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Mohammad bleibt – vorerst

2013 kam der Afghane nach Deutschland. Seit 2015 arbeitet er in Anita Brunners Betrieb. Plötzlich kam der Abschiebebescheid.
Von Katharina Eichinger

Mohammad macht nun eine Lehre im Abensberger Malerbetrieb von Anita Brunner. Auch in seiner Heimat hat er schon kleine Malerarbeiten erledigt – bis er zur Armee musste. Foto: Eichinger
Mohammad macht nun eine Lehre im Abensberger Malerbetrieb von Anita Brunner. Auch in seiner Heimat hat er schon kleine Malerarbeiten erledigt – bis er zur Armee musste. Foto: Eichinger

Abensberg.Anita Brunner zieht einen Schlüsselanhänger aus der mit weißer Farbe besprenkelten Outdoor-Jacke. In das silberne Oval ist das Wort „Chefin“ eingraviert. Auf der Rückseite steht ein Datum: 8.9.2015. An diesem Tag kam Haqiar Yar Mohammad als Praktikant in ihren Betrieb. Da war er schon mehr als zwei Jahre in Deutschland.

„Damals war noch alles total positiv“, sagt die Malermeisterin. „Die zuständigen Behörden haben gesagt: Sie kriegen einen Praktikanten. Wenn das klappt, können sie ihn übernehmen.“ Heute ist Brunner enttäuscht, denn die Behörden hätten ihr vermittelt, dass mit der Einstellung von Mohammad keine Komplikationen entstehen.

Deutschkurse, Hilfe bei der Jobsuche – die Integrationsmaßnahmen der zuständigen Stellen hatten bei Mohammad Erfolg: „Ich habe ihn eingestellt, und er war von Anfang an ein verlässlicher Arbeiter“, schildert Brunner Mohammads Einstieg in ihrem Betrieb. Er habe sich gut angestellt, war teamfähig und fleißig. „Auf Abschiebung wäre ich damals nicht gekommen“, sagt die Chefin.

Ein fataler Fehler

Malermeisterin Anita Brunner Foto: Neumaier
Malermeisterin Anita Brunner Foto: Neumaier

Am Anfang scheint alles zu passen. Eine Lehre scheitert zwar noch an den fehlenden Deutschkenntnissen. Doch Mohammad ist glücklich mit seiner Stelle als Hilfsarbeiter, die er nach dem Praktikum bekommt. Und Brunner ist froh, einen zuverlässigen Mitarbeiter zu haben. Ende 2016 der Schock: Durch Zufall erfährt Malermeisterin Brunner, dass Mohammads Abschiebung schon im Gange ist.

Eigentlich hätte der Flüchtling im Dezember 2016 eine Anhörung haben sollen. Mohammad hätte vor einem Mitarbeiter des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) zu seinen Lebensumständen in Afghanistan aussagen und seine Fluchtgründe darlegen können.

Er wurde in seinem Heimatland verfolgt, sagt Mohammad. In Afghanistan erhielt er ein Schreiben der Taliban mit der Aufforderung, sich zu ihnen zu bekennen. Das tat er nicht – und erhielt ein zweites Schreiben: Nun seien die Taliban hinter ihm her. Mohammad fürchtete um sein Leben und floh.

Doch zur Anhörung kommt es nicht. Die Papiere kommen nicht bei Mohammad an. „Da muss man aber ehrlich zugeben, dass du ein bisschen selbst schuld dran bist“, sagt Brunner zu ihrem Mitarbeiter. Der 23-Jährige hatte den Kontakt zu seinem Anwalt in Düsseldorf abgebrochen – ohne sich einen neuen zu suchen. „Ich wusste nicht, dass das so schlimm ist“, sagt Mohammad. Doch für den jungen Mann hat es fatale Folgen.

„Ich wusste, wenn ich ihm nicht helfe, wird er in Afghanistan getötet.“

Malermeisterin Anita Brunner

Seit 2015 arbeitet Mohammad in Brunners Betrieb. Foto: Brunner
Seit 2015 arbeitet Mohammad in Brunners Betrieb. Foto: Brunner

Der Abschiebebescheid trifft Brunner hart. Ihr Partner und ihre Mutter sind ebenfalls geschockt. „Auch Schuldgedanken waren meine Motivation. Ich wusste, wenn ich ihm nicht helfe, wird er in Afghanistan getötet“, sagt die Malermeisterin über ihre Entscheidung, dem Afghanen zu helfen.

Für Brunner beginnen Behördengänge, denn sie will Mohammad behalten. Nur weil sie Himmel und Hölle in Bewegung setzt, packt man den Afghanen nicht am 22. Februar in den Flieger Richtung Heimat. Dass die Abschiebung schon angelaufen war, haben weder sie noch Mohammad jemals offiziell erfahren. „Die Flüchtlinge könnten ja untertauchen, wenn sie Bescheid wissen.“

Brunner hat kein Verständnis für die Politik

Im Landratsamt Kelheim legen die Beamten Mohammad die freiwillige Ausreise nahe. Er solle von Afghanistan aus versuchen, erneut eine Arbeitserlaubnis für Deutschland zu bekommen. Aber: „Die Wahrscheinlichkeit geht gegen null, dass das klappt“, sagt Brunner. Und: „Der Mensch flüchtet – warum sollte er freiwillig wieder dorthin zurückkehren?“ Sie glaubt nicht, dass Mohammad den Flughafen in Kabul lebend verlassen hätte. Die blonde Frau schüttelt den Kopf. „Die Behörden waren total unkooperativ. Die wollten Mohammad so schnell wie möglich loswerden.“

„Zuerst gibt der Staat Unmengen von Geld aus, um die Leute zu qualifizieren, und dann werden sie abgeschoben.“

Malermeisterin Anita Brunner

Das Landratsamt in Kelheim nahm im Frühjahr auf Anfrage der Mittelbayerischen zum Fall Stellung. Sobald das Bamf einen Asylantrag ablehnt, leitet das Landratsamt „aufenthaltsbeendende Maßnahmen“ ein. Die Abschiebung sei aber nur möglich, wenn Reisedokumente und Ausweispapiere beschafft werden können – ist das nicht der Fall, darf der Flüchtling nicht mehr arbeiten. Ermessensspielraum gebe es nicht für die Behörde, heißt es in der Stellungnahme.

Auch die Nittendorfer beschäftigte das Schicksal eines jungen Flüchtlings. Erfahren Sie mehr.

Brunner hat kein Verständnis. „Zuerst gibt der Staat Unmengen von Geld aus, um die Leute zu qualifizieren, und dann werden sie abgeschoben“, sagt sie. „Das läuft doch allem zuwider, was die große Politik in der Flüchtlingsfrage predigt.“

Die Angst zehrt an ihm

Auf der Bausteller packen Brunner und Mohammad gemeinsam an. Foto: Neumaier
Auf der Bausteller packen Brunner und Mohammad gemeinsam an. Foto: Neumaier

Anfang des Jahres kümmert sich Brunner darum, dass Mohammad wieder ein Arbeitsvisum bekommt. Der 23-Jährige lebt nun von seinem Ersparten. Seine Verfassung ist schlecht. Er verbringt die Nächte im Flüchtlingsheim statt in seiner eigenen Wohnung – aus Angst, die Polizei komme, um ihn zu holen. Er schläft kaum. „Er sah wahnsinnig schlecht aus“, erinnert sich Brunner. „Ich kann nicht mehr zurück“, sagt Mohammad.

Unzählige Behördengänge, Telefonate und Schriftwechsel später erreichen die Malermeisterin und Mohammad gemeinsam mit einer neuen Anwältin einen kleinen Durchbruch: Der Fall wird neu aufgerollt. Mohammad bekommt wieder eine Arbeitserlaubnis.

„Derjenige, der Wille zeigt, aber aus Afghanistan kommt, hat eben Pech.“

Malermeisterin Anita Brunner

Normalerweise wird die Genehmigung alle zwei Monate neu verlängert, doch Brunner ist das zu unsicher. Also beginnt Mohammad in ihrem Abensberger Betrieb eine Lehre. Nun wird der 23-Jährige geduldet. Ein vollwertiger Asylstatus ist das nicht. Wer zur Ausreise verpflichtet ist, aber zur Zeit nicht abgeschoben werden kann, erhält eine Duldung. Zum Stichtag 30. September 2017 sind laut Bundesregierung 163 184 Menschen in Deutschland geduldet.

Brunner findet die Situation frustrierend: „Es wird nicht individuell auf den einzelnen Fall eingegangen.“ Natürlich gebe es auch Ausländer, die sich nicht integrieren wollen. Doch dass Mohammad sich immer korrekt verhält und bemüht ist, dem Land, das ihn aufgenommen hat, etwas zurückzugeben, werde nicht gewürdigt. „Derjenige, der Wille zeigt, aber aus Afghanistan kommt, hat eben Pech“, fasst sie seine Situation zusammen. „Mohammad ist greifbar: Er hat eine Wohnung, eine Arbeit, einen Ausweis. Man findet ihn leicht und so ist er auch leicht abschiebbar.“ Er liegt dem Staat nicht auf der Tasche. Alles – auch seine Anwältin – bezahlt er von seinem eigenen Geld.

Mohammad will in Deutschland Fuß fassen

Mohammad ist ohne Begleitung aus Afghanistan geflüchtet. Die Familie wird nicht nachziehen. Er will allein in Deutschland Fuß fassen. Brunner glaubt, dass die Menschen, die nach Deutschland kommen und hier auf Asyl hoffen, angesichts der bürokratischen Hürden den Mut verlieren: „Du frustrierst die Leute doch nur und dann hocken sie auf der Straße“, sagt die Malermeisterin.

Brunner ist sich sicher: „Wäre der bürokratische Aufwand nicht so hoch, würden sich noch mehr meiner Kollegen so einsetzen.“ Doch die Zeit, sich täglich mit Behördengängen und Papierkram zu beschäftigen, fehlt im Handwerk. Brunner wünscht sich, dass der Staat Betriebe, die Migranten einstellen, besser unterstützt.

„Wäre der bürokratische Aufwand nicht so hoch, würden sich noch mehr meiner Kollegen so einsetzen.“

Malermeisterin Anita Brunner

Bereits Anfang des Jahres ging die bayerische Wirtschaft gegen die Staatsregierung auf die Barrikaden: Denn nach einem Innenminister-Rundschreiben an die Ausländerämter sollen Asylbewerber nur noch dann eine Arbeitserlaubnis erhalten, wenn sie mit hoher Wahrscheinlichkeit in Deutschland bleiben dürfen.

Aus ganz Bayern trudelten daraufhin bei IHKs und Handwerkskammern Beschwerden von Unternehmern ein. „Gerade unsere vielen kleinen und mittelständischen Betriebe leisten einen großen Beitrag zur Integration von Flüchtlingen“, sagte Dr. Jürgen Helmes, Hauptgeschäftsführer der IHK Regensburg im Januar.

Duldung ist nicht endgültig

Als der Bescheid kommt, dass Mohammad geduldet wird, ist Brunner erleichtert – obwohl absehbar ist, dass diese Entscheidung nicht endgültig ist. „Ich sehe das mittlerweile kurzfristig. Aus Spaß habe ich dann zu Mohammad gesagt: Ich will nichts mehr von dir hören die nächsten drei Jahre!“

Doch die Freude währt nicht lang. Wenige Tage vor dem Weihnachtsfest 2017 liegt wieder ein Abschiebebescheid im Briefkasten. Und wieder fahren Brunner und Mohammad zur Anwältin und erheben Einspruch. Brunner glaubt, dass die Kommunikation zwischen dem Bamf und der Stelle, die seine Ausbildung bewilligt hat, nicht funktioniert hat.

Für Mohammad bricht erneut eine Welt zusammen. „Emotional ist das wie, wenn jemand dein Todesurteil spricht“, sagt Brunner. „Er fühlt sich in seiner Existenz bedroht.“ Trotz aller Hindernisse ist Mohammads Anwältin zuversichtlich. Mohammad werde auf jeden Fall bleiben, bis er seine Ausbildung beendet hat. Brunner glaubt weiter fest an ihren Mitarbeiter: „Mohammad weiß, dass aufgeben und resignieren das Schlimmste wäre. Er weiß, dass er weiter kämpfen muss.“

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Aus dem Asylverfahren

  • § 25 Abs. 1 Asyl-Gesetz:

    Auf Basis der persönlichen Anhörung und der Überprüfung von Dokumenten und Beweismitteln entscheidet das Bundesamt über den Asylantrag. Das Einzelschicksal gilt als maßgeblich.

  • Ziel der Anhörung:

    Die persönliche Anhörung ist der wichtigste Termin des Asylverfahrens. Ziel ist es, die individuellen Fluchtgründe zu erfahren, tiefere Erkenntnisse zu erhalten sowie Widersprüche aufzuklären.

  • Einstellung:

    Ein Asylverfahren kann dabei auch eingestellt werden. Dies ist der Fall, wenn der Asylantrag zurückgezogen wird oder die betroffene Person zur Anhörung nicht erscheint. (Quelle: BAMF)

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