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Interview

„Junge Leute besser politisch bilden“

MZ-Junior-Reporter Jonas spricht mit der SPD-Abgeordneten Marianne Schieder über die Wahl, die Schule sowie das Verhältnis von Politik und Jugend.

MZ-Juniorreporter Jonas Zweifel hat die SPD-Bundestagsabgeordnete Marianne Schieder interviewt. Ein Thema war die Schule.

Was passiert, wenn bei der Bundestagswahl Schwarz-Gelb und Rot-Grün gleichaufliegen?

Das ist schwer zu sagen. Viele wünschen sich die große Koalition zurück, doch weder die Union noch die SPD wollen das. Die SPD schon gar nicht, wenn Angela Merkel Kanzlerin bleibt. Natürlich hoffe ich, dass Rot-Grün die Mehrheit erringt.

Halten Sie eine Rot-Rot-Grüne Koalition mit der Linkspartei für legitim?

Ich denke nicht, dass wir bei den Politikvorstellungen und den Forderungen der Linkspartei einen gemeinsamen Nenner finden werden. Vor allem die europapolitische Linie dieser Partei, also Forderungen nach einem Nato-Austritt, nach weniger Europazugeständnissen, halte ich nicht für sinnvoll. Zurzeit gibt es in diese Richtung also keine Diskussion.

Gibt es Themen, die Sie im Wahlkampf bewusst stärker betonen als sonst?

Der SPD geht es vor allem um die Thematik soziale Gerechtigkeit und das Auseinanderdriften gesellschaftlicher Schichten gerade im wirtschaftlichen Aufschwung. Hier muss insbesondere am Arbeitsmarkt gegengesteuert werden, durch einen gesetzlichen Mindestlohn zum Beispiel. Unter Schwarz-Gelb würde dieser Weg der Spaltung der Gesellschaft fortgeführt.

Vor einigen Wochen hat sich die Partei „Alternative für Deutschland (AfD)“ gegründet. Sie bezieht sehr starke Anti-Euro-Positionen, die bei einem Teil der Bevölkerung Anklang finden. Was denken Sie, welche Währung wir in zehn Jahren haben?

Den Euro. Man kann ja nicht wegen einiger Schwierigkeiten einen sehr erfolgreichen Weg wieder verlassen: die Zusammenarbeit und das Zusammenwachsen der europäischen Staaten, was uns Frieden, Freiheit, Demokratie und sozialen Wohlstand ermöglicht hat. Deshalb – und natürlich auch aus wirtschaftlichen Gründen – liegt es auf der Hand, dass eine gemeinsame Währung wesentlicher Teil dieses Prozesses ist. Die Schwierigkeiten sind nicht unbezwingbar. Auch, wenn uns die politischen Maßnahmen sehr viel Geld kosten, so ist das nichts im Vergleich zu dem, was auf uns zukommt, sollte der Euroraum oder womöglich auch die EU in Gefahr geraten.

Könnte sich die Euro-Krise verschärfen?

Es wurde von Frau Merkel und dem früheren französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy von Anfang an zu sehr auf Abbau von Staatsschulden gesetzt. Und das, obwohl Verschuldung längst nicht bei allen Krisenstaaten das Problem war, zum Beispiel in Spanien. Natürlich müssen Staatsschulden reduziert werden, doch das muss durch die Stärkung der Wirtschaft geschehen, nicht durch Zahlungen von außen. Man muss sich international auf einen sinnvollen Kurs einigen, diesen aber innenpolitisch auch vermitteln können. Das hat beim Wegbrechen und Verarmen ganzer Gesellschaftsschichten eben gerade keine Aussichten auf Erfolg.

Ein Thema, bei dem die europäische Einigung geglückt scheint, ist das Studium, seit durch die Bologna-Reform hier einiges vereinheitlicht wurde. Was sagen Sie dazu, dass sich Deutschland beim Schulsystem immer noch diesen Föderalismus leistet?

Die Zeiten von Bildungsföderalismus sind für mich vorbei. Es wirkt absurd, wenn in Deutschland 16 Schulsysteme existieren. Es muss doch möglich sein, sich auf grundlegende Züge wie die Dauer der Gymnasialbildung einigen zu können, ohne den Länderparlamenten Kompetenzen strittig zu machen. Wir müssen viel mehr daran setzen, dass Kinder von klein auf besser gefördert werden, dass Klassen kleiner werden etc.

Wie stehen Sie zu einer Rückkehr zum G9, um etwa mehr Zeit für die Förderung des Einzelnen zu schaffen oder den Lerndruck zu mindern?

Man kann nicht alle paar Jahre das System wechseln, die neuen Lehrpläne und Bücher wieder verwerfen, insbesondere, weil auch zu solchen Ideen wieder keine bundesweite Einigung vorliegt. Ich bin der Meinung, man kann auch ein G8 vernünftig gestalten, indem man beispielsweise die Klassen verkleinert oder Intensivierungsstunden verstärkt einrichtet.

Ein Latinum oder Graecum ist mittlerweile für immer weniger Studiengänge vorgeschrieben. Wie beurteilen Sie die Rolle humanistischer Fächer in Zukunft?

Gerade Latein ist ja nicht nur eine Sprache, sondern in diesem Unterricht werden philosophische, ethische und historische Inhalte fast in gleichem Maße vermittelt. Das ist ein wertvoller geisteswissenschaftlicher Gegenpol zu den ansonsten überwiegenden Naturwissenschaften.

Trotzdem ist etwa Mathe Pflichtfach im G8 in Bayern. Doch kann man bei Differenzialkurven und Integralrechnung noch von Allgemeinbildung sprechen?

Daran habe ich auch meine Zweifel. Ich halte es für viel wichtiger, mehr Sozialkunde und Geschichte zu unterrichten, um mehr staatsbürgerliches Bewusstsein, politisches Wissen und Demokratieverständnis zu fördern. Die Demokratie erhält sich nicht von selbst, und hierfür müssen wir mehr, gerade junge Leute, besser politisch bilden, und sie nicht nur auf die fachspezifische Karriere ausrichten. Wir beobachten ja schon jetzt bei den Jüngsten eine übersteigerte Selbstbezogenheit. Man muss dafür sorgen, dass wieder ein größeres Bewusstsein für die Gesellschaft herrscht.

Wo wird die Selbstbezogenheit sichtbar?

Deutlich sichtbar ist sie bei der Arroganz höherer Schulformen gegenüber der Mittelschule. Hier ist mehr Respekt in der Gesellschaft wichtig. Die Realschule ist derzeit die erfolgreichste, weil meistbesuchte und akzeptierteste Schulform in Deutschland. Dennoch herrscht eine regelrechte Abitursucht vor allem in akademischen Haushalten, als finge der Mensch beim Abitur an. In dieser Frage ist Anerkennung für alle Arten von Begabungen, auch die im nicht akademischen Bereich vonnöten.

Welche Möglichkeiten hat die Jugend, sich vor der Volljährigkeit in die Politik einzubringen?

Es gibt Jugendparlamente, Jugendorganisationen von Parteien und vieles andere. Viele politische Amtsträger besuchen außerdem regelmäßig Schulen, damit Schüler in Kontakt mit Politikern kommen. Doch gerade in letzter Zeit erleben viele, dass solche Angebote kaum noch von Jugendlichen wahrgenommen werden. An dieser Stelle müssen Projekte wie die U-18-Wahl gegensteuern, um das Interesse von Teilen der Jugend an der Politik nicht erlöschen zu lassen.

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