast bis an den Fußweg im Herzogspark heranreichte. Nachdem ein Fußgänger in unmittelbarer Nähe zur Donau das Handy von Malina gefunden hatte und dort zudem Polizeihunde Witterung aufnahmen – deutlich zum Wasser hin, aber nicht mehr eindeutig weg –konzentrierte sich die Suche schnell auf diesen Bereich.

Doch Taucher konnten Malina nicht finden, auch die Suche mit Booten der Wasserschutzpolizei und die Flüge mit Hubschraubern entlang der Donau verliefen ergebnislos. Es war wohl dem langen Zeitraum geschuldet, dass die Spekulationen um die vermisste Studentin immer mehr ins Kraut schossen.

Nichts unversucht gelassen

Ein Großaufgebot an Polizisten war an der Suche beteiligt. Foto: Lex
Ein Großaufgebot an Polizisten war an der Suche beteiligt. Foto: Lex

Die Polizei ging in den drei Wochen einer ganzen Reihe von weiteren Hinweisen nach: Sie durchkämmte mit Suchhunden ein verlassenes Gewerbegelände in Regensburg, sie verfolgte über das gemeinsame Zentrum der deutsch-tschechischen Polizei-Zusammenarbeit eine Spur über die Grenze, sie errichtete ein Portal, auf dem Partygäste der Alten Mälzerei Fotos und Videos hochladen konnten. Man wählte sogar den Weg in die ZDF-Sendung „Aktenzeichen xy ungelöst“, um weitere Hinweise zu erhalten. „Natürlich haben wir nichts unversucht gelassen und sind verschiedenen Ansätzen nachgegangen“, sagt Brück. Die Kripo habe den Fall sachlich abgearbeitet, genau so, wie sie dies in ähnlich gelagerten Fällen tut, sagt Brück. Dennoch wurde der Fall Malina in der Öffentlichkeit völlig anders wahrgenommen als andere Vermisstenfälle.

Dabei kommt es vergleichsweise häufig vor, dass Personen bei der Polizei als vermisst gemeldet werden. Bis Ende November registrierte das Polizeipräsidium Oberpfalz 1162 Fälle. In den Jahren zuvor waren es ebenfalls jeweils mehr als 1100 Menschen. In den allermeisten Fällen klärt sich das Geschehen binnen weniger Stunden bis maximal Tage auf: Senioren, die nach einem Spaziergang nicht mehr nach Hause finden, Kinder und Jugendliche, die aus Betreuungseinrichtungen ausreißen oder unbegleitete jugendliche Flüchtlinge, die sich aus Einrichtungen entfernen und unangekündigt zu Verwandten aufbrechen.

Derzeit sind 52 Vorgänge in der Bearbeitung. „Personen, die tatsächlich über einen längeren Zeitraum nicht mehr angetroffen werden können, sind auch über Jahre hinweg gesehen Einzelfälle“, sagt Brück. Fünf Vermisstenfälle stehen derzeit auf der Fahndungsliste der Polizei Oberpfalz, in drei Fällen – Anna Poddighe aus Amberg sowie Kerstin Langley und Brigitte Neumayr aus Regensburg – schließen die Ermittler ein Tötungsdelikt nicht aus.

Hellseher nährt Spekulationen um Gewaltverbrechen

Vielleicht ist auch das juristisch noch immer nicht aufgeklärte Verbrechen an der jungen Windanlagengutachterin Maria Baumer aus Muschenried mit ein Grund, warum ein mögliches Verbrechen an Malina in den Sozialen Netzwerken immer wieder ins Spiel gebracht wurde. Maria Baumer galt 16 Monate als vermisst, ehe ihre sterblichen Überreste in einem Wald bei Bernhardswald gefunden wurden. Doch im Gegensatz zu Maria Baumers Angehörigen, die tagelang keine Anzeige erstatteten, weil sie deren Verlobtem vertrauten, der sagte, dass Maria sich eine Auszeit genommen hatte, reagierten Familie und Freunde von Malina umgehend und höchst besorgt. Schon wenige Stunden, als sie nach einem letzten Anruf bei ihrer Mitbewohnerin gegen sechs Uhr nicht zu Hause eintraf, starteten sie einen Vermisstenaufruf auf Facebook. Er wurde innerhalb von zwei Tagen mehr als 11 000 Mal geteilt. Gegen 15 Uhr am Sonntagnachmittag wurde bei der Polizei Anzeige erstattet, sagt Brück. Der Vater von Malina kam zwei Tage später von seinem Wohnort nahe München nach Regensburg, um die Suche entlang des Weges, den Malina genommen hatte, mitzuverfolgen.

Die Suche aus der Luft war ergebnislos verlaufen. Foto: Jan Woitas dpa/lah
Die Suche aus der Luft war ergebnislos verlaufen. Foto: Jan Woitas dpa/lah

Letztlich hat die Familie, die aus höchst verständlichen und nachvollziehbaren Gründen nichts unversucht lassen wollte, die wilden Spekulationen in den Netzwerken indirekt mitbefeuert. Der Vater startete einen Spendenaufruf im Netz und sammelte über 50 000 Euro für den entscheidenden Hinweis in dem Vermisstenfall. Bei einem Auftritt in der Sendung „Stern TV“ appellierte er an mögliche Entführer, seine Tochter endlich freizulassen. Er sagte, dass er tief im Herzen spüre, dass Malina noch am Leben sei. Und es scheint so, als wollten die vielen Menschen, die großen Anteil am Schicksal der 20-Jährigen nahmen, dies auch glauben.

Wohl auch deshalb wurden Zeugenaussagen, die die Polizei zu diesem Zeitpunkt bereits überprüft und als nicht weiterführend in dem Fall eingestuft hatte, wieder und wieder diskutiert. War Malina etwa doch gekidnappt worden oder hatte sie die Stadt aus freien Stücken verlassen? Ein Hellseher, der sich bei der Polizei meldete, nährte die Spekulationen um ein Gewaltverbrechen. Er sah Malina tot bei Etterzhausen in einem Wald und nannte sogar eine Straße, in der der angebliche Täter leben solle. Man kenne diese Klientel, sagt Polizeisprecher Brück über derlei Hinweise. Die Kripo sei erfahren im Umgang damit und bewerte die Angaben entsprechend. Die Frage, ob sie dem Tipp des Hellsehers nachgegangen sei, beantwortet Brück nicht. So wie sich die Polizei auch sonst mit weiterführenden Informationen an die Öffentlichkeit zurückhielt – und bis heute hält. Es sei schwer möglich, mit Menschen, die die Arbeit der Polizei anzweifeln, in eine Diskussion zu treten. „Das geht schon allein deshalb nicht, weil wir zur Klarstellung sehr viel aus unseren Ermittlungen preisgeben müssten.“

Die traurige Gewissheit

Im Fall Malina gab es am 7. April traurige Gewissheit. Ihre Leiche wurde nahe Donaustauf in der Donau entdeckt. Die Studentin hatte die Stadt nicht verlassen, war nicht entführt worden. Rechtsmedizinische Untersuchungen und das toxikologische Gutachten stützten die von der Kripo gefasste Unfalltheorie. Es gab keine Hinweise auf Fremdeinwirkung. Ihr Tod war ein Unglücksfall. Weitere Untersuchungsergebnisse gibt die Polizei nicht mehr preis. Sie schützt Malinas Persönlichkeitsrechte und die ihrer trauernden Familie.

So berichtete die MZ:

Der Fall Malina

  • Dienstag, 21. März:

    In der Lokalausgabe Regensburg berichtet die MZ von der Suche nach Malina.

  • Am selben Tag

    läuft die Polizei erstmals mit Suchhunden den Weg ab, den die Studentin genommen hat. Ein Fußgänger findet an der Donau ihr Handy.

  • Am 7. April

    wird ihre Leiche in der Donau entdeckt.

Die Facebookseite, mit der nach Malina gesucht und Spenden gesammelt wurden, besuchen bis heute viele Menschen und hinterlassen Wünsche und Gedanken. Die Spenden hat die Familie zurückgezahlt und sich danach komplett aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Sie trauert um die verunglückte Tochter, während anderswo noch spekuliert wird.

Das war das Jahr 2017: Lesen Sie in unserem Jahresrückblick, was in der Region passiert ist.

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